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Interview Christoph Schwarz: "Wir müssen stärker präventiv denken"

Interview Christoph Schwarz : "Wir müssen stärker präventiv denken"

Die Unwetter in der Region am 20. Juni und am 1. Juli hatten erneut große Schäden zwischen Lohmar, Bonn und Wachtberg angerichtet. Um zukünftig besser gegen solche Ereignisse gerüstet zu sein, müssen aus Sicht von Kreisumweltdezernent Christoph Schwarz viele Parteien umdenken. Wen Schwarz genau in der Pflicht sieht, erklärte er im Interview.

Herr Schwarz, nach den verheerenden Regenfluten im Frühsommer haben Sie vielerorts Handlungsbedarf ausgemacht. Wer muss was tun?
Christoph Schwarz: In vielen Bereichen sind die Strukturen mit Blick auf den Klimawandel nicht optimal aufgestellt. Denn aus meiner Sicht ist klar: Mit solchen Unwetterereignissen wie im Frühsommer, die statistisch nur alle hundert Jahre auftreten sollen, müssen wir jetzt alle zwei bis drei Jahre rechnen.

Nach den Starkregenfällen haben die Bürger oft auf die Stadt- und Gemeindeverwaltungen gezeigt.
Schwarz: Dazu muss man klar sagen: Die kommunalen Abwassersysteme sind für solche Ereignisse ebenfalls nichts ausgelegt. Gesetzlicher Maßstab sind Regenereignisse, die alle 20 bis 30 Jahre vorkommen. Das den neuen Herausforderungen anzupassen, wird Zeit und Geld kosten. Gleichwohl sollte eine Gemeinde jetzt schon bei der Ausweisung von Neubaugebieten mögliche Unwetterfolgen berücksichtigen. Auch Gewässerschauen sollen regelmäßig unternommen werden, denn nach einem Unwetter kann aus jedem Bach wie dem Mehlemer Bach ein reißender Fluss werden.

Aber selbst wenn Kommunen vorgesorgt haben, ist das kein hundertprozentiger Schutz, wie das Beispiel Lohmar zeigt.
Schwarz: In der Kommune sind bei dem Unwetter am 20. Juni tatsächlich viele unglückliche Ereignisse zusammengekommen. Die Stadt hatte in der Vergangenheit wegen der Unwetterschäden Millionenbeträge in den Gewässerschutz investiert, etwa in Rückhaltebecken. Trotzdem kam es etwa in dem RSB-Gebiet wieder zu massiven Überschwemmungen. Die Verklausung (Verschluss durch Treibgut, die Redaktion) war in Lohmar das große Problem.

Was ist mit der Landwirtschaft, wenn man auf die problematischen Erosionsflächen schaut. In Wachtberg ist es nach den Unwettern auf Ackerbauflächen in Hanglagen zu starken Erdabträgen gekommen.
Schwarz: Das ist in der Tat ein Problem, wobei Wachtberg kein Einzelfall im Rhein-Sieg-Kreis war. Ackerbau in Hanglagen wird vor allem dann grenzwertig, wenn es sich um Flächen mit Sonderkulturen wie Mais oder Kürbissen handelt. Gerade der Maisanbau nimmt bundesweit zu. Diese Flächen sind aber sehr anfällig für Erosionen. Hier liegt während der Vegetationsperiode viel Bodenfläche frei und wird auch von den Landwirten durch den Einsatz von Herbiziden freigehalten.

Was kann der Umweltdezernent dagegen tun?
Schwarz: Wenig. Bei Unwettern wie im Frühjahr kann es bereits bei Hangneigungen von zwei bis drei Prozent zu Abschwemmungen kommen. Die Kreisverwaltung kann den Ackerbau aber erst bei Flächen verbieten, die eine Neigung von 15 Prozent aufweisen. Das ist bereits alpines Gelände. Solche Flächen gibt es im Rhein-Sieg-Kreis allerdings nicht. In allen anderen Fällen ist die deshalb Landwirtschaftskammer zuständig, was man aus meiner Sicht überdenken sollte. Denn wenn man ehrlich ist, kann die Kammer bei der Vielzahl der problematischen Hanglagen, die landwirtschaftlich genutzt werden, nicht in jedem Fall Beratungsgespräche mit den Landwirten führen.

Klar, dass sich die Landwirte gegen Flächenstilllegungen wehren würden.
Schwarz: Ja, das ist wegen der Prämieneinbußen auch nachvollziehbar. Deshalb ist es Aufgabe des Landes NRW, eine Strategie zu entwickeln und alle Beteiligten an einen Tisch zu holen. Wir müssen deshalb anfangen, stärker präventiv zu denken. Dabei kann dem Kreis nur die unerfreuliche Rolle des unbequemen Mahners zukommen.

Wer ist noch im Fokus des unbequemen Mahners?
Schwarz: Die Forstwirtschaft. Im Zuge des Unwetters haben wir vor allem im Siebengebirge gesehen, dass die Wirtschaftswege zum Problem werden. Da diese aus betriebswirtschaftlichen Gründen oft schnurstracks talwärts führen, und Entwässerungsgräben aus den Wäldern in der Regel auch noch neben diesen Wegen verlegt wurden, ergießen sich nach Unwettern wahre Sturzbäche talwärts. Die führen oft auch noch Schlamm und Astwerk mit sich. So geschehen etwa in Oberdollendorf, wo ein Haus am Schleifenweg von einer Schlammlawine getroffen wurde. Gespräche mit dem Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft hat es diesbezüglich bereits gegeben. Doch dort fehlt es an Geld, um Abhilfe zu schaffen.

Überall sind die öffentlichen Haushalte klamm. Daher wird der Bürger zukünftig wohl selbst stärker vorsorgen müssen.
Schwarz: So ist es. Dabei wird aber Kommunen und Verwaltung die Aufgabe zukommen, vor allem Immobilienbesitzer in gefährdeten Bereichen zu sensibilisieren. In Oberdollendorf ist das bei dem Eigentümer des überfluteten Hauses am Schleifenweg bereits gelungen. Der hat eine kleine Mauer zum Schutz vor talwärts strömenden Fluten auf seinem Grundstück gebaut.