Krawalle in Lannesdorf: Wie die Anwohner die Ausschreitungen erlebt haben

Krawalle in Lannesdorf : Wie die Anwohner die Ausschreitungen erlebt haben

Nach den schweren Krawallen vom Samstag standen die Menschen in Lannesdorf auch am Montag unter dem Eindruck des Ausnahmezustands infolge der Pro-NRW-Kundgebung. Zwar waren die gröbsten Spuren der Gewalteskalation bis zum Morgen beseitigt worden, dennoch war die Straßenschlacht zwischen gewaltbereiten Salafisten und Polizeibeamten den gesamten Tag über Stadtgespräch.

Derweil gaben sich an den Haustüren ermittelnde Polizeibeamte und recherchierende Fernsehteams die Klinken in die Hand. Ihnen berichteten reihenweise Anwohner von den schockierenden Szenen der Verwüstung, die sich am Samstagnachmittag vor ihren Wohnzimmerfenstern ereignet hatten - und von ihrer Angst, zu der sich die meisten von ihnen offen bekannten.

"Das waren kriegsähnliche Zustände", sagte der Eigentümer eines Hauses in Nähe der Kreuzung von Drachenburg- und Ellesdorfer Straße. "Die Gewalt lag schon vormittags in der Luft, das konnte gar nicht friedlich verlaufen", zeigte er sich angesichts der aggressiven und gereizten Stimmung überzeugt. So habe er beobachtet, wie sich Randalierer auf der Straße vermummt und gegenseitig mit Wurfgeschossen versorgt hätten.

Auch am Mehlemer Bahnhof, so schilderten am Montag GA-Leser, waren am Mittag anreisende Demonstranten beobachtet worden, wie sie nach der Ankunft mit der Bahn mit Steinen in den Händen den Weg in Richtung Demonstration angetreten hätten. "Das war eindeutig: Die waren von vornherein auf Gewalt aus", so ihre Einschätzung. Wie berichtet, hatte die Polizei den Bereich für die angemeldete Gegendemonstration vor der König-Fahd-Akademie mit Kontrollketten versehen, um die Teilnehmer vor dem Zugang nach Waffen und Wurfgeschossen zu durchsuchen.

Außerhalb dieser Schleusen, insbesondere entlang der Ellesdorfer Straße in südlicher Richtung, hatten die Kriminellen aber offenbar freien Zugang zu allem, was sich aus Vorgärten und Hauseingängen als gefährliche Werkzeuge nutzen ließ. An zahlreichen Häusern beispielsweise dienen Kieselsteine unterschiedlichster Größenordnung als Drainage oder Gartenzier.

Auch die Reihen der Blumentöpfe sowie Jägerzäune wiesen gestern sichtliche Lücken auf. "Die Randalierer hatten vor der Polizei überhaupt keinen Respekt. Es waren Bilder, wie man sie sonst nur aus dem Fernsehen kennt, einfach schlimm und beängstigend", sagte Andrea Adams, die in der Nähe des Geschehens wohnt.

[kein Linktext vorhanden]Die Polizei hat am Montag eine mobile Anlaufstelle eingerichtet, die während der ganzen Woche in Lannesdorf präsent sein soll. "Wir sind zwischen 10 und 18 Uhr für die Bürger da und nehmen Anzeigen und Hinweise entgegen. Zudem ist seit Montag eine zusätzliche Fußstreife in den Straßen Lannesdorfs unterwegs. Insgesamt geht es uns darum, die Ängste der Bürger zu minimieren und das Sicherheitsgefühl wieder herzustellen", sagte Bernhard Spinnrock, Leiter des Bezirks- und Schwerpunktdienstes der Bonner Polizei.

Das scheint angesichts der Stimmung im Ort auch nötig zu sein. "Wir haben am Samstagmorgen aus der Zeitung erfahren müssen, was uns nach Einschätzung der Polizei sogleich erwartete. Niemand hat es vorher für nötig gehalten, die Anwohner vorzuwarnen. Ich fühle mich von Polizei und Behörden über den Tisch gezogen", schimpfte eine GA-Leserin aus der Paracelsusstraße. Sie könne nicht begreifen, wie man eine Veranstaltung noch durchführen könne, obwohl selbst die Polizei die Eskalation vorhergesehen habe.

Am Montagmittag machte sich auch Bezirksbürgermeisterin Annette Schwolen-Flümann ein Bild von der Situation in Lannesdorf und sprach mit betroffenen Anwohnern und Geschäftsleuten. "Ich verurteile sowohl die bewusste Provokation von Rechts als auch die Gewalt der Salafisten auf das Schärfste. Beides ist nicht hinnehmbar", sagte sie und würdigte die Erfolge, die durch allseitige Bemühungen um ein friedliches Miteinander in Bad Godesberg bereits erzielt worden seien.

"Von den Moscheegemeinden und Vertretern der Muslime in Bad Godesberg erwarte ich eine klare Positionierung gegen extremistische Tendenzen", sagte die Bürgermeisterin. Am Montagabend kamen zahlreiche Menschen zu einem Friedensgebet in der Lannesdorfer Pfarrkirche Herz Jesu zusammen.

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