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RECYCLING: Treppenpfosten verwandeln sich in Tischbeine

RECYCLING : Treppenpfosten verwandeln sich in Tischbeine

Seit 25 Jahren verändert "Holzwurm" Klaus Thull altes Baumaterial zu neuen Wohnobjekten. Einrichtung der Berliner Kneipe "Ständige Vertretung" stammt aus seinem Betrieb.

Es begann mit Fenstern, die Klaus Thull in Spiegel umbaute, damals noch in der Bonner Südstadt. "Da haben wir den Lack noch mit Glasscherben abgezogen", sagt Thull. Der frisch gebackene Diplom-Sozialarbeiter erkannte, dass er doch nicht dazu berufen war, an den Symptomen gesellschaftlicher Missstände herumzudoktern. Zusammen mit einem Kollegen, der wie er in Holz machte und einem dritten Kollegen, der Zimmerpflanzen verkaufte, gründete er die Firma "Holzwurm & Blattlaus".

Heute betreibt Thull die Firma, die ausgediente Gebrauchsgegenstände in Schmuckstücke verwandelt, wieder alleine. Seit vier Jahren ist sie in einem Hinterhof an der Bonner Straße ansässig. "Godesberg ist ein ideales Pflaster", findet der 54-Jährige. Zahlreiche alte Botschaften würden zurzeit von ihren ehemaligen Eigentümern wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Thull profitiert davon in beiden Richtungen: als Verkäufer antiker Stücke und als Abstauber. Auch heute noch beschäftigt sich Thull gerne mit Fenstern. Ihn fasziniere die Wandlung vom Fenster, durch das man "raus in die Welt" blicken könne, zum Spiegel, in dem man sich selbst erkenne, sagt Thull.

Zur symbolischen Bedeutung von Fenstern und Spiegeln hat er einen dicken Aktenordner angelegt. Später kamen zu den Spiegeln Bilderrahmen, Schränke, Vitrinen und Garderoben, zuletzt Gartenmöbel und - Accessoires, nachdem Thull das gesamte alte Gartenmobiliar des Schaumburger Hofs erworben hatte. Wo immer in Bonn oder Bad Godesberg ein Haus abgebrochen oder renoviert wird, ist Thull zur Stelle. "Anfangs haben mir die Leute alles gratis überlassen", sagt Thull, doch mittlerweile verlangten einige auch Geld von ihm. Meist seien sie aber froh, die Entsorgungskosten sparen zu können.

Ob ausrangierte Möbel und Baumaterialien oder Türen, Treppen, Geländer, Beschläge, alte Lichtschalter, Klingeln mit Holzgewinde oder Buchstabenkästen von Neonreklamen: Thull kann alles gebrauchen. Was schließlich daraus wird, weiß er oft selbst noch nicht so genau, wenn er die Stücke beschafft. Dafür findet er auf Wunsch der Kunden "Lösungen, die man bei Ikea nicht findet". So hat er aus alten Fenstern einen geräumigen Fernsehschrank gezimmert. Einen alten Speiseaufzug hat er in ein Regal verwandelt. Gusseiserne Treppenpfosten aus einer alten Grundschule in Königswinter haben einen neuen Verwendungszweck als Tischbeine bekommen.

Und ein Markisenhalter vom Petersberg dient jetzt als Stehpult im Andachtsraum eines Bestatters. Besonders gefragt seien derzeit Jugendstil, Art Deco und Bauhaus, sagt Thull. Häufig verleiht er auch Stücke als Requisiten für Theateraufführungen, etwa eine gusseiserne Badewanne für "Endstation Sehnsucht" in der Schauspielhalle Beuel oder 25 "möglichst vergammelte" Zimmertürblätter für ein Shakespeare-Stück am Landestheater Neuss. Der Großteil der Einrichtung der Berliner Kneipe "Ständige Vertretung" stammt von Thull: Lampen aus dem Petersberghotel, Tische aus der Bonner Fahnenfabrik und Fenster aus dem Alten Wasserwerk.

Als Unternehmer erlebt Thull "immer wieder auch Durststrecken", gibt er freimütig zu. So könne er vorher nicht immer genau abschätzen, wie lange er für ein Stück brauche. Der Kunde sei aber nur bereit, eine bestimmte Summe dafür hinzulegen. So könne er seine Unkosten nicht immer eins zu eins auf die Kunden umlegen. "Einige suchen ein ganz bestimmtes Teil, andere kaufen gleich eine gesamte Hauseinrichtung", sagt Thull. In seiner eigenen Wohnung steht kein einziges gekauftes Möbelstück. Doch Thull ist kein Dogmatiker. Inzwischen verlange seine 15-jährige Tochter erstmals nach gekauften Möbeln. Dem will er sich nicht verschließen.

Am kommenden Samstag und Sonntag, 5. und 6. Juli, jeweils von 11 bis 18 Uhr wird das 25-jährige Bestehen des Unternehmens "Holzwurm und Blattlaus" in der Bonner Straße 55 mit einem großen Jubiläumsfest gefeiert.