Interview mit Ursula Mölders und Sven Wörmer vom Planungsbüro Dr. Jansen: Thema Leitbildprozess - Es gibt keine Rolle rückwärts

Interview mit Ursula Mölders und Sven Wörmer vom Planungsbüro Dr. Jansen : Thema Leitbildprozess - Es gibt keine Rolle rückwärts

Die Gestaltung der Zukunft Bad Godesbergs überlässt die Stadt nicht allein den Planern und Politikern. Vor allem geht es beim sogenannten Leitbildprozess um die Wünsche der Bürger. Den steuert ein Team von außen: das Büro Stadt- und Regionalplanung Dr. Jansen GmbH in Köln. Zwei öffentliche Konferenzen hatten insgesamt mehr als 800 Teilnehmer, dazu kamen unzählige Vorschläge online. Richard Bongartz sprach mit Ursula Mölders und Sven Wörmer über Herausforderungen und Probleme.

Was haben sie bei den Vorbereitungen in Bad Godesberg vorgefunden?
Sven Wörmer: Wir haben einen in vielen Bereichen gut funktionierenden Stadtbezirk vorgefunden, der bei allen Herausforderungen eine Menge an Potenzial aufweist. Durch Gespräche und die Presse waren uns im Vorfeld die Herausforderungen bekannt. Nun geht es darum, wie man sie angeht und löst.

Ursula Mölders: Unser Planungsbüro arbeitet in ganz Nordrhein-Westfalen. Wir haben viele unterschiedliche Stadtteile mit unterschiedlichen Problemen: städtebauliche und soziale. Was besonders hervorsticht, ist, dass Bad Godesberg in vielen Bereichen in die Jahre gekommen ist, der Charme der 1970er bis 1990er Jahre dominiert sehr. Aber das ist Jahrzehnte her. Nach einer so langen Zeit braucht jeder Stadtteil, ob er nun als problematisch eingestuft wird oder nicht, eine Erneuerung. Das trifft auch auf Bad Godesberg zu.

Ist die Bürgerbeteiligung eine Chance für Bad Godesberg?
Mölders: Auf jeden Fall. Bei den Leitbildkonferenzen haben wir gesehen, wie unterschiedlich das Meinungsbild ist. Das gilt für die Einschätzung der Ist-Situation, aber auch für den Wunsch, wie es zukünftig sein soll. Das Ziel des Leitbildprozesses ist es, dass man sich trotz aller unterschiedlichen Meinungen auf eine gemeinsame Linie einigt, und das zunächst auf der übergeordneten Ebene.

Wo hat der Ort seine Stärken?
Mölders: In der städtebaulichen Grundstruktur und auch im Charme des ehemaligen Diplomatenviertels. Wir empfehlen, dass man diese Stärken in der Weiterentwicklung wieder deutlicher herausarbeitet. Das kann man touristisch und für die Identität nutzen.

Wo liegen in den Augen der Bürger Probleme?
Wörmer: Die Stärken sind gleichzeitig auch die Probleme. Die Kurfürstliche Zeile bietet städtebaulich, von der Gebäudestruktur und Bausubstanz her viel Potenzial. Die Leute sehen die Probleme beim eingeschränkten Bürgerservice, bei den Leerständen und unklaren Nutzungskonzepten. Ähnlich sieht es bei Stadthalle, Kultureinrichtungen und Schauspielhaus aus.

Mölders: In der Innenstadt zeigt sich das eigentlich ganz deutlich. Teile der Fußgängerzone sind mit ihren Baumbeständen sehr atmosphärisch, aber wenn man die Rückseiten der Fußgängerzone betrachtet, ist es unstrukturiert, man verliert jede Orientierung. Das Problem: Wenn man ankommt, sieht man zunächst diese Rückseiten. Es gibt kein einladendes Entree. Alle Außenbereiche, auch die Rigal'sche Wiese, bergen große Potenziale, aber sie werden nicht entsprechend genutzt. Das muss alles nach heutigen Kriterien aufgewertet werden.

Sie haben etwa provokant gesagt, "Bad Godesberg wird nicht mehr schlecht geredet" und "Früher ist vorbei": Wie meinten Sie das?
Mölders: Die Bad Godesberger müssen erkennen, dass sich die Zeit weiterentwickelt hat und Entwicklung unter den Rahmenbedingungen von heute stattfindet. Bonn ist nicht mehr die Hauptstadt, aber natürlich noch Bundesstadt mit wichtigen Institutionen und Internationalität. Bad Godesberg ist heute ein vielfältigerer Stadtbezirk mit anderen Herausforderungen - auch zum Thema Wohnen, Arbeiten, Leben und Miteinander. Diesen Themen muss sich die Stadtbezirksgesellschaft stellen. Wenn jemand vor mir steht und sagt: "Ich möchte es eigentlich nur so haben wie früher", dann möchte ich ihm sagen: "Das funktioniert hier nicht, aber auch nirgendwo anders. Das ist rückwärtsgewandt, und so geht Stadtteilentwicklung nicht."

Was sagen die Jüngsten?
Wörmer: Hier hat sich gezeigt, dass die Kinder und Jugendlichen ähnliche Stärken und Probleme im Stadtbezirk wahrnehmen wie die Erwachsenen. Es ist für uns eine interessante Erkenntnis, wenn Kinder - vielleicht beeinflusst durch Eltern oder andere Erwachsene - sagen, dass es ein Sicherheitsproblem gibt und sie sich nicht an allen Orten wohlfühlen. Natürlich kam auch der Wunsch nach mehr Angeboten und Infrastruktur für Kinder, also Spiel- und Sportplätze. Dennoch wurde deutlich, dass viele Kinder, die schon in Jugendzentren wie K 7 und Rheingold eingebunden sind, sehr zufrieden mit dem Angebot in ihrem jeweilige Ortsteil und Wohnumfeld sind. Einige Kinder sagten: "Ich wohne gerne in Bad Godesberg."

Aber Studenten zieht das nicht an...
Wörmer: Genau. Für diese Altersklasse gibt es noch zu wenige Angebote. Es fehlen Wohnangebote für junge Erwachsene. Zum Leitbild gehört auch zu überlegen, wie der Stadtbezirk von der Forschungslandschaft, vom Universitäts- und Wissenschaftsstandort Bonn stärker profitieren kann - ein Ziel des Leitbildprozesses.

Es gab einige Expertenworkshops, von denen man noch nicht so viel gehört hat. Was tut sich an dieser Stelle?
Mölders: Wir haben mit dem Lenkungskreis die Experten ausgewählt, die wir befragen wollten. So entstand jeweils eine Diskussionsrunde mit 15 bis 20 Akteuren aus unterschiedlichen Interessengruppen. Wir haben die Ergebnisse aus der ersten Leitbildkonferenz und daraus entwickelte Leitbildthesen und Maßnahmen vorgestellt, diskutiert und fachlich bewerten lassen. Die Ergebnisse haben wir auf der zweiten Konferenz vorgestellt.

Es gab Kritik von Bürgern und Politik, dass die zweite Leitbildkonferenz am 12. Juli zu allgemein gehalten war...
Mölders: Wir haben uns über die Methode lange Gedanken gemacht. Es ist schwierig, die übergeordneten Ziele zu diskutieren. Aber nach wie vor sind wir der Meinung, dass der Ansatz richtig war. Wenn alles, was wir erarbeitet haben und das nun im Leitbild steht, in den nächsten fünf bis zehn Jahren umgesetzt wird und das Handeln von Stadt und Politik leitet, wird für den Stadtteil sehr viel erreicht werden, davon bin ich überzeugt. Uns ist bewusst, dass die Diskussion eines Leitbilds eine schwierige ist und dass man das eine oder andere Ziel übertragen kann: Auch wenn jeder Stadtteil Angebote für Kinder und Jugendliche haben möchte und damit das Ziel beliebig erscheint, ist es trotzdem ein wichtiges Ziel für Bad Godesberg. Es ist nun Aufgabe von Politik und Verwaltung, die Dinge zu realisieren.

Ist es bei der geäußerten Kritik richtig, dass die Politik versucht hat, den Prozess zu unterbrechen, um nachzusteuern?
Mölders: Wir haben aus der Presse erfahren, dass es Kritik an unserem Vorgehen gab. Wir hatten aber vorher alles mit dem Ausschuss für Bürgerbeteiligung, dem Lenkungskreis und mit dem Begleitgremium abgestimmt. Es ist nicht davon auszugehen, dass immer alle mit allem zufrieden sind.

Wörmer: Wir sehen nicht, dass eine Beliebigkeit an Themen vorliegt, dafür aber eine Themenvielfalt. Wenn es um die Zukunft von Bad Godesberg geht, kann man das nicht auf ein, zwei Themen eingrenzen. Denn dann würden viele Bürger sagen: "Ihr habt das, das und das vergessen." Sie sagen, es müsse was passieren beim Thema Einzelhandel, bei Sicherheit, Gastronomie, Medizintourismus und Wohnen. Viele Dinge sind ja auch miteinander verwoben.

Wie bringen Sie nun im nächsten Schritt die mehreren hundert Ergebnisse unter einen Hut?
Mölders: Wir haben bisher die städtebauliche Analyse, bestehend aus Themen, Entwicklungszielen, Chancen und Maßnahmen, sowie das Leitbild erarbeitet. Dieses Dokument liegt der Stadtverwaltung zur Prüfung vor. Was noch fehlt, ist das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) zur Aufwertung der Innenstadt. Denn der größte Handlungsbedarf wird im Herzen von Bad Godesberg gesehen. Dafür haben wir jetzt schon ein Maßnahmenpaket erarbeitet, und Ende des nächsten Jahres sollen Fördermittel für diese Maßnahmen angemeldet werden.

Gibt es ein Problem, dass angesprochene Themen das tägliche politische Geschäft berühren, also auch an anderen Stellen Entscheidungen verlangen? Ein Beispiel ist die Zukunft der Bäder.
Mölders: Stadtteilentwicklung fängt nie bei Null an, ist immer ein laufender Prozess. Wir haben in die Dokumentation geschrieben, dass ein Leitbild gesamtstädtische Entscheidungen nicht aushebeln kann. Zum Beispiel: Wir haben bewusst gesagt, dass speziell die Godesberger sich ein Bad wünschen, um Freizeit und Schulsport gut organisieren zu können und um das Thema "Gesundheitsstandort" zu bedienen. Wird für ganz Bonn anders entschieden, muss sich das Leitbild unterordnen.

Wie geht es weiter?
Mölders:
Anfang November werden wir eine Beteiligung in der Fußgängerzone anbieten. Anfang 2019 möchten wir die Bürger erneut zur Innenstadtkonferenz einladen, um dann zu diskutieren, was in der City gemacht werden muss. Dieses Ergebnis fließt in das Gutachten ein und wird der Bezirksvertretung und den politischen Gremien der Stadt vorgelegt.

Gibt es schon konkrete Ergebnisse, und wenn ja welche?
Mölders: Wir empfehlen, dass der öffentliche Raum erneuert wird. Dazu soll ein Masterplan für die Gestaltung der Fußgängerzone, die Plätze, die Grünanlagen und Wegeverbindungen erarbeitet werden. Es geht darum, die historische Bedeutung des Ortsteils, die denkmalgerechte Entwicklung der Freiflächen in der Innenstadt zu thematisieren - das Alte mit dem Neuen gestalterisch gut zu verbinden. Die Planungen werden als Grundlage für den Förderantrag benötigt, den die Stadt stellen möchte. Die Maßnahmen sollen mit Unterstützung des Landes in den nächsten fünf bis zehn Jahren umgesetzt werden. Dazu gehört auch ein Mobilitätskonzept, denn es gab den wichtigen Wunsch, den Rad- und Fußgängerverkehr zu stärken. Aber auch der Tourismus: Wir sind der Meinung, dass die Godesburg eine ganz andere Rolle haben sollte. Sie muss mehr in die Innenstadt einbezogen werden. Es geht auch um Quartiersmanagement und eine kriminalpräventive Entwicklung des Stadtteils.

Was ist Ihre Vision für Bad Godesberg in 20 Jahren?
Mölders: Godesberg ist nach wie vor ein sehr lebenswerter, moderner und vielfältiger Stadtbezirk. Alles muss sich etwas verjüngen.

Wörmer: Wir haben in Zukunft einen Stadtbezirk, der wie früher wieder stärker seine Mischung und Internationalität hervorhebt - auch wenn sich diese verändert hat. Die Diplomaten sind nicht mehr da, dafür andere Leute mit Kaufkraft. Und es gibt viele Kulturen, Sprachen, Religionen und Generationen vor Ort, was positiv zu sehen ist. Damit könnte man dort anknüpfen, wofür Bad Godesberg immer gestanden hat.

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