„Mittendrin und doch ganz für sich alleine“: So lebt es sich im Godesberger Bahnhof

„Mittendrin und doch ganz für sich alleine“ : So lebt es sich im Godesberger Bahnhof

Angelika und Norbert Lorenz lebt seit 21 Jahren in einer Wohnung im Godesberger Bahnhofstürmchen. In der Zeit haben sie vieles erlebt: von Bauarbeiten bis hin zu Bombenalarm.

Die Zugtüren schließen sich schon, als noch ein letzter Pendler hinein eilt. Mit einem lauten Zischen nimmt die Lok ihre Fahrt auf. Weitere Reisende stehen am Bahngleis, in der Hand einen Kaffeebecher. Ein Obdachloser streift auf der Suche nach einem Obolus umher. Für viele Fahrgäste ist dies der Pendleralltag. Doch diese Szenerie ist auch der tägliche Ausblick aus dem Schlafzimmerfenster der Familie Lorenz, die schon seit 21 Jahren in einer Wohnung im Godesberger Bahnhofsgebäude lebt.

Wie wohnt es sich direkt an den Gleisen? „Ich bin hier die Bahnhofskönigin. Keiner hat so ein schönes Schloss wie ich“, sagt Angelika Lorenz. Einst wurde das Haus mit seinem idyllischen Türmchen von Bahnangestellten genutzt, erzählt die 59-Jährige. Als bei der Deutschen Bahn kein Bedarf mehr für die Wohnungen bestand, vermietete sie auch an Werksfremde.

Heute stehen die Wohnungen bis auf eine alle leer. „Die ehemaligen Bahnquartiere sind noch aus dem 18. Jahrhundert und müssten den aktuellen Brandschutzverordnungen angepasst und saniert werden. Wegen des Denkmalschutzes wäre das ein Riesenaufwand“, vermutet ihr Ehemann Norbert Lorenz. Zwar stünden Eimer auf dem Dachboden, weil es durchregne, aber Heizungen und Leitungen würden von der Bahn gut gewartet. Mittlerweile verfüge die Wohnung auch über Rauchmelder. Eine massive Eisentür im Keller hielte zudem Ratten fern. „Insbesondere im Sommer herrschen schlimme Müllprobleme, die Ratten, Mäuse und anderes Ungeziefer anlocken“, sagt Angelika Lorenz. „Aber ich mache mir da mittlerweile ein Hobby draus: Zusammen mit den Enkelkindern nehmen wir uns einen Müllpicker in die Hand und stopfen alles in blaue Säcke“, so die 59-Jährige.

Schlimmer sei jedoch, dass der Bahnhof nicht über Toiletten verfüge. Regelmäßig erleichterten sich Reisende vor dem Hauseingang der Familie. Während der Umbauarbeiten verirrten sich auch einige in den Hausflur, weil die Handwerker die Türe offen stehen gelassen hatten. „Einmal hat sogar jemand Fremdes im Flur geschlafen“, erinnert sich Lorenz.

Einmal habe es auch eine Bombendrohung gegeben

Die Feuermelder in der Wohnung der Familie sind eine Besonderheit: Da sie mit den Meldern des Bahnhofs zentral geschaltet sind, schlügen sie sehr oft Alarm. Stehe ein Papierkorb in Brand, müsse die Familie aus Sicherheitsgründen ihr Haus verlassen. „Einmal hatten wir richtig Pech: Um den Alarm wieder auszuschalten, muss an der Brandmeldezentrale ein Schließzylinder geöffnet werden, der war zuvor von Vandalen zugeklebt worden. Da der Zylinder auf Bahneigentum steht, durften weder Polizei noch Feuerwehr den Kasten gewaltsam öffnen“, erinnert sich Norbert Lorenz. Drei Stunden vergingen bis die Bundespolizei schließlich das Schloss aufbohren durfte.

Einmal habe es auch eine Bombendrohung gegeben und der gesamte Bahnhof sei wegen eines verlassenen Koffers evakuiert worden – nur der Familie Lorenz habe niemand Bescheid gegeben. „Nachdem wir ein großes Polizeiaufgebot auf den Gleisen sahen, gingen wir verwundert vor unser Haus und mussten die Beamten erst einmal fragen, was los ist“, so Norbert Lorenz. Leider erlebe man so nah an den Gleisen auch viele schlimme Geschichten, erzählt Angelika Lorenz. So sei die Familie innerhalb der 21 Jahre unfreiwillig Zeuge von vier Todesfällen geworden.

Mittlerweile denkt die Familie über einen Umzug nach. Aber die Enkelkinder liebten das alte Bahnhofsgemäuer. In Eigenregie hat die Familie ihre Wohnung stückweise selbst renoviert. „Hier haben die nackten Rohre aus der Wand geschaut und das Badezimmer war noch mit Ölfarben gestrichen“, erzählt Angelika Lorenz. Ihr handwerklich begabter Mann habe es ihr schön gemacht, schwärmt sie. Während der vergangenen 21 Jahre haben sie noch nie eine Mieterhöhung erhalten.

Die Bahnhofsresidenz hat aber auch ihre schönen Seiten, wie den Ausblick auf den grünen Park. Und direkte Nachbarn gibt es nicht. „Wir wohnen hier mittendrin und sind doch ganz für uns alleine. Die Angestellten vom Fahrkartenschalter, Lottoladen oder von der Bäckerei – die sind unsere Nachbarn. Nach all den Jahren kennt man sich schon gut“, sagte sie. Mit dem Zug direkt vor der Tür und der U-Bahn unter dem Haus habe man eine sehr gute Verkehrsanbindung. Auch der Lärm sei nicht mehr so schlimm wie früher. Laute Güterzüge würden umgeleitet, sodass vor allem Personenverkehr durch den Bahnhof rolle, und dessen Lärm nehme man nicht mehr wahr. „Als wir in den Bahnhof einzogen, wussten wir, dass das mit Krach verbunden ist“, sagte der 65-jährige.

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