Godesberger Gegensätze: Schwierige Nachbarn

Godesberger Gegensätze : Schwierige Nachbarn

Es gibt viel Kritik an arabischen Migranten seitens der Ur-Godesberger. Der GA hat einen von ihnen, Juppi Schaefer, gebeten, arabische Geschäftsleute mit den Vorbehalten zu konfrontieren.

Juppi Schaefers Häuschen mit seinen Fensterläden und der großen Godesberg-Fahne wirkt in der Bonner Straße wie ein Relikt aus alten Zeiten. Als wir uns durch die schmale Tür in das historische Gebäude gezwängt haben, das zugleich die Geschäftsstelle der Gruppierung „Die Godesberger“ ist, wirkt auch das Innere mit seiner dunklen Holzverkleidung wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, als es das noch nicht gab, was den Ur-Godesberger Schaefer seit geraumer Zeit umtreibt: die um sich greifende Vollverschleierung.

Für Schaefer scheint sie symbolhaft für das – aus seiner Sicht – Übel schlechthin zu stehen: für den Medizintourismus. Wir haben den 69-Jährigen gebeten, mit uns einen Vormittag lang durch die Bad Godesberger Innenstadt zu laufen, wo Schaefer und andere Ur-Godesberger das Gefühl haben, in „Klein-Arabien“ zu leben. Wir wollen ihn und arabische Zuwanderer ins Gespräch bringen, und das ohne die üblichen parteipolitischen Parolen. Schaefer soll stellvertretend für all die „besorgten Bürger“ stehen, denen Burkas, arabische Schriftzeichen und Wohnungsvermittlungsagenturen für Medizintouristen ein Dorn im Auge sind.

Schaefer gilt als der „Junge aus dem Knolleveedel“, er ist Heimatforscher und Filmemacher. Früher galt er als „Sponti“, der in den wilden „Sixties“ den im bürgerlichen Lager durchaus verrufenen und heute legendären Musikclub „Underground“ in Muffendorf eröffnete. Heutzutage macht Schaefer vor allem als Islamkritiker von sich reden; „Baghdad-Allee“ nennt er den Teil der Bonner Straße zwischen Al-Ansar-Moschee und „Aennchen“, wo er selbst wohnt und wo eine Reihe arabischer Geschäfte, Callshops und Imbissbuden um Kunden buhlen.

So wie Hikmet Kako, 41, gebürtiger Iraker. Der Einzelhändler betreibt drei Gebäude neben Schaefers Häuschen seit acht Jahren einen orientalischen Tante-Emma-Laden, wo er unter anderem selbst gebackenes Brot verkauft. Eigentlich wollten wir Schaefer mit möglichst vielen seiner direkten und mittelbaren Nachbarn ins Gespräch bringen, die Einwanderer aus der arabischen Welt fragen, was sie zu den Vorhaltungen von Leuten wie Schaefer sagen. Doch dieser ziert sich, in Hikmet Kakos Kiosk hineinzugehen. „Mit ihm möchte ich nicht sprechen“, sagt er – was wir bedauern. Der Kioskbetreiber sei einer der Nachbarn, mit denen er schon lange nicht mehr rede.

Auf das Unbehagen angesichts der vermeintlichen Ausbreitung des Islams in Godesberg angesprochen, meint Kako nur: Von einer Anti-Burka-Initiative oder anderen Ressentiments gegen Muslime habe er nichts mitbekommen. „Das Zusammenleben mit den Deutschen ist gut. Der Medizintourismus ist gut, wir verdienen an den arabischen Kunden“ – eine Aussage, die man im Übrigen von vielen Bad Godesberger Geschäftsleuten hört, von den deutschen aber in der Regel nur hinter vorgehaltener Hand. Überhaupt ginge es in der Nachbarschaft zivilisiert zu, findet Kako, „hier wohnen Rechtsanwälte und Ärzte, meine Nachbarn sind alle deutsch“ – eine Aussage, die uns mit Blick auf die Klingelschilder in der Nachbarschaft stutzig macht.

Drei Türen weiter hat Abdallah Badra einen kleinen Imbiss, der laut Schild „syrische Spezialitäten“ verkauft. Auch hier möchte Schaefer „lieber nicht hineingehen“, also konfrontieren wir auch hier den aus dem Libanon stammenden Badra mit den Sorgen von Leuten wie Schaefer. Zunächst einmal stellt Badra klar, dass er seit 45 Jahren in Bad Godesberg lebt. „Wir sind hier zu Hause.“ Und in der Tat gebe es „Araber, die werden verhaftet. Das ist nicht gut für Godesberg. Wenn man das perfekte Bad Godesberg haben möchte, müsste man diese Leute wegschicken“.

Unter solchen Leuten litten auch die Einwanderer, die schon lange in Bad Godesberg lebten, meint Badra. „Es gibt Fremdenfeindlichkeit, aber die gab es schon immer. Bei den deutschen Jugendlichen ist das kein Problem, aber bei den Älteren.“ Wir fragen nach dem Verhältnis mit seinem Nachbarn Schaefer. „Der spricht mit niemandem hier“, meint Abdallah und grinst.

Darauf später angesprochen, meint Schaefer nur: „Ich ärgere mich über die Nachbarn hier. Die wollen doch keine Lösung.“ Er nennt Beispiele wie Sperrmüll, den man vor seinem Haus ablade, oder auch nächtliche Treffen vor seiner Tür, die ihm den Schlaf raubten.

Dann aber entwickelt sich ein erstes zaghaftes Gespräch vor einer für wohl viele Passanten als solche nicht erkennbaren Gaststätte. Arabische Schriftzüge dominieren die Fassade. „Wir sind mit allem zufrieden“, antwortet uns zunächst der Betreiber des „Café Club Safad“, Naiem Swed, ein älterer Herr aus Palästina mit sorgfältig gestutztem Oberlippenbart und elegantem Wildledermantel. Aber er gesteht auch: „Ich bin selbst Muslim, und auch mir sind die Burkas hier mittlerweile zuviel. Andere Araber sagen mir das auch.“

Eine Steilvorlage für Juppi Schaefer: „Plötzlich tragen Frauen Burkas.“ Swed: „Es ist zu viel, sie müssen die Kultur hier akzeptieren.“ Schaefer: „Richtig.“ Swed: „Die meisten meiner Kunden sind Deutsche. Aber dort hinten“, Swed zeigt in Richtung des Platzes vor dem Aennchen, „ist es schlimm. Wir müssen alle auf uns aufpassen“, sagt er und meint die Drogenszene.

Als wir mit Schaefer weiterziehen, meint dieser trocken: „Ich habe in dem Café noch nie Deutsche gesehen.“ Und dann startet er den Versuch einer Erklärung, einer Rechtfertigung: „Vor zehn Jahren habe ich noch probiert, mit den Leuten hier zu reden. Aber das hat nichts gebracht.“ Und wenn die Presse komme, redeten die Araber das, was die Journalisten hören wollten. Dabei gebe es in Bad Godesberg auf jeden Fall eine Parallelgesellschaft. Schaefer beobachtet diese Veränderungen seit etwa zehn Jahren – „als der Medizintourismus erstarkt ist. Damals kamen auch viele kleine Händler.“

Dass Zahlen der Polizei keinen eklatanten Anstieg an Kriminalität belegten, überzeugt Schaefer nicht. „Angst ist Angst, auch wenn sie 'nur' subjektiv ist, wie die Polizei oft sagt.“ Er berichtet von Godesbergern, die unter der Nachbarschaft arabischer Medizintouristen litten, unter deren Lautstärke, Geruchsbelästigung, wilder Müllentsorgung, Respektlosigkeit. Dabei gibt Schaefer „gierigen deutschen Hausvermietern“ klar eine Mitschuld an dem schwierigen Zusammenleben. „Alteingesessene Godesberger haben ganze Häuser an Medizintouristen vermietet. Junge Familien finden keine Wohnung mehr.“ Die Einhaltung der Zweckentfremdungssatzung, die solche Missstände eigentlich verhindern soll, werde von der Stadtverwaltung nicht konsequent geprüft. „Eine Handvoll Menschen verdient am Medizintourismus, doch die älteren Bürger fühlen sich in ihrer Stadt nicht mehr wohl.“

Und dann kommt es doch noch zu einem längeren Gespräch zwischen Schaefer und Mustapha Cadi, Besitzer eines Herrenbekleidungsgeschäfts in der Nähe der Arcadia-Passage, selbst Muslim und im Vorstand der Al-Ansar-Moschee.

Juppi Schaefer: Immer mehr Vollverschleierte laufen durch Godesberg.

Mustapha Cadi: Ich finde nicht, dass sich das verstärkt hat, das ist eher Ihre Wahrnehmung, Herr Schaefer.

Cadi: Godesberger Bürger aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen sollten sich darüber austauschen, was man angesichts des Unbehagens und der Probleme unternehmen kann. Wo wollen wir als Bad Godesberg hin, um von dem schlechten Image weg zu kommen? Godesberg ist doch nach wie vor eine schöne Stadt. Und der Medizintourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn es tatsächlich Probleme mit dem Medizintourismus bezüglich Lärm, Mülltrennung und Ärger auf dem Wohnungsmarkt gibt, dann müssen wir darüber reden. Auch ganz generell über Werte und Ethik.

Schaefer: Ja, die Medizintouristen müssen sich den Gebräuchen hier anpassen und nicht einfach so mit der Burka hier rumlaufen.

Cadi: Da müssen beide Seiten zusammensitzen und reden – und das nicht nur als einmalige Aktion.

Schaefer: Abends ist es ein Abenteuer, auf der Koblenzer Straße spazieren zu gehen.

Cadi: Naja, aber wirklich dramatisch ist es nicht.

Schaefer: Ältere Leute gehen abends nicht mehr durch die Stadt.

Cadi: Bei älteren Leuten können die Lautstärke und Gruppenbildung junger Leute angsteinflößend wirken, das kann ich verstehen. Deswegen sind auch Streetworker und das One World Café wichtig.

Schaefer: Da gehen die Jugendlichen aber nicht hin, die gehen in die Spielhallen. Und sie treffen sich am Fuß des Godesbergs. Ich gehe jeden Morgen zur Godesburg hoch. Auf dem Weg ist alles vollgemüllt.

Cadi: Da gebe ich Ihnen Recht. Aber es sind türkische, arabische und deutsche Jugendliche, die sich da am Wochenende abends treffen.

Schaefer: Stimmt.

Cadi: Jemand müsste sich konstruktiv um diese Probleme kümmern.

Schaefer: Das Ordnungsamt müsste mal einen Monat lang an der Godesburg patrouillieren.

Cadi: Das Ordnungsamt allein reicht nicht. Wie gesagt: Grundsätzlich müssten sich verschiedene Gruppen an einem Tisch zusammensetzen und konstruktiv Lösungen suchen. Medizintouristen und Ausländer pauschal zu verdammen bringt nichts.

Schaefer: Von den Streetworkern haben wir hier nie was gesehen. Und die Vermieter werden sich nicht an einen solchen runden Tisch setzen.

Cadi: Haben Sie es schon versucht?

Schaefer: Die werden sich nicht drauf einlassen.

Cadi: Auch die Schulen spielen eine wichtige Rolle.

Schaefer (winkt ab): Das Hauptproblem ist der Medizintourismus.

Cadi: Das sehe ich nicht so.

Schaefer: Meine Cousine auf der Winterstraße hat in ihrer Wohnung keine Ruhe mehr.

Cadi: Was müsste man tun?

Schaefer: Die Stadt hat für die Überprüfung der Zweckentfremdung bislang nur 1,7 Stellen.

Cadi: Das ist eine Sache. Aber auch die Unternehmer müssen an den Tisch.

Schaefer: Was soll das bringen...?

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