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Brandstiftung bei Ungerathen: Schreinerei in Bad Godesberg versucht Neuanfang nach dem Feuer

Brandstiftung bei Ungerathen : Schreinerei in Bad Godesberg versucht Neuanfang nach dem Feuer

Fast ein halbes Jahr ist vergangen seit dem verheerenden Brand in der Schreinerei Ungerathen an der Beethovenallee in Bad Godesberg. Die Spuren des Brandes finden sich bis heute.

Fast ein halbes Jahr ist vergangen seit dem verheerenden Brand in der Schreinerei Ungerathen an der Beethovenallee. Die Spuren jenes 3. August finden sich bis heute, auf dem Grundstück, im Haus und in der Psyche seiner Bewohner. „Wir sind alle angeschlagen“, sagt Schreinermeister Jörg Ungerathen. Körperlich hatte glücklicherweise kein Familienmitglied Schaden genommen, aber irgendwann lief die seelische Verarbeitung des Erlebten an.

Wenige Tage später hatte ein damals 15-Jähriger gestanden, das Feuer gelegt zu haben. Er hatte in unmittelbarer Nähe des Gebäudekomplexes eine als Sperrmüll abgestellte Matratze mit einem Feuerzeug angezündet; von da hatten sich die Flammen über eine Hecke auf Geschäfts- und Wohnhaus ausgebreitet. Am 13. Februar muss sich der mutmaßliche Täter vor dem Jugendschöffengericht in Bonn verantworten, wie Amtsgerichtsdirektorin Birgit Niepmann auf Anfrage mitteilt. „Der Richter hat die Anklage auf schwere Brandstiftung zur Hauptverhandlung zugelassen“, so Niepmann.

Bei Erwachsenen falle das unter die Kategorie Verbrechen und zöge im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr nach sich. „Bei Jugendlichen gelten diese Maßstäbe nicht, auch wenn sie mit 15 strafmündig sind“, sagt die Amtsgerichtsdirektorin. Nun gehe es um die Frage, was ihm nachzuweisen sei, also Fahrlässigkeit oder Vorsätzlichkeit. Es gebe dann zum Beispiel Jugendstrafen oder Zuchtmittel wie Jugendarrest und Auflagen.

Die juristische Aufarbeitung ist für Inhaber Ungerathen zwar nicht unwichtig, gleichwohl kreisen seine Gedanken um andere Themen. Zum einen muss und will er den Betrieb aufrechterhalten, zum anderen ist die Entkernung der betroffenen Geschäfts- und Wohnbereiche in vollem Gange. „Womit wir im Augenblick konfrontiert sind, wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“, sagt der hochgewachsene Mann. „Wir sind immer noch nicht über den Berg“, betont er im Hinblick aufs Geschäft. Denn das Feuer hatte auch die Werkstatt des Schreinerei- und Beerdigungsbetriebs zerstört.

„Dass wir überhaupt weitermachen konnten, haben wir der evangelischen und katholischen Kirche in Bad Godesberg zu verdanken, die uns mit Räumen und Beistand aller Art weitergeholfen haben“, sagt Ungerathen, der den 130 Jahre alten Familienbetrieb mit seinem Vater führt. Zudem habe es viel kollegiale Hilfe von anderen Bestattern und Schreinern bei der Bewältigung von Aufträgen gegeben. „Da ich Christ bin, haben mir auch die Gebete der Gemeindemitglieder viel bedeutet“, führt der Protestant aus. Außerdem sei die überwältigende Anteilnahme der Godesberger wohltuend gewesen.

Die Ungerathens haben sich eine Art Behelfswerkstatt im alten Sarglager eingerichtet. „Das Fachwerk in der eigentlichen Werkstatt ist zu stark angegriffen, wir müssen neu bauen“, sagt der 47-Jährige. Im Lehmgemisch steckt noch Löschwasser, es riecht moderig. Die erste Schätzung eines Architekten liegt bei 500 000 Euro. „Aber das ist alles noch im Werden“, so der Schreinermeister. Versicherungstechnisch sind noch nicht alle Fragen geklärt.

Das Feuer hatte sich in rasender Geschwindigkeit über den Dachstuhl der Schreinerei in den Dachstuhl des Wohnhauses gefressen, so dass die Feuerwehrleute den First von Ziegeln hatten befreien müssen. „Mein Wohn- und mein angrenzendes Hobbyzimmer waren schwerstgetroffen wie nach einem Bombenangriff, mein Bad ist ebenfalls zerstört“, sagt Ungerathen und zeigt auf Reste von Fliesen und Anschlüssen. Über ihm prangt schon der neue Dachstuhl.

Die ehemalige Werkstatt muss abgerissen werden. Das Fachwerk wurde durch den Brand zu stark in Mitleidenschaft gezogen. Foto: Axel Vogel
Jörg Ungerathen zeigt seinen neuen Behelfs-Arbeitsraum, den er einige Wochen nach dem Brand im alten Sarglager eingerichtet hat. Foto: Axel Vogel

Im Gespräch hält der 47-Jährige oft inne, besonders lange, als es um den mutmaßlichen Täter geht. Hat sich der Jugendliche bei ihm entschuldigt? Und wenn ja, kann er ihm vergeben? Ja, er habe vor ihm gestanden und sich entschuldigt. „Dem Menschen habe ich verziehen, schon alleine wegen seiner Jugendlichkeit, aber die Tat selbst ist unverzeihlich“, meint Ungerathen. Eben auch, weil der Betrieb und die Gesundheit der Familie darunter gelitten habe. „Wir sollten uns alle darüber im Klaren sein, welche Macht Feuer hat“, sagt der Schreinermeister. Was erhofft er sich vom gerade begonnenen Jahr: „Wir wünschen uns, dass wir bis Ende 2020 wieder einen komplett funktionierenden Betrieb haben.“