Missbrauchsfälle im Aloisiuskolleg: Orden vertraut Pater Schneider

Missbrauchsfälle im Aloisiuskolleg : Orden vertraut Pater Schneider

Jesuitenprovinzial Pater Stefan Kiechle steht weiter fest zu Pater Theo Schneider, dem mit Ausbruch des Missbrauchsskandals vor genau fünf Jahren zurückgetretenen Rektor des Aloisiuskollegs (Ako).

"Ich weiß, dass es ihm gegenüber unterschiedliche Haltungen gibt. Pater Schneider hat aber nach wie vor mein Vertrauen, und deshalb habe ich ihn für Aufgaben in der Seelsorge und in unserer Jesuitenkommunität in Göttingen eingesetzt", antwortete Pater Kiechle auf GA-Anfrage.

Er wird am Donnerstag, 05. Januar bei einer von der Schülerzeitung organisierten öffentlichen Podiumsdiskussion auftreten. Wie berichtet, fordert der Betroffenenverein Eckiger Tisch Bonn, dass Pater Schneider über seine Verantwortung Auskunft gibt und mit den Betroffenen über die Vorfälle spricht.

Das Interview mit Jesuitenprovinzial Pater Stefan Kiechle führte Ebba Hagenberg-Miliu.

Was werden Sie morgen im Ako den heutigen Schülern sagen?
Pater Stefan Kiechle: Ich bin gespannt, was die Schüler von mir als Provinzial über die schmerzhafte Geschichte des Ako erfahren wollen. Ihnen möchte ich zuhören und auf ihre Fragen eingehen.

Es werden auch Lehrer und Erzieher dabei sein, die noch mit Beschuldigten in Ako und Ako-pro-Seminar arbeiteten. Was sagen Sie denen?
Pater Kiechle: In erster Linie komme ich auf Einladung der Schüler. Darüber hinaus werde ich mich natürlich mit allen angesprochenen Fragen und Problemen auseinandersetzen.

Welche Konsequenzen hat der Orden als Ako-Träger gezogen?
Pater Kiechle: Er hat, ergänzend zu den Präventionsmaßnahmen des Ako, die Richtlinien der Deutschen Ordensoberenkonferenz übernommen und hat provinzübergreifend zwei kompetente Ansprechpartner für mögliche Verdachtsfälle von Missbrauch benannt. Darüber hinaus steht jetzt auch ein Mitbruder bereit für Menschen, die ausdrücklich ein Gespräch mit einem Jesuiten wünschen.

Zum Fünfjährigen der Debatte fordern die Betroffenen, dass der Orden die damals Verantwortlichen namentlich nennt und zur Rechenschaft zieht. Was antworten Sie ihnen?
Pater Kiechle: Die vom Orden in Auftrag gegebenen und veröffentlichten Untersuchungsberichte haben Täter und die Strukturen von Verantwortung klar benannt. Da, wo es möglich war, wurden Schuldige zur Rechenschaft gezogen.

Betroffene, die sich von sich aus geoutet haben, warten seit Jahren darauf, dass der Orden direkt auf sie zugeht. Werden Sie diese einladen?
Pater Kiechle: Wir haben uns von Fachleuten sagen lassen, dass bei einem aktiven Zugehen auf Betroffene immer auch die Gefahr einer Retraumatisierung gegeben wäre. Aber wann immer von Betroffenen das Gespräch gesucht wurde - ob am Runden Tisch oder in anderer Form - waren und sind wir offen für Gespräche.

Ihr Mitbruder, Pater Klaus Mertes, hat kürzlich die Höhe der jesuitischen Anerkennungszahlungen von 5000 Euro als "ärmliches Zeichen" bezeichnet. Wie stehen Sie dazu?
Pater Kiechle: Für mich war von Anfang an völlig klar, dass ein materielles Auf- und Gegenrechnen von Schuld und Verletzung zu keinem wirklichen Ausgleich führen kann. Was wir angeboten haben, war eine symbolische Anerkennung von Leid. Diese muss in gewisser Weise immer unzureichend bleiben.

Mir schildern Betroffene ihre Ängste, dass die Last des Geschehenen auch heute noch ihr Leben und das ihrer Familien bedroht. Was würden Sie ihnen antworten?
Pater Kiechle: Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das ist und bleibt auch für uns eine offene Wunde, und ich bitte die Betroffenen um Verzeihung für das, was ihnen angetan wurde.

Zur Person

Pater Stefan Kiechle, 54, ist seit September 2010 Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er promovierte über ein Thema der ignatianischen Spiritualität. Kiechle war Hochschulseelsorger in München, Novizenmeister in Nürnberg und Leiter der Beratungsstelle "Offene Tür" in Mannheim.

Podiumsdiskussion

Die Schülerzeitung "Ako Kompakt" lädt unter dem Motto "Fünf Jahre seit der Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg - was ist passiert?" für morgen zu einer Podiumsdiskussion ein. In der Kollegskirche, Elisabethstraße, diskutieren ab 19 Uhr Jesuitenprovinzial Pater Stefan Kiechle, Ako-Rektor Pater Johannes Siebner, Ako-Lehrer Johannes Hensle, Wilma Wirtz-Weinrich von der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und die Journalistin und Buchautorin ("Unheiliger Berg") Ebba Hagenberg-Miliu. Es ist keine Anmeldung nötig.

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