Fünf Jahre nach dem Tod: Neuer Zeuge im Fall Jens Bleck

Fünf Jahre nach dem Tod : Neuer Zeuge im Fall Jens Bleck

Vor fünf Jahren starb der 19-jährige Jurastudent Jens Bleck nach dem Besuch einer Diskothek in Bad Honnef unter höchst mysteriösen, bis heute nicht ausermittelten Umständen. Bei einem Gedenkgottesdienst erfuhren die Besucher Neuigkeiten.

Applaus in der Kirche? Während des Gedenkgottesdienstes für einen Verstorbenen? Der Applaus, den am Samstagabend die Besucher der Friesdorfer Pauluskirche spendeten, war ein sich spontan entladender Ausdruck der Hoffnung – und so Gott will, kein Ausdruck trügerischer Hoffnung, nach fünf quälenden Jahren der Ungewissheit.

Am 8. Dezember 2013 hatte Pfarrer Siegfried Eckert in diesem Gotteshaus die Trauerfeier für Jens Bleck gehalten. Der 19-jährige Jurastudent aus Friesdorf war in der Nacht zum 9. November 2013 nach dem Besuch einer Diskothek in Bad Honnef unter höchst mysteriösen, bis heute nicht ausermittelten Umständen ums Leben gekommen. Zwei Wochen später wurde sein Leichnam in Köln im Rhein gefunden.

Wie berichtet, hatte eine Bürgerinitiative eine Belohnung für Hinweise, die Licht ins Dunkel bringen, in Aussicht gestellt, nachdem die Bonner Staatsanwaltschaft eine solche Maßnahme abgelehnt hatte. Zahlreiche Bürger folgten dem Spendenaufruf der Initiative, insgesamt kamen 17.000 Euro zusammen. Die Aktion zeigte nun tatsächlich Erfolg, wie die beiden Sprecher der Bürgerinitiative am Samstag während des Gottesdienstes zu berichten wussten: Ein Zeuge wurde durch das Medienecho aufmerksam, meldete sich bei der Polizei und konnte den bereits bestehenden, aber dem Zeugen zuvor nicht bekannten Tatverdacht der Polizei deutlich erhärten: dass der 19-Jährige einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel.

Kritik an Ermittlungsbehörden

Dies erfuhr die Bürgerinitiative allerdings trotz mehrerer Nachfragen nicht von der Staatsanwaltschaft, sondern erst kürzlich von den Eltern des toten Jungen: Deren Anwalt hatte nach mehrfachen vergeblichen Bemühungen jetzt Akteneinsicht erhalten. „Das bisherige Verhalten der Bonner Ermittlungsbehörden ist kaum nachvollziehbar“, sagte Sprecherin Änne von Bülow. „Die Eltern mussten in der Vergangenheit die Ergebnisse ihrer umfangreichen eigenen Recherchen den Behörden fast aufzwingen. Nach der aktuell vorliegenden Zeugenaussage fordern wir die Behörden auf, mit angemessener Intensität zu ermitteln und aufzuklären.“ Sprecher Jan Maresch lobte den Mut und die Zivilcourage des Zeugen sowie das Engagement und die Spendenbereitschaft der Bürgerschaft. Da brandete spontan Beifall auf.

Auf GA-Nachfrage erklärte der Pressesprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Robin Faßbender, lediglich: „Die Ergebnisse der weiteren Ermittlungen in dem Fall werden mit dem Anwalt der Eltern des Getöteten besprochen.“ Ob die Eltern selbst an dem Gespräch teilnehmen würden, stehe noch nicht fest. „Über Details der Ermittlungsergebnisse wird vor diesem Gespräch naturgemäß von der Staatsanwaltschaft nichts mitgeteilt“, so Faßbender weiter. Aus diesem Grund werde man sich auch nicht zu dem neu aufgetauchten Zeugen äußern.

„Weinen hat seine Zeit, Klagen hat seine Zeit“. Mit diesem Satz aus dem Buch des Predigers eröffnete Pfarrer Eckert den Gedenkgottesdienst, nachdem sein Freund, der Arzt Fred Prünte, am Flügel „Somewhere over the Rainbow“ interpretiert hatte. Das Verhalten der Ermittlungsbehörden gebe auch in dieser Kirche Anlass zur Klage, sagte Eckert – nicht allein aus juristischer, sondern vor allem aus menschlicher Sicht. „Wir wollen unsere Unruhe in Worte fassen. Wie lange ertragen die Bürger das angezählte Vertrauen in unsere Staatsorgane? Warum hält ein Staatsanwalt so lange still? Wohl wissend, dass damit für die Angehörigen der Weg versperrt bleibt, endlich Abschied nehmen zu können, das schwere Loslassen zu ermöglichen, endlich richtig trauern zu dürfen.“

Pfarrer Eckert spricht Klartext

Wie berichtet, musste die Bonner Staatsanwaltschaft von der Kölner Generalstaatsanwaltschaft als Dienstaufsichtsbehörde eigens angewiesen werden, die Ermittlungen nicht einzustellen. Der Pfarrer zitierte Jesus aus dem Lukas-Evangelium: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Mit den Schweigern hatte Jesus die Pharisäer gemeint. Die Steine mussten damals nicht schreien, wie Eckert versicherte: „Die Jünger in Jerusalem ließen sich nicht einschüchtern. Sie hielten nicht die Klappe. Sie machten den Mund auf und sprachen Klartext.“

Klartext sprach auch Pfarrer Eckert und erinnerte an ein Telefonat nach dem ersten Gedenkgottesdienst Ende des Jahres 2014 – ein Jahr nach Jens Blecks gewaltsamem Tod, der von den Behörden zunächst als Suizid abgetan worden war. Damals erhielt Siegfried Eckert einen Anruf des damaligen Leiters der zuständigen Wache Ramersdorf im Polizeipräsidium. Dieser habe gesagt: „Ich möge doch als Kirchenmann loyal sein mit dem Staat. Ob ich das zukünftig nicht unterlassen könnte.“ Die Antwort des Kirchenmannes: „Nein, wir schweigen nicht, wenn Unrecht zum Himmel schreit.“

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