Inklusion seit 33 Jahren: "Jedes Kind ist besonders, anders ist normal"

Inklusion seit 33 Jahren : "Jedes Kind ist besonders, anders ist normal"

Die Vorreiterschule steht in Bonn: Seit über 33 Jahren lebt die evangelische Bodelschwingh-Schule Inklusion

Ob Inklusion in der Schule überhaupt klappen kann, wird dieser Tage häufig diskutiert. Der druckfrische Bildungsbericht 2014 macht für die Situation an deutschen Schulen nicht gerade Mut: Bei immer mehr Schulkindern werde sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Und der Anteil derer, die deshalb auf Förder- und nicht auf Regelschulen gehen, steige. Das Ziel der Inklusion, das gemeinsame Unterrichten behinderter und nichtbehinderter Schüler, scheint in noch weitere Ferne gerückt.

Da erstaunt das lokale Beispiel Bodelschwinghschule umso mehr: Denn seit 33 Jahren haben weit über 150 Förderkinder diese evangelische Grundschule durchlaufen. Und zwar Kinder mit den Förderschwerpunkten geistige, emotionale, soziale oder sprachliche Entwicklung, blinde, gehörlose und körperlich behinderte Kinder. Viele von ihnen haben dann das Abitur geschafft und noch ein Studium draufgesetzt, berichtet Rektorin Barbara Schmitz.

275 Kinder lernen in der Einrichtung am Bad Godesberger Woltersweiher, die vor über 50 Jahren nach einem Pastor benannt wurde, der in der Behindertenarbeit Maßstäbe setzte. Schmitz' Vorgängerin Bärbel Bode hatte schon 1981 den Sprung ins kalte Wasser gewagt und für NRW absolutes Neuland betreten: Als dritte Schule bundesweit unterrichtete man gegen alle Vorbehalte nichtbehinderte und behinderte Kinder gemeinsam.

Und hatte Erfolg damit, wie es begleitende Studien belegten. 1985 habe man den Konrad-Adenauer-Preis für Kommunalpolitik und 2009 im Rahmen des Jakob-Muth-Preises der Bertelsmannstiftung eine Anerkennung als Schule auf dem Weg zur Inklusion erhalten, berichtet Schmitz. "Jedes Kind ist wertvoll. Kinder verschiedener Herkunft und Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten lernen hier erfolgreich voneinander."

Auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf hätten ihren Platz. Sie erhielten eben zusätzlich, was sie brauchten, um optimal gefördert zu werden. "Die Feststellung des Unterstützungsbedarfs beschreibt nicht die Wertigkeit eines Menschen, häufig bezieht er sich nur auf einen Teilaspekt", mahnt Schmitz.

Kinder, die zieldifferent lernen, lernten anders und anderes, lernten langsamer und dürften dies auch. "Der gemeinsame Unterricht ist kein Ort der Gleichmacherei. Es geht nicht darum, den Förderbedarf zu verstecken. Hier lernen verschiedenste Kinder mit- und nebeneinander, entsprechend ihren Möglichkeiten." Das gehörlose Kind sitze ganz selbstverständlich neben dem Überflieger, und beide profitierten fürs Leben voneinander, weil sie lernten, den anderen vorurteilsfrei mit allen Stärken und Schwächen zu akzeptieren.

Und wie sieht das Erfolgsrezept dieser pädagogischen Arbeit aus? Jedes Kind erhält einen auf seine Fähigkeiten bezogenen Förderplan auf der Grundlage des Lehrplans, erläutert Schmitz. Dieser Plan beschreibe die Schwerpunkte, den Bildungsgang und die daraus resultierenden Fördermaßnahmen.

"Er setzt Eckpfeiler für die Arbeit im Klassenraum, in den verschiedenen Fächern." Mindestens eine Klasse pro Jahrgang nehme fünf bis sieben Förderkinder auf und werde nahezu durchgehend von einer Grund- und einer Sonderschullehrerin gleichzeitig und gleichberechtigt unterrichtet.

Schmitz erläutert ambitionierte Wochenzeitpläne und flexible Unterrichtsmodelle, dass es eine Freude ist. Es ist eine Mischung aus frischem Enthusiasmus und ausgeruhtem Pragmatismus. Sie nennt das Leitmotiv ihrer Schule: "Jedes Kind ist besonders - anders sein ist bei uns normal."

Die Historie

Zum Schuljahr 1981/1982 wurde an der Bodelschwinghschule ein erstes Schuljahr gebildet, in dem behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet wurden. Dies war in Nordrhein-Westfalen einmalig und wurde sehr kritisch hinterfragt. Doch schon bald bewiesen Studien von Knut Dönhoff (Köln) und Dieter Dumke (Bonn), dass durchweg alle Kinder profitierten: Die nichtbehinderten Kinder wurden in ihren schulischen Leistungen nicht beeinträchtigt, aber in ihrem sozialen Verhalten besonders gefördert.

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