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Leiter der Wache im Interview: „Im Kurpark in Bad Godesberg gibt es keine Gangs“

Leiter der Wache im Interview : „Im Kurpark in Bad Godesberg gibt es keine Gangs“

Der Leiter der Bad Godesberger Wache, Ralf Rheidt, spricht über das Einsatzkonzept für die Anlage, über die steigende Zahl von Einbrüchen im Stadtbezirk und über seinen bevorstehenden Ruhestand.

Das Thema Sicherheit spielt in Bad Godesberg eine große Rolle. Vor allem beim Thema Jugendkriminalität sind die Bürger sensibilisiert. Viele beschäftigt immer noch der tragische Tod des 17 Jahre alten Niklas Pöhler nach einer Prügelattacke. Im vergangenen Jahr wurden wieder Klagen laut über dunkle Orte im Stadtbezirk, an denen sich Jugendliche treffen. Wie sich das zurückliegende Jahr für die Polizei darstellte, darüber sprach Axel Vogel mit Ralf Rheidt, Leiter der Godesberger Wache.

Herr Rheidt, würden Sie nachts privat durch den Kurpark gehen?

Ralf Rheidt: Vor einigen Jahren hätte ich noch entsprechende Befürchtungen teilen können. Heute wäre das für mich kein Problem mehr. Meine Einschätzung lässt sich auch mit Fakten belegen: Wir mussten letztes Jahr – bis auf wenige Einzelfälle – kaum in den Kurpark ausrücken.

Was hat sich verändert?

Rheidt: Die positive Entwicklung hat vor allem damit zu tun, dass alle Verantwortlichen viel getan haben. So sorgte die Stadt für besseres Licht und Grünschnitt, Bonnorange verbesserte die Sauberkeit. Zudem haben wir unter anderem den Kurpark im Zuge unseres Präsenz- und Interventionskonzeptes auf der Uhr.

Worum handelt es sich bei dem Konzept?

Rheidt: Wir haben dieses Modell im Frühjahr 2016 als eine Reaktion auf verstärkte Auseinandersetzungen zwischen Jugendgruppen eingeführt. Klar war für uns, dass wir für solche Einsätze mehr Kräfte benötigen. Darum kontrollieren wir mittlerweile ganzjährig an neuralgischen Orten mit Kräften des Ordnungsaußendienstes der Stadt, der Bereitschaftspolizei und der Diensthundestaffel. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der warmen Jahreszeit und auf Abend- und Nachtstunden an den Wochenenden.

War das neue Konzept eine Reaktion auf die schockierende Prügelattacke auf Niklas Pöhler?

Rheidt: Nein. Uns war bereits viel früher, genauer nach einer Raubserie im Kurpark im Jahr 2015, klar, dass wir etwas tun müssen. Dann kam es im Frühjahr 2016 noch zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen in der Rheinaue, bei der viel Manpower zur Befriedung nötig war. Daraufhin legten wir das Präsenz- und Interventionskonzept auf. Tragischerweise kam es dann am 12. Mai 2016 zu der Tat, bei der Niklas Pöhler getötet wurde. Nach der Tat haben sich alle Verantwortlichen an einen Tisch gesetzt und neben dem Präsenz- und Interventionskonzept einen Prozess in Gang gesetzt, der bislang einwandfrei klappt und Wirkung zeigt.

Von welchen Zahlen sprechen wir?

Rheidt: Wir haben allein im vergangenen Jahr rund 100 dieser Interventionseinsätze durchgeführt, mehrere Hundert Personen und Fahrzeuge kontrolliert sowie 130 Anzeigen erstattet. Aber lassen Sie mich auch das betonen: Wir können trotzdem an Orten wie dem Kurpark nicht 24 Stunden am Tag Präsenz zeigen.

Foto: Axel Vogel; Leiter der Godesbeger Wache ist Ralf Rheidt. Foto: Axel Vogel

Trotzdem bleibt der Park gerade auch für Jugendgruppen attraktiv. Ein Grund zur Sorge?

Rheidt: Nein. Unbestritten ist der Kurpark weiterhin wegen seiner Weitläufigkeit und Citynähe bei vielen Bürgern beliebt. Jugendgruppen bietet sich der Park zum „Chillen“ an. Wir haben weiterhin ein Auge auf das Geschehen. So wissen wir von unseren regelmäßigen Kontrollen, dass sich dort immer wieder die gleichen Gruppen aufhalten. Klar sind darunter ab und an auch Personen, die der Polizei bereits bekannt sind, aber aktuell nicht straffällig geworden sind.

Kann man von Gangs sprechen?

Rheidt: Nein, das sind keine Gangs im klassischen Sinn mit verfestigten Strukturen und Befehlshierarchien.

Im Sommer stand der sogenannte Schlangenweg zur Godesburg in der Kritik. Dort treffen sich ebenfalls junge Leute, die offensichtlich Drogen konsumieren und viel zerstören. Kann man von einer Szene sprechen?

Rheidt: Ja, ein Drogenkonsum ist an dieser Stelle vor allem im Frühjahr und Sommer nicht zu bestreiten, auch nicht Vandalismus und Müll. Ob man allerdings von einer festen Szene sprechen kann, wage ich zu bezweifeln. Tatsache ist, dass dieser Ort im Hinblick auf die Kriminalitätslage eher unauffällig ist. Was Müll und Vandalismus angeht, muss ich Ihnen sagen: Dieses ist aus meiner Sicht mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Problem, was leider keineswegs auf einzelne Stellen in Bad Godesberg begrenzt ist. Den Aufstieg haben wir trotzdem kontinuierlich im Blick. 

Wie hat sich die Jugendkriminalität 2019 entwickelt?

Rheidt: Ich möchte der neuen Kriminalitätsstatistik, die im März vorgestellt wird, nicht vorgreifen, aber man kann sagen, dass es im Stadtbezirk Godesberg 2019 nicht auffälliger zuging als im Rest von Bonn. Auch der Anteil bei den Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist in etwa gleich geblieben: 25 Prozent der Tatverdächtigen im Jahr 2018 gehörten dieser Altersgruppe an – ebenso im Jahr zuvor. Dabei ist aber auch zu berücksichtigen, dass Godesberg aufgrund seiner vielen Schulen einen überproportionalen Anteil an Kindern und Jugendlichen hat.

Auch das Thema Einbruch bewegt den Bürger erfahrungsgemäß.

Rheidt: 2018 mussten wir leider gegen den Landestrend einen Anstieg der Zahlen registrieren. Das hatte auch mit einer ortsansässigen Gruppe aus Mehlem zu tun, der wir eine beachtliche Zahl an Einbrüchen nachweisen konnten. Die Täter wurden festgenommen und einige der Haupttäter zu längeren Haftstrafen verurteilt. Die Folge war, dass die Zahlen im vergangenen Jahr rückläufig waren.

2019 gehörten „falsche Polizisten“, die sich mit Trickanrufen hohe Geldbeträge von Senioren ergaunert haben, zu den Themen, die Sie umtrieben.

Rheidt: Ja, das war und ist deutschlandweit ein großes Problem. Im Zuständigkeitsbereich der Bonner Polizei hat es weit über 2000 Anrufe dieser Betrüger gegeben, davon entfallen rund ein Drittel auf Bad Godesberg. Auch wenn die Täter in weniger als einem Prozent Erfolg haben und die Menschen zwischenzeitlich um das perfide Vorgehen der Telefonbetrüger wissen, lassen die Anrufe nicht nach. Das hat wohl auch damit zu tun, dass hier sehr viele Senioren leben.

Freuen Sie sich schon auf Ihr Büro in der neuen Polizeiwache, die gerade auf dem ehemaligen Haribo-Areal gebaut wird?

Rheidt: (lacht) Ich werde dort kein neues Büro mehr beziehen können, weil ich dann im Ruhestand bin. Voraussichtlich 2022 ziehen wir um. Bis dahin helfe ich bei der Detailplanung. Schließlich ist das jetzige Wachgebäude an der Zeppelinstraße in die Jahre gekommen. Hier tut eine räumliche Veränderung absolut Not.