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Buch über Bernard Lescrinier: Frotzeln mit Adenauer

Buch über Bernard Lescrinier : Frotzeln mit Adenauer

Die Weingläser auf dem Tisch von Bundeskanzler Konrad Adenauer waren gut gefüllt. Die Herren Journalisten rauchten, andere standen im Kreis und lauschten gebannt, wie sich zu nächtlicher Stunde der Disput "des Alten" mit ihrem ebenso wortgewaltigen Kollegen Bernard Lescrinier entwickeln würde

Eine typische Szene im Hauptstadt-Bonn der Fünfziger Jahre. Und mittendrin gestenreich wie immer dieser 1900 in Godesberg geborene Vollblutjournalist Lescrinier. Der hatte einst die Burgschule besucht und Godesberg vor allem den Rücken gekehrt, um bloß nicht im Malerbetrieb seines Vaters Joseph einsteigen zu müssen. "Abtritsche weiße" habe ihr Vater absolut nicht als seine Lebensaufgabe angesehen, meint Lescriniers Tochter Hannelore Fuchs heute schmunzelnd.

Die Chefin des hiesigen Montag-Clubs für politische und gesellschaftliche Kontakte hat gerade ein Buch herausgegeben: und zwar sowohl eines ihres Vaters als auch über ihren Vater, ein Buch also, das als Vermächtnis des Top-Journalisten gelten kann. "Mittendrin in der Nazizeit" heißt es. Und es führt die akribischen Aufzeichnungen des bewunderten Vaters aus den zwölf Jahren des Nazi-Regimes mit ihren eigenen Erinnerungen im braunen Berlin zusammen.

Wobei die 1929 geborene Tochter im Haushalt eines der wenigen deutschen Journalisten, die damals für ausländische Medien schreiben durften, vieles vom enormen Druck, ja von der Angst des Vaters auch um die Familie gespürt hatte. "Was soll ich denn machen, wenn dieser Hitler mir für Fotos übers Haar streichen will?", hatte sie bang ihren Vater gefragt, als der gezwungen war, wenigstens ein Familienmitglied zum Presseempfang mitzubringen. "Das können wir schon verhindern", habe Lescrinier, der von der Gestapo intensiv observiert wurde, sie getröstet, schreibt Fuchs, die dann trotzdem auf ein Propagandabild geriet.

Besonders dieser Wechsel von profunder Journalistenanalyse und tastenden Fragen seiner heranwachsenden Tochter macht das Buch von Hannelore Fuchs zu einem Leseerlebnis. Auch Lescrinier hat seine scharfsinnigen Beobachtungen aus dem Umfeld Adolf Hitlers offensichtlich nach 1945 im Rückblick niedergeschrieben. Sie lesen sich jedoch heute noch spannend.

Fuchs hat die geheimen Staatspolizeiberichte über ihren Vater ebenfalls beigegeben. Bei der Nachrichtenagentur UP war er in Berlin seit 1929 beschäftigt gewesen, hatte aus dem Dritten Reich die Auslandspresse bedient. Das Titelbild des Buches zeigt Lescrinier, wie er mit dem britischen Kollegen Hugh Greene, einem Bruder des Schriftstellers Graham Greene, 1939 demonstrativ die Zeitungen tauschte. Er sei als Mensch und Journalist immer ein Vorbild für Gewissenhaftigkeit und Prinzipientreue, hieß es 1967 im Nachruf von Willy Brandt nach Lescriniers Tod.

Als fair und objektiv wurde die Berichterstattung des Mannes, der 1945 nach der Flucht in seine Geburtsstadt zurückkehrte, gemeinhin bewundert. Als Journalist der ersten Stunde berichtete Lescrinier über die noch junge Republik und ihre Politiker. Sein "Frotzel-Verhältnis" zu Kanzler Adenauer war legendär: Sie seien doch beide mal Messdiener gewesen, kommentierten sie das.

Was nicht hieß, dass dieser Journalist sich nicht festbeißen konnte: Das Pressereferat von Theodor Heuss ließ ihm 1955 "mit vorzüglicher Hochachtung" ausrichten, der Herr Bundespräsident sei sehr verärgert darüber, dass Lescrinier eine politische Aussage in die Blätter gebracht habe: Das sie doch wohl Mangel an Loyalität, wenn man Heuss zum "Freiwild für Geschmacklosigkeiten" mache. Lescrinier hatte die Kenntnis von einer damals sensationellen sowjetischen Einladung für den Bundeskanzler nach Moskau in eine Meldung gepackt.

Hannelore Fuchs. Mittendrin im Berlin der Nazizeit. Bernard Lescrinier, 2015, 10,44 Euro.