Lehrbuch für Revolutionäre: Explosives in Briefumschlägen

Lehrbuch für Revolutionäre : Explosives in Briefumschlägen

Explosives aus dem Osten: In Briefen mit fingierten Adressen versendete DDR-Bürgerrechtler Hans Krech aus Halle von 1987 bis 1989 sein 150 Seiten umfassendes Lehrbuch zur Vorbereitung der Revolution in den Westen.

"Ich habe mit Freunden immer nur drei Seiten verschickt, um bei der Stasi nicht aufzufallen und Briefkästen in verschiedenen Städten der DDR benutzt", erzählte Krech bei seiner Lesung "Im Herzen Spartacus" im Wissenschaftszentrum auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung.

In dem historisch-literarischen Leitfaden für die anstehende Revolution wandelt der gebürtige Hallenser auf den Spuren berühmter Revolutionäre und zieht entsprechende Lehren. Nach Ansicht des Historikers war der Sklavenaufstand des entflohenen Gladiators Spartacus (73-71 vor Christus) gegen die Übermacht der römischen Legionen chancenlos, weil er zu spontan war. Krechs Lektion 1: Eine Revolution muss gut vorbereitet und organisiert sein.

So wie Lautaro (1535-1557 nach Christus), Kriegshäuptling vom Stamme der Mapuche im heutigen Chile, der in seiner spanischen Gefangenschaft Taktik und Strategie der Unterdrücker erlernte. Lektion 2: Vom Gegner lernen. Thomas Jefferson (1743-1826) war maßgeblicher Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien in Nordamerika.

Lektion 3: Menschen- und Freiheitsrechte müssen staatlich dokumentiert werden. Maximilien de Robespierre (1758-1794), mitverantwortlich für die Schreckensherrschaft der Französischen Revolution, hat, so Krech, durch seine Radikalität die Errungenschaften der Revolution vor der Vernichtung durch ihre Feinde letztendlich gerettet.

Lektion 4: Revolutionäre müssen wehrhaft sein. Mahatma Ghandi (1869-1948) war für die Revolution in der DDR laut Krech von besonders großer Bedeutung: "Wir haben seine Kampfmethode des sehr wirksamen zivilen Ungehorsams übernommen." Lektion 5: Alle müssen sich querlegen. Das Beispiel Nelson Mandela (1918-2013) zeige, dass man für den Fall der brutalen Regelverletzung durch den Staat aber auch begrenzt Gewalt anwenden muss. Nachdem 1960 in Sharpeville unbewaffnete Demonstranten erschossen worden waren, proklamierte Mandela den gewaltsamen Kampf gegen die Apartheid.

Nach dem Fall der Mauer baute sich Krech ein neues Leben im Westen auf. Anfangs war er in Aufnahmelagern in Geseke und Essen untergebracht. "Wenn ich heute bei den Demonstrationen der Pegida sogenannte besorgte Bürger "Wir sind das Volk" rufen höre, kommt mir die Galle hoch. Absolut niederträchtig", sagte der ehemalige Bürgerrechtler im Gespräch mit dem GA.

Seit 2001 ist Krech Geschäftsführer der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Beim Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit ist er Experte für die Strategie der Al Kaida. Soll Deutschland weiter am Hindukusch verteidigt werden? "Nein. Die Taliban sind verhandlungsbereit. Die Politiker haben das noch immer nicht begriffen."

Zur Person

Hans Krech wurde 1956 in Halle geboren. 1984 promovierte er in Geschichte an der Martin-Luther-Universität. Im gleichen Jahr wurde er aus der SED ausgeschlossen. Es folgten fünf Jahre Berufsverbot, Arbeitslosigkeit und Bewachung rund um die Uhr. Die Stasi fürchtete, dass Krech zum Revolutionsführer werden könnte. Mit Unterstützung von Genscher konnte er im September 1989 in die Bundesrepublik ausreisen - nach 42 Anträgen.