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"Bad Godesberg für Einsteiger": Eine Reise von der Kurfürsten- bis in die Hauptstadtzeit

"Bad Godesberg für Einsteiger" : Eine Reise von der Kurfürsten- bis in die Hauptstadtzeit

Die GA-Volontärin Katrin Puvogel will's von den Lesern wissen: Was macht den Stadtbezirk aus? In der ersten Folge von "Bad Godesberg für Einsteiger" unternimmt sie einen historischen Stadtrundgang

Neu in Godesberg, frisch von der Uni und mit reichlich Motivation bin ich zum Jahreswechsel in der Godesberger Redaktion des GA angekommen. Als angehende Redakteurin ist jedoch nichts schwieriger, als über einen Stadtbezirk zu schreiben, in dem man nichts und niemanden kennt. Also habe ich die GA-Leser um etwas thematische Starthilfe gebeten - und bin begeistert von der Resonanz. Der Godesberger scheint sehr hilfsbereit zu sein, so der erste Eindruck.

Direkt meldet sich der Lokalhistoriker Wilfried Rometsch bei mir. Er schlägt vor, sich für einen historischen Stadtspaziergang zu verabreden. Perfekt. Wie könnte ich besser anfangen, als mit der Geschichte von Godesberg? Treffpunkt: Draitschbrunnen. Dort habe "das mit Bad Godesberg alles angefangen", sagt er am Telefon.

Als wir uns treffen, laufe ich am Brunnen fast vorbei. Rometsch klärt mich auf: "Das ist nur der Rest einer großen Anlage." Er erzählt, wie der Chemiker Ferdinand Wurzer für den Kurfürsten das Wasser untersuchte. Ich lerne, dass eine "Bade-Kur" in dieser Zeit bedeutete, dass man das Wasser - so wie man es auch heute noch tut - trank und nicht darin planschte. Vom Brunnen laufen wir zur Redoute und zum Rathaus. Rometschs Geschichten zu den kurfürstlichen Gebäuden malen Bilder in meinem Kopf: Ich stelle mir vor, wie die Damen damals in dem Saal tanzten, im Haus an der Redoute, das damals Theater war, in ihre Fächer kicherten und dann in den Logen-Häusern des heutigen Rathauses nächtigten. Vielleicht bin ich doch im falschen Jahrhundert geboren, denke ich.

Während wir spazieren und über die kurfürstliche Zeit reden, möchte ich wissen, was Rometschs schönste Erinnerung an Godesberg ist. Seine Augen glänzen, als er mir erzählt, wie ihn seine Mutter nachts weckte und rief: "Bonn ist Hauptstadt." Einige Wochen später habe er früher Schulschluss gehabt, weil die Kinder am Straßenrand dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss zuwinken sollten.

Die Zeit als Hauptstadt, und das merke ich nicht nur bei ihm, ist für die Godesberger immer noch Thema. Für mich ist das seltsam. Ich war noch nicht einmal geboren, als Bonn noch Hauptstadt war. Rometsch schmunzelt, als ich das sage. Er hat diese Zeit voll miterlebt, hat Ministerien beraten und Politiker kennengelernt. Vielleicht weil ich unwissend erscheine, vielleicht auch weil ich ihn mit Fragen über die Hauptstadtzeiten löchere, schlägt er vor, in die Amerikanische Siedlung und zur alten Botschafterresidenz zu fahren.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie es gewesen sein muss, als die Blumenkübel an den Toren zur Siedlung noch Schranken waren und man in einem amerikanischen Supermarkt einkaufen konnte. Die Botschafterresidenz am Rhein beeindruckt mich noch mehr. Der schillernde Reichtum vergangener Zeiten lässt mich so langsam verstehen, warum mir immer alle sagen, dass in Godesberg zu Hauptstadtzeiten "eine ganz andere Stimmung" herrschte. Und auch, dass ein Großteil der Bonner Infrastruktur auf die Hauptstadtzeit zurückzuführen ist, war mir so nicht bewusst: Die Wohnhäuser aus den Fünfzigerjahren für die Bediensteten, ganze Siedlungen etwas außerhalb von Godesberg oder auch die U-Bahn hatte ich bisher einfach als gegeben wahrgenommen. Der Ausflug mit Rometsch macht mich fast ein bisschen traurig. Vielleicht bin ich doch im falschen Jahrzehnt geboren.

Weil ich wissen will, wie es in Godesberg zu den glamourösen Hauptstadtzeiten war, treffe ich mich mit einem, der sie hautnah erlebt hat: Günter Klein, ehemaliger Hausfotograf der Redoute. Einige seiner Fotos kannte ich schon aus dem Buch mit historischen Bildern, das er mir "zum Einstieg" schenkte. "Auch nur Menschen", sagt Klein, als ich frage, wie die Promis und Politiker denn so waren. Wir betrachten auf seinen Bildern Gesichter, die ich aus dem Geschichtsbuch kenne: Adenauer, Brandt, Kennedy. Dass die sich hier, in der Redoute, die Klinke in die Hand gaben und Politik machten - für mich ist das nach wie vor seltsam.

Ich frage Klein, was sein Lieblingsbild ist. Er überlegt nicht lange. "Die Architekten des Mauerfalls", sagt er und tippt mehrfach auf die Stelle in seinem Buch, an der sich Gorbatschow und Kohl die Hand schütteln. Eigentlich kurios. Immerhin sorgte dieser Moment schlussendlich dafür, dass Bonn und damit Godesberg nicht mehr Hauptstadt ist.

Die Zeit als kulturelles und politisches Zentrum hat die Identität dieses Ortes und der Menschen hier geprägt. Dieses Identitätsbewusstsein zu verstehen, ja, die Menschen zu verstehen, wird mir bei meiner Arbeit sehr helfen. Und vielleicht bin ich zur falschen Zeit geboren, habe Glanzzeiten verpasst. Aber so, wie ich die Godesberger kennen lerne, frage ich mich: Wer sagt, dass sich dieser Ort nicht mit neuen Geschichten und Ideen füllen lässt?

Volo will's wissen

Katrin Puvogel ist seit Anfang Januar GA-Volontärin in der Redaktion Bad Godesberg . In der Lokalredaktion berichtet sie jetzt über einen Stadtbezirk, den sie vorher noch nicht kannte. In ihrer nächsten Folge besucht die Volontärin das Villenviertel. Wenn Sie sich beteiligen möchten und einen Vorschlag für einen lohnenswerten Ausflug in Godesberg haben, schreiben Sie eine kurze E-Mail an godesberg@ga-bonn.de oder einen Brief an die Redaktion Bad Godesberg, Koblenzer Straße 61, 53173 Bonn.