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Frühere Bundesbildungsminister Rainer Ortleb: "Die FDP hat noch eine reelle Chance"

Frühere Bundesbildungsminister Rainer Ortleb : "Die FDP hat noch eine reelle Chance"

Mehr als 20 Jahre ist es inzwischen her, dass Rainer Ortleb in Bonn als Bundesbildungsminister wirkte, heute lebt der habilitierte Mathematiker in Dresden. Während einer Stippvisite traf ihn Rüdiger Franz in Bad Godesberg.

Professor Ortleb, mit welchen Gedanken streifen Sie durch die Straßen der früheren Bundeshauptstadt Bonn?
Rainer Ortleb: Niemals hätte ich als ehemaliger Bürger der DDR geglaubt, dort als freier Bürger zu laufen. Bei meinem jetzigen Besuch habe ich mein erstes Hotel in Bonn, das Hotel zur Post in Beuel, besucht. Meine verehrte alte Wirtin, Frau Füllenbach, hat mich erfreut und überrascht begrüßt.

Was war das eindrucksvollstes Erlebnis Ihrer "Bonner Jahre"?
Ortleb: Ich bin 1994 als Bundesminister zurückgetreten. Als einfacher Bundestagsabgeordneter bin ich, ohne besondere Fahrdienste zu beanspruchen, gern mit der U-Bahn gefahren. Es war einfach schön, dass ich trotz bekannten Gesichtes als normaler Mensch gesehen wurde.

Hat Ihre alte Partei, die FDP, noch eine Chance?
Ortleb: Ich finde es bewundernswert, dass Christian Lindner als Parteivorsitzender in einer vertrackten Situation den Kopf nicht hängen lässt, sondern eine Skizze davon entwirft, worin die Zukunftschance der FDP bestehen kann. Er sollte jetzt allerdings nicht den Fehler machen, mehr zu versprechen, als die Partei halten kann. Wenn ihm das gelingt, gebe ich der FDP eine reelle Chance.

Und was sagen Sie zum farblich neu gestalteten Logo?
Ortleb: Magenta mag der Versuch eines Befreiungsschlages sein, rettet die Partei aber definitiv nicht. Das erinnert mich eher an die berühmte "18", die einst auf gewissen Schuhsohlen aufgeklebt waren. Vielmehr muss es in der Partei jetzt darum gehen, die verbliebenen Mitglieder zu motivieren.

Inzwischen gibt es mit der Alternative für Deutschland eine Partei, welche unter anderem das historisch tief verwurzelte nationalliberale Milieu wiederentdeckt hat. Sollte die FDP hier konkurrieren?
Ortleb: Man muss die richtige Mischung der Themen finden. Aber es würde das Wählerpotenzial gewiss stärken, wenn in einer erneuerten FDP auch der nationale Gedanke seinen Platz hätte. Denn im Streben nach politischem Erfolg wird es auch weiterhin maßgeblich auf das Gespür für die Menschen im eigenen Land ankommen.

Vor den Toren Bonns lebt Ihr einstiger Kabinettskollege Hans-Dietrich Genscher. Wie haben Sie als Bürger der DDR ihn und seine Politik wahrgenommen?
Ortleb: Ich habe ihn aus der Ferne - beispielsweise wenn er im Westfernsehen zu sehen war - sehr bewundert. Er ist ein genialer politischer Taktiker. Aber es hat sich eben auch ausgezahlt, dass man ihm die notwendige politische Reifezeit gewährt hat. Das ist heutzutage oft nicht mehr so, und daran hapert es vielfach.

Wie sehen Sie als Dresdner die dortigen Pegida-Demonstrationen der vergangenen Wochen?
Ortleb: Ich selbst habe es vermieden, dorthin zu gehen. Soviel ich gehört habe, sind die bisherigen Kundgebungen stets geordnet und ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen. Allerdings erscheinen mir die Forderungen noch sehr vielstimmig und unstrukturiert. Ob sie sich auch in der Politik niederschlagen, wird nicht von sich überbietenden Teilnehmerrekorden abhängen, sondern davon, ob Demonstranten und Politiker auf Dauer in ein ernsthaftes Gespräch finden.

Inzwischen ist ja ein heftiger politischer Meinungsstreit über den Umgang mit der Pegida-Bewegung entbrannt. Was sagen Sie dazu?
Ortleb: Ich nehme wahr, dass man bei diesem Thema mit dem Vorwurf des Populismus oder auch Schlimmerem schnell zur Hand ist. Aber oftmals geht es in solchen Fällen darum, den politischen Konkurrenten ohne Nachweis diskreditieren zu können. Liberalismus heißt, auch zuhören zu können. Es ist also nicht liberal, dem anderen nicht zuzuhören. Um sich selbst ein Bild zu machen, kann man ja beispielsweise die offiziellen Thesen von Pegida lesen.

Zur Person

Rainer Ortleb wurde 1944 im thüringischen Gera geboren, studierte in Dresden Mathematik und trat 1968 der LDPD bei. Später promovierte er und habilitierte sich. 1990 wählte ihn die im Umbruch befindliche LDPD zu ihrem Vorsitzenden und später zum Fraktionsvorsitzenden in der ersten demokratisch gewählten DDR-Volkskammer.

Ortleb überführte seine Partei im August 1990 in die FDP und war bis 1995 einer ihrer stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Nach der Wiedervereinigung wurde er Bundestagsabgeordneter und Bundesminister, zunächst ohne Geschäftsbereich, dann für das Ressort Bildung und Wissenschaft. Aus gesundheitlichen Gründen erklärte er 1994 seinen Rücktritt und trat nach internen Streitigkeiten 2001 aus der FDP aus.