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Josef Kirfel: Der Fährmann zwischen Godesberg und Niederdollendorf

Josef Kirfel : Der Fährmann zwischen Godesberg und Niederdollendorf

Josef Kirfel fuhr mehr als 50 Jahre die Fähre zwischen Godesberg und Niederdollendorf. Dabei kann er heute auf viele besondere Momente zurückblicken.

Wer Käpt'n Blaubär aus dem Fernsehen kennt, weiß, dass der jede Menge Seemannsgarn spinnen kann. Auch Josef Kirfel, der mehr als 50 Jahre lang Autoschnellfähren sicher über den Rhein steuerte, weiß eine Menge Geschichten zu erzählen. Die stimmen auch, wie er hoch und heilig versichert. Nur bei seinem Alter flunkert er erst gern ein bisschen und stapelt tief.

Tatsächlich ist er 81 Jahre alt, stolz drauf, und seine frisch gebügelte Kapitänsuniform mit den vier goldenen Streifen am Ärmel, die er 2011 an den Nagel gehängt hat, sitzt immer noch. Dazu die Mütze auf dem Kopf, fällt Kirfel richtig auf, als er seinen alten Arbeitsplatz unten an der Rheinallee noch einmal besucht. Der gebürtige Godesberger bedauert es, dass heute niemand mehr Uniform trägt. „Das sah doch auch besser für den Kunden aus“, meint er. Das hatte aber niemanden von harter Arbeit befreit. Die Schiffsklappen wurden früher noch von Hand rauf- und runtergedreht. Auch Anstreichen, Warten und Reparieren gehörte zu den Aufgaben der Fährbesatzung.

Vor allem aber Service, zum Beispiel bei Hochwasser. Wenn die Wellen übers Ufer schwappten, hatten es die Autofahrer noch leicht. Sie blieben einfach in ihren Wagen sitzen und bekamen keine nassen Füße. Anders sah es bei der alten Dame aus, die Kirfel und seine Matrosen in einem Handwagen aus der Fähre gezogen hatten. „Es war so schön“, sagte sie daraufhin. „Da kriegste auch ne Mark.“

Viele Bundeskanzler und die Queen

Kirfel setzte schon Queen Elizabeth II. über den Rhein, die in ihrer Karosse aber abgeschottet wurde. Ganz anders war da Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich gern die Brücke zeigen ließ und zum Ruder griff. „Der war einfach, ursprünglich. Dem konnte man alles erzählen“, sagt Kirfel. Zu seinen Passagieren zählten auch die Kanzler Ludwig Erhard und Helmut Schmidt sowie Egon Bahr und Rita Süssmuth. Mit Heiner Lauterbach und Klaus Löwitsch drehte der Kapitän Filme. Auch Heino war schon an Bord, den es wohl gefreut hat, dass auf dem Führerstand das Schlagerradio SWR 4 lief. „Da war ich immer lustig und gut drauf“, erinnert sich Kirfel, der Mitglied der Schiffer-Gilde ist, aber nie einen Autoführerschein gemacht hat. Konrad Adenauer war Stammgast. Auch an ihn kam er kaum heran, weil der Bundeskanzler immer von Dutzenden Autogrammjägern umlagert war. Kirfel war damals noch ein wenig schüchtern, wie er sagt. „Heute würde ich ihn aber ans Steuer hochholen.“

Eine Unterschrift bekam er am Ende doch noch über Adenauers Fahrer, der ihm in einer heiklen Situation einst eine Zigarette angeboten hatte: Da konnte Kirfel im letzten Moment einem Schleppzug mit zwei Schiffen ausweichen, der aus dem Ruder gelaufen war. Er kam gerade noch von der Anlegerampe weg, „sonst wäre die Fähre Schrott gewesen“. Haarig wurde es auch, als sein Schiff von einem Fischkutter und der Goethe eingekesselt wurde und der Schaufelraddampfer am Ende auf die Landeklappe auffuhr. Bei der Havarie ging auch eine Scheibe zu Bruch.

Schaafherde wird seekrank

Nach dem Besuch der Burgschule wollte der junge Josef Kirfel eigentlich gar nicht aufs Schiff, kam dann aber in Ermangelung anderer Arbeit zur Bonner Personenschifffahrt und später auf ein Schleppschiff in Holland. 1961 begann er auf den Fähren „St. Michael“ und „St. Christophorus“. Nach 40 Jahren Arbeit ging es in den Ruhestand. „An dem Tag standen mir die Tränen in den Augen“, erzählt Kirfel. „Ich habe dann aber noch 13 Jahre drangehängt“ – und war sieben- bis achtmal im Monat im Einsatz.

Seine Frau Marita machte das alles mit, war aber von den Sonn- und Feiertagsdiensten nicht so begeistert, wie der Kapitän verrät. Gut erinnert sich „Jüppchen“, wie ihn viele nannten, an eine Schafherde, deren Tiere – bei der Überfahrt vielleicht ein wenig seekrank geworden – ein paar Hinterlassenschaften auf der Fähre ließen. Oder an den Tag, als zwei Maschinen aussetzten und er es schaffte, an einer Weide in Plittersdorf anzulegen. Eine Kupplung und eine Wasserpumpe wurde noch am Abend an Ort und Stelle repariert.

„Sie haben vor 24 Jahren meine Tochter gerettet“, sprach ihn im Weinhaus Muffendorf eine Frau an. Die damals Zweijährige war mit ihrem Puppenwagen von der Denglerstraße an den Rhein gelaufen. Da kein Erwachsener das Mädchen kannte, nahm Kirfel es zwei Stunden lang mit auf die Fähre, was der quietschfidelen Kleinen ganz besonders gefiel. „Ich konnte sie doch nicht stehen lassen“, meint der Skipper. Irgendwann kamen die Eltern der heutigen Ärztin, die Kirfel gerne einmal wiedersehen würde.

Zwei Jahrzehnte lang war Adenauer sein Fährgast. Nach dessen Tod 1967 trat der Staatsmann im mit deutscher Flagge umhüllten Sarg seine letzte Überfahrt an – eskortiert von den weißen Mäusen auf ihren Motorrädern. Noch im selben Jahr taufte Adenauers Tochter Lotte Multhaupt das Schiff auf den Namen ihres Vaters. „Ich könnte es heute noch steuern“, versichert Josef Kirfel.