Reichspogromnacht und Martinszug: Bonner Anwohner findet Martinszug pietätlos

Reichspogromnacht und Martinszug : Bonner Anwohner findet Martinszug pietätlos

Schüler ziehen am 9. November mit Laternen durch die Straßen - aus Sicht eines Anwohners pietätlos. Schließlich handele es sich um den Gedenktag der Reichspogromnacht. Teilnehmer weisen die Kritik zurück.

Kinder ziehen mit ihren Laternen durch die Straßen und nebenan wird der Opfer der Reichspogromnacht gedacht. Einem Anwohner fehlt dafür das Verständnis: Es sei eine außerordentliche Pietätlosigkeit an dem Tag, an dem an brennende Synagogen und durch die Straßen gejagte Menschen gedacht werde, dass Schüler mit Laternen, Kerzen und Fackeln durch die Straßen zögen und Lieder trällerten. Er nennt konkret den Martinszug der Paul-Klee-Schule am Donnerstag.

Er sei ein Nachkomme von Angehörigen, die in deutschen Konzentrationslagern zu Tode gefoltert wurden und am 9. November 1938 bei den gewaltsamen Übergriffen ihrer Identität, ihrer Heimat sowie ihres Besitzes beraubt wurden, sagt der Anwohner. Er hat an Schulamtsleiter Hubert Zelmanski geschrieben und verlangt Änderungen fürs nächste Jahr.

„Die Martinszüge organisieren die Schulen eigenständig in Absprache mit den Bezirksverwaltungsstellen“, heißt es beim Schulamt. Generell plädiere man für ein Nebeneinander. „Wenn das aber nicht möglich sein sollte, kann das Schulamt den Grundschulen den Hinweis geben, die Gedenkveranstaltungen in der Zukunft bei der Planung der Martinszüge zu berücksichtigen.“

Teilnehmer des Martinszuges der Paul-Klee-Schule wehren sich gegen die Vorwürfe des Anwohners. Die Kinder hätten keinesfalls Lieder „geträllert“, sondern einstudiertes Sankt-Martins-Repertoire in redlicher Andacht gesungen, scheibt ein Vater in einem Brief an den GA. Sie hätten auch keine Fackeln getragen, sondern mit Batterien betriebene Leuchten, Kerzen und selbst gestaltete Laternen. Darauf wies auch Schulleiterin Petra Römer hin.

„Unser Martinsdarsteller, der dem Zug auf dem Pferd vorausritt, hat es den Kindern auf dem Schulhof in einer bewegenden Ansprache nahe gebracht: Es geht um Achtsamkeit für die Nöte und Bedürfnisse des Nächsten“, berichtet der Vater. „Insofern ist die Botschaft des Martinszugs jener des Gedenktags an Opfer des Nationalsozialismus sicher weit näher als jene der Fackelzüge grölend-trällernder Nazis, mit denen der Villenviertelanwohner unseren Zug viel leichter zu assoziieren scheint.“ Lieder zu singen und Lichter zu entzünden sei nichts, was sich aufgrund des Gedenkcharakters des 9. November grundsätzlich verbiete.

Insgesamt zwölf Bonner Martinszüge am Gedenktag

Am 9. November zogen neben dem Villenviertel auch durch elf weitere Ortsteile Martinszüge, darunter in Friesdorf, Duisdorf, Geislar, Venusberg und Südstadt. Der Vater aus Bad Godesberg möchte „möglicherweise wachgerüttelten, üblen Erinnerungen meiner Nachbarn“ nicht als nichtig abtun. Er schlägt deshalb vor, in Zukunft Rücksicht zu nehmen und Terminüberschneidung zu vermeiden. „Schließlich äußert der Anwohner in seiner Kritik ein individuelles, offenbar existenzielles Bedürfnis, für das wir Achtsamkeit entwickeln können, wenn wir die Botschaft Sankt Martins ernst nehmen wollen“, heißt es in dem Brief. Der Vater wundert sich allerdings über die Schärfe der Kritik. „Es gibt im Herbst 2017 sicher reichlich besser geeignete Adressaten notwendiger Kritik, an denen man sich abarbeiten könnte, als eine Gruppe singender Kinder und deren Familien.“