Bonn: Chinesische Schule ist von der Schließung bedroht

Mietvertrag läuft Ende 2019 aus : Chinesische Schule Bonn sucht neue Räumlichkeiten

Die Chinesische Schule Bonn ist von der Schließung bedroht. Bis Ende dieses Jahres darf sie Räume im Friedrich-List-Kolleg nutzen. Das Gebäude des Kollegs muss jedoch ab Januar saniert werden.

Lehrerin Lin Chen zeigt mit einem Stab auf Fische mit chinesischen Zeichen, die durch eine Videoprojektion an die Tafel geworfen werden. Zeitgleich schnellen die Finger der Schüler in die Luft. Lautstark rufen sie die passenden chinesischen Begriffe. Die Lehrerin antwortet ihnen verstärkt über ihr Headset-Mikrofon. Die Geräuschkulisse ist bis auf den Hof des Friedrich-List-Berufskollegs zu hören, das samstags die Chinesische Schule Bonn beherbergt.

Mehr als 200 Schüler aller Altersstufen lernen in Bad Godesberg in 16 Klassen die Sprache, Kultur, Geschichte und Geografie Chinas. Rund 90 Prozent davon sind Deutsche mit chinesischen Wurzeln, die die komplexe Sprache und die Kultur ihrer Eltern und Großeltern verstehen und bewahren sollen. Die 1985 gegründete Chinesische Schule in Bonn ist die älteste in Deutschland und aus dem gesamten Rheinland strömen samstags Eltern mit ihren Kindern zum Unterricht nach Bad Godesberg. So auch Ziwen Wang aus Koblenz, die bei Lehrerin Lin Chen in der Sprachklasse heute Redewendungen lernt. „Es ist schwer, macht aber auch viel Spaß“, sagt die Zehnjährige und ergänzt, dass sie mit ihren Eltern in den Ferien auch schon nach China geflogen sei und sie das Gelernte  nutzen konnte. Während Ziwen spielerisch zwei bis vier Schriftzeichen zu einem Sprichwort verbindet, können ihre Eltern beim Tai Chi, Tischtennis oder Hallenbasketball abschalten. Bisher kamen auch viele Familien aus Köln nach Bonn. Seit diesem Jahr gibt es nun auch eine Filiale in Hürth, wo bereits hundert weitere Schüler das Schuljahr begannen.

Die Chinesische Schule ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, die Schulgebühren von 130 Euro im Halbjahr fließen ausschließlich in den Betrieb der Schule. Lehrer, Schulleitung und Vorstand arbeiten ehrenamtlich. Die Lehrkräfte bekommen lediglich den Mehraufwand und die Fahrkosten bezahlt. So wie Lehrerin Lin Chen, die 2012 mit ihrem heute neunjährigen Sohn nach Deutschland kam, da ihr Mann bei der UN in Bonn einen Job angenommen hatte. Mit dem Ehrenamt an der Chinesischen Schule erfüllt sie sich einen Traum: „Ich wollte schon immer gerne als Lehrerin arbeiten und die Schule ermöglicht mir Fortbildungen und Schulungen.“

Die Ausbildung basiert auf von der Jinan-Universität und dem Bildungsministerium Chinas herausgearbeiteten Lehrbüchern. „Die einzelnen Unterrichtsstunden werden jedoch von den Lehrkräften individuell gestaltet“, sagt Schulleiter Kangle Lu. Inzwischen seien jedoch ältere Lehrer freigestellt, um den neuen zu helfen, um so gemeinsam den Unterricht zu verbessern. Sprache alleine zu vermitteln, reiche dabei nicht aus. „Auch Verhaltensregeln nach Konfuzius haben schon auf dem Lehrplan gestanden“, erklärt der Schulleiter. Viele deutsche Firmen seien früher auf dem chinesischen Markt gescheitert, da ihnen die sozialen Kenntnisse fehlten. „Unsere Schüler arbeiten später oft in großen deutschen Unternehmen und können Brücken brauen zwischen den Ländern.“ Die Chinesische Schule bilde so die bilingualen Fachkräfte von morgen aus.

Für die Kinder bedeutet das, nach einer absolvierten Unterrichtswoche, auch noch am Samstag von 13 bis 17 Uhr die Schulbank zu drücken. „Das ist ziemlich anstrengend“, urteilt der 16-Jährige Tien-Yeung Li. „Mein Vater kauft chinesische Waren ein und wenn ich ihm später helfen soll, dann geht es nicht anders – ich muss das lernen.“

Der Gründungsimpuls kam in den 80er Jahren von chinesischen Geschäftsleuten und Familien in Bonn, unterstützt von der Chinesischen Botschaft und der Stadt Bonn. Bei offiziellen Anlässen, internationalen Festen oder im Karneval sei die Schule stets mit Gruppen vertreten. Die Hobbykurse der vierten Unterrichtsstunde bieten dafür eine gute Grundlage. Hier können die Schüler Kalligrafie, das Brettspiel Go, traditionelle Tänze oder Kampfsportarten ausprobieren. Im kommenden Jahr feiert die Schule ihr 35-jähriges Bestehen. Neben dem Mondfest und dem chinesischen Neujahrsfest soll dies erneut eine Gelegenheit bieten, das Gelernte zu zeigen und zu feiern.

Doch ob das Jubiläum überhaupt stattfinden kann und vor allem wo, das bereitet Schulleiter Kangle Lu Kopfzerbrechen. Das Friedrich-List-Berufskolleg plant zum Jahresbeginn eine Brandschutzsanierung, für die die Samstagsschule weichen muss. Ein Dringlichkeitsantrag wurde vor dem Schulausschuss vor einem Jahr gestellt und von allen Parteien unterstützt. Doch die Suche nach einer Schule, die ihre Räume für den Verein am Wochenende bereitstellt, gestaltet sich schwierig. Häufig scheitert es am Hausmeisterservice oder der als zu hoch empfundenen Belastung. Jetzt gegen Jahresende gibt es Gespräche mit einer Schule. „Für die Kulturvielfalt in Bonn spielen wir eine wichtige Rolle, es kann nicht sein, dass nach 35 Jahren aufgrund von Raummangel unsere Schule geschlossen werden muss“, sagt Kangle Lu verzweifelt mit dem Wissen, dass der Mietvertrag nur noch bis Ende des Jahres besteht.

Nach Mitteilung des städtischen Presseamts finden zurzeit, initiiert durch das Städtische Gebäudemanagement, intensive Gespräche zwischen der Leitung der Chinesischen Schule und der Leitung einer städtischen Bonner Schule statt. Sobald diese abgeschlossen seien, soll ein Nutzungsvertrag mit Laufzeitbeginn am 1. Januar 2020 geschlossen werden.