Wenn die Schwangere ihr Kind verliert: Beratungsstelle der Diakonie hilft Eltern nach Fehlgeburt

Wenn die Schwangere ihr Kind verliert : Beratungsstelle der Diakonie hilft Eltern nach Fehlgeburt

Die Schwangerenberatungsstelle der Diakonie berät Eltern, die während der Schwangerschaft ihr Kind verloren haben. Und helfen dabei, die Trauer zu bewältigen.

Die Schwangere ist Ende 30, als Künstlerin erfolgreich im Beruf und jetzt mit ihrem Partner voller Vorfreude aufs Kind. Da erleidet die Frau eine Fehlgeburt – und ist seither aus der Bahn geworfen. „Als der Frauenarzt sie zu uns schickte, war sie regelrecht in eine Starre verfallen“, berichtet Martina Zessin.

Die Fachfrau der Evangelischen Schwangerenberatungsstelle der Diakonie (EVA) berät seit Jahren in den Sprechstunden auch trauernde Eltern nach Fehlgeburten. „Gerade in diesen Fällen ist das Gespräch wichtig. Jeder Mensch hat ein Recht auf Trauer“, betont die Sozialarbeiterin. Der plötzliche Verlust des erhofften Kindes habe die Künstlerin enorm getroffen, fährt Zessin fort. Die Frau habe keinen geregelten Ablauf mehr in ihre Tage gebracht. Sie habe einfach nicht mehr „funktioniert“.

Dazu habe die Partnerschaft Risse bekommen. „Und dann haben wir in mehreren Sitzungen begonnen, der Trauer Zeit und einen Raum zu geben“, sagt Zessin. Schließlich habe der Partner der Frau sich auch hinzugefunden, gelernt seinen Schmerz auszuhalten und seiner Partnerin zur Seite zu stehen.

„Denn verdrängte Trauer kann zu Depressionen und sogar auch körperlichen Symptomen führen“, erläutert Andrea Lips. Die Diplompädagogin der Diakonie berät an der Universitätsklinik im Rahmen der Pränataldiagnostik Paare, die sich bei Störungen und Fehlbildungen des ungeborenen Kindes damit auseinandersetzen müssen, dass es keine Therapiemöglichkeit geben wird.

„Bei einem Blick in den Mutterpass sehen wir dann nicht selten, dass die Frau schon eine Fehlgeburt hinter sich hat“, erzählt Lips. Und dann komme zum Schmerz über die aktuelle Schwangerschaft nicht selten die unbewältigte Trauer über das zuvor schon verlorene Kind hinzu. „Auch hier ist die Familie überfordert. Das Paar steht unter Schock. Und ist dann dankbar, mit uns Gesprächspartner für seinen Schmerz zu haben“, so Lips. Die Berater ließen die Betroffenen in der extrem schwierigen Situation nicht allein.

"Auf keinen Fall totschweigen"

Martina Zessin und Andrea Lips wissen, dass ihre Arbeit Ereignisse betrifft, die stattfinden, über die aber niemand spricht: Fehl- und Totgeburten. Zu den regelmäßigen Beratungsmöglichkeiten hat die Diakonie nun auch eine Telefonsprechstunde für trauernde Eltern eingerichtet. „Stirbt ein Familienmitglied, ist das ein sichtbarer Verlust. Die Umgebung ist auf die Trauer der Betroffenen eingestellt“, erläutert Zessin.

Eine Fehlgeburt vollziehe sich dagegen meist unsichtbar. Häufig wisse das Umfeld gar nicht, dass es eine Schwangerschaft gegeben habe. Da sei kein Schwangerschaftsbauch zu sehen gewesen. In den Fällen, in denen sie doch bekannt wurde, fehle dann in der Familie und im Bekanntenkreis aber meist auch das Verständnis für das Leid oder die Erfahrung, damit umzugehen. „Wir raten dem Umfeld unbedingt dazu, das Thema auf keinen Fall totzuschweigen, sondern den Betroffenen die Möglichkeit einzuräumen, darüber zu sprechen“, sagt Zessin.

Auch Tränen müssten erlaubt sein. „Und da hilft es nicht, nur lapidar zu sagen: Ach komm, du kannst doch noch viele Kinder bekommen. Das wird schon.“ Der Abschied von diesem einen verstorbenen Lebewesen müsse vollzogen werden. „Auch Männer trauern. Sicher anders als Frauen. Männer werden vielleicht aktiv und räumen erst mal den Dachboden aus“, berichtet Lips. Für manche Paare sei vor allem ein Familienfest wie Weihnachten der Horror. „Wir reden in der Sprechstunde drüber, dass das Paar auch dort das Recht hat, über sein verlorenes Kind zu weinen.“

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