Ausstellungseröffnung

Haus der Geschichte eröffnet neue Dauerausstellung

Nach drei Jahren Vorarbeiten und Planungen und acht Monaten Umbau präsentiert sich das Bonner Haus der Geschichte in großen Partien völlig verändert.

Bonn.

Der rosa bemalte Hippie-Bully aus Kalifornien mit Regenbogen und Peace-Zeichen auf der Front und den trocknenden Marihuana-Blättern im Fond gehört nun fest zur deutschen Geschichte. Der gediegene, schwarzglänzende Adenauer-Mercedes 300 musste weichen. Er befindet sich jetzt im Untergeschoss des Hauses der Geschichte, dort, wo auf einem toten Gleis der von Konrad Adenauer und Willy Brandt genutzte Kanzlerzug steht, der schon Hermann Göring durchs Reich fuhr. Der rosa VW-Bus ist nun im Brennpunkt der Jugendrevolte: Man hört Hendrix und die Stones, das rote Che-Guevara-Transparent ist nicht weit, die Apo skandiert "Ho, Ho, Ho Chi Minh", und aus der Kulisse des Hauses der Geschichte bricht gleichsam ein dunkelgrünes Monster von Wasserwerfer. Protest- und Jugendkultur lassen Adenauers Karosse alt aussehen: Auf diese einfache Formel lässt sich der Wandel bringen, der auf den zweiten Blick natürlich viel komplexer funktioniert. Nach drei Jahren Vorarbeiten und Planungen und acht Monaten Umbau präsentiert sich das Bonner Haus der Geschichte in großen Partien völlig verändert. Die Geschichte ist neu sortiert worden, die Akzente sind verschoben. Große eindrückliche Bilder und Objekte, dafür weniger kleinteilige Inszenierung und Lesearbeit. Die bereits 2001 im Nachgang zur Wiedervereinigung umgebaute Dauerausstellung ist klarer, logischer geworden. Ein Beispiel: Während 2001 das Kapitel Wiedervereinigung, sehr emotional präsentiert, etwas in der Luft hing, wirkt es jetzt nüchterner, dafür eingebettet in einen spannend erzählten Strom der Geschichte. Die ganze Dramatik des Mauerfalls wird in der Ausstellung jetzt nachvollziehbar, weil Kalter Krieg und Mauerbau viel stärker thematisiert werden. Gerade hier sind neueste Forschungen eingeflossen. Vor roten (DDR) und weißen (BRD) Wänden wird die Konfrontation spürbar. Man sieht, wie die Massen aus dem Arbeiter- und Bauernstaat fliehen, mit der S-Bahn mach West-Berlin, dann mit dem Flugzeug in die Bundesrepublik. Man liest, wie Walter Ulbricht, Generalsekretär des ZK der SED, klagt: "Westberlin stellt also ein großes Loch inmitten unserer Republik dar, das uns jährlich mehr als eine Milliarde Mark kostet." Wenige Tage vor dem Mauerbau sagt der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, J. William Fulbright: "Ich verstehe nicht, weshalb die Ostdeutschen nicht schon längst zugemacht haben, denn ich glaube, sie haben jedes Recht dazu." Handschriftliche Protokolle in der Vitrine veranschaulichen den Weg des Befehls zum Mauerbau von Moskau nach Ostberlin. Dann kommen zwischen den Resten eines Stalinrasens, wie man die Hindernisse auf dem Todesstreifen nannte, einige Bilder, die man kennt, und viele, die weniger bekannt sind: Vom Bau der Mauer, von Verzweiflung und Protest, von Resignation und Tod. Die Ausstellungsmacher haben es nicht bei auffälligen Exponaten, Fotos, Dokumenten und Filmmaterial belassen. Neu hinzugekommen sind 15 biografische Stationen mit Zeitzeugenberichten, Interviews und Ausschnitten aus Bundestagsreden. Politiker aller Couleur sind vertreten, aber auch Arbeiter, Vertriebene und Andreas Ibscher, genannt "Gosse", von der Gammlerkommune in Gera. Es lohnt sich, vor der großen Kulisse der zeitgenössischen Objekte diese kleinen Chroniken des Alltags zu sehen und zu hören. Kaum einen Quadratzentimeter der Ausstellung ließen die Planer der Ausstellung bei der Neugestaltung aus. Schon im Eingangsbereich, wo der Rosinenbomber blieb und der Adenauer-Benz weichen musste, bemerkt man den Wandel. Das Thema Arbeit und die frühen DDR-Jahre erscheinen neu strukturiert, es gibt Sichtachsen und Überraschungen wie den riesigen russischen T-34-Panzer, der um die Ecke zu kommen scheint und die ganze Dramatik des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in Ostberlin spüren lässt. Jedes Objekt bringt seine Geschichte mit. Unter die Haut gehen etwa die Relikte eines über dem Ural abgeschossenen Spionageflugzeugs aus der Zeit des Kalten Kriegs. Deutsche Historie, durch die internationale Brille gesehen, das war eine der Vorgaben des neuen Konzepts. Sie ist besonders im letzten Kapitel aufgegangen: Auf Inseln werden die großen Probleme der globalisierten Welt beleuchtet. Integration und Finanzkrise, Klimawandel und das lange Zeit Unaussprechliche in Afghanistan: Das Tagebuch eines deutschen Soldaten liegt da. "Sandra, ich liebe Dich. Es geht nach Kunduz, ist das Krieg? Wer weiß. Jedenfalls sterben dort Menschen." Und über dem Kopf kreisen die neuesten Meldungen von dpa.

Zahlen, Daten, Fakten und ein neuer Blick auf Bonn
  • Das Haus der Geschichte wurde im Juni 1994 von Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet. Die erste Überarbeitung der Sammlung erfolgte im Nachgang zur Wiedervereinigung: Im Juli 2001 eröffnete Bundeskanzler Gerhard Schröder die aktualisierte Ausstellung. Die gegenwärtige Neuordnung ist die bislang tiefgreifendste. Die Planungen starteten im Herbst 2007, die Umbauarbeiten begannen im Oktober 2010. Rund 2 500 von insgesamt 4 000 Quadratmetern sind völlig neu gestaltet worden. Rund 3 000 Objekte wurden bewegt. Erneuert wurden die Präsentation der 1950er und 1960er Jahre, insbesondere die Kapitel Kalter Krieg und Mauerbau. Neu konzipiert wurden auch das Kapitel Mauerfall und die Jahre danach. Zu sehen sind in der von Petra Winderoll und Klaus Würth gestalteten Präsentation insgesamt rund 7 000 Objekte, 149 visuelle Stationen, darunter 15 biografische Stationen und 211 Thementexte. Seit der Eröffnung sind bis Ende 2010 insgesamt 9,5 Millionen Besucher ins Haus der Geschichte gekommen. "Deutsche Geschichte am Puls der Zeit, kontrovers und multiperspektivisch", so definiert Stiftungspräsident Hans Walter Hütter die neue Ausstellung.
  • Im neuen Gewand und viel umfangreicher als bislang wird die Geschichte Bonns vom Provisorium über die Hauptstadt bis zur Bundes- und Kongressstadt gezeichnet. Ein Schaufenster in der U-Bahn-Galerie im Untergeschoss des Hauses rekapituliert diese Historie mit Exponaten, sehr interessanten Filmen und Fotos. Der Bonner Weg der Geschichte beginnt beim Kanzlerzug und Adenauer-Mercedes, führt entlang der glänzenden Zeit der Repräsentation und vorbei an der Umzugs-Ernüchterung zu einer breiten Treppe und hinauf zum WCCB.