Mit Herz und Verstand für Europa

Diese Bonner stehen zur "Pulse of Europe"-Bewegung

Anwälte der Einheit

Rechtzeitig Flagge zeigen für Europa und nicht erst dann protestieren, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und Nationalisten die nächste Wahl gewonnen haben. Das war der andere Ansatz, den der Frankfurter Rechtsanwalt Daniel Röder und seine Frau Sabine verfolgten, als sie im Winter 2016 die Bürgerinitiative "Pulse of Europe" ins Leben riefen.

Die Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland standen bevor, als eine E-Mail im Freundes- und Bekanntenkreis der beiden kursierte und an andere womöglich Gleichgesinnte weitergereicht wurde. Sie rief zu einer Demonstration für den 27. November auf. Übrigens der erste Adventssonntag und damit nicht gerade der günstigste Termin für eine Demo. Trotzdem versammelten sich 200 Menschen im Nieselregen, um ein Zeichen für Europas Zukunft zu setzen. Die Röders hatten einen Nerv getroffen, das motivierte zum Weitermachen.

"Nach dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl war meiner Frau und mir klar, dass die Demokratie und auch die Europäische Union mehr denn je infrage stehen", sagte Daniel Röder in einem Interview aus dem Frühjahr 2017, das auf der Internetseite der Initiative "Gesichter der Demokratie" nachzulesen ist.

Anders als Amerikaner und Briten wollten die Initiatoren aktiv werden, bevor die Nationalisten die Vormachtstellung einnehmen - und setzten damit eine Bewegung in Gang. Karlsruhe, Freiburg, Köln, Amsterdam, Sonntag für Sonntag gingen immer mehr Menschen zeitgleich auf die Straße. Paris, Düsseldorf, Bonn, Brüssel, Lissabon und sogar Bath in England - der proeuropäische Virus verbreitete sich weiter.

Von mehr als 20.000 Menschen in 60 Städten war zu Hochzeiten die Rede, wo Menschenmengen ihre Überzeugung artikulierten, dass sie, wie laut einer Bertelsmann-Studie die bis dato schweigende Mehrheit der EU-Bürger, hinter der Gemeinschaft stehen und sich sogar eine stärkere politische und wirtschaftliche Integration wünschen.

Aufgerüttelt durch das Brexit-Votum nutzten sie die Gelegenheit, die Vorteile der EU nicht länger als selbstverständlich zu betrachten, sondern als Wertegefüge, für dessen Erhalt es sich einzutreten lohnt. Aber nicht ohne Versäumnisse anzusprechen. "Die EU und auch die Mitgliedstaaten haben über Jahre eine positive Vermittlung der Vorteile der EU als Wertegemeinschaft schleifen lassen", findet Röder.

Zudem werde die Gemeinschaft vielfach mit Uneinigkeit, Krisen und Ängsten in Zusammenhang gebracht, zum Beispiel in Bezug auf den Euro oder auf Flüchtlinge. Dabei würden die Vorzüge vergessen. Ambivalent ist auch die Resonanz auf die Initiative der Röders. Einerseits ernteten sie Kritik, andererseits wurden sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.