Serielles Bauen

Wohnungsbau in Serie

Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ist in Städten rasant gestiegen. Ursachen sind unter anderem die Zuwanderung und die Zunahme der Single-Haushalte. Serielles Bauen soll nun Abhilfe schaffen.

Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ist in Städten rasant gestiegen. Ursachen sind unter anderem die Zuwanderung und die Zunahme der Single-Haushalte. Serielles Bauen soll nun Abhilfe schaffen.

BONN. Die Bundesregierung will die Immobilienmärkte in Ballungsräumen durch „Serielles Bauen“ entlasten. Es soll darum gehen, den Bau preisgünstiger Wohnungen in hoher Qualität zu beschleunigen. Wie Experten diesen Vorstoß beurteilen.

In vielen Großstädten wie Bonn und Köln verschärft sich der Wohnungsmangel: Es fehlen vor allem preisgünstige Wohnungen. Dieses Problem ist auch der Bundesregierung bekannt. Darum will man in Berlin nun neue Wege gehen. Dazu wurde eine Ausschreibung für „Serielles Bauen“ gestartet, um so „den Bau preisgünstiger Wohnungen in hoher Qualität zu beschleunigen“, heißt es in einer Presseerklärung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Das „innovative Verfahren“ sei in Zusammenarbeit mit dem BMUB, der Bundesarchitektenkammer und dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie sowie Inwis Forschung & Beratung GmbH und der auf das Vergaberecht spezialisierten Bonner Kanzlei Redeker Sellner Dahs erarbeitet worden.

Darum geht es im Kern: Durch die starke Verzahnung von Architekten und Fachplanern, bauausführenden Unternehmen und Wohnungsunternehmen sollen „innovative serielle und modulare Lösungen für den Neubau von mehrgeschossigen Wohnbauten mit hoher architektonischer und städtebaulicher Qualität zu reduzierten Baukosten und unter Berücksichtigung baukultureller Belange“ entwickelt werden.

Erst Ende Juni hatte der Deutsche Mieterbund anlässlich des 9. Wohnungsbau-Tages erneut Alarm geschlagen: „In Deutschland fehlen eine Million Wohnungen“, beklagte der Verband. Die Folge seien „stark ansteigende Mieten, insbesondere in Ballungsgebieten“. In Bonn ist diese Problematik ebenfalls, wie mehrfach berichtet, wie unter einem Brennglas zu beobachten. Als Ursachen hat der Mieterbund eine wachsende Einwohnerzahl ausgemacht, hohe Zuwanderungszahlen, Zuzug in die Städte sowie eine stetige Haushaltsverkleinerung, also die Zunahme von Singlehaushalten.

Die Krux ist: Trotz der Nachfrage wird viel zu wenig gebaut. „Wir brauchen mindestens 400 000 neue Wohnungen pro Jahr, die Hälfte davon Mietwohnungen. Das sind 140 000 bezahlbare Mietwohnungen mehr als bisher gebaut werden, und davon müssen etwa 80 000 Sozialwohnungen sein“, stellte Lukas Siebenkotten, Bundesdirektor des Deutschen Mieterbundes (DMB), fest.

Gestützt wird Siebenkottens Einschätzung auch von einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Deutschen Invest Immobilien: Danach fehlen in Deutschland bis 2020 jährlich 385 000 neue Wohnungen. Vor allem Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen. „Bis 2020 benötigen wir mindestens 350 000 neue Wohnungen pro Jahr“, bilanziert Bundesbauministerin Barbara Hendricks erst Anfang Juli.

Um den Wohnungsmangel zu lindern, hat das BMUB mit seinen Partner nun ein europaweites Ausschreibungsverfahren gestartet. Ziel sei es, „eine Rahmenvereinbarung über den Neubau von mehrgeschossigen Wohngebäuden in serieller und modularer Bauweise mit mehreren Bietergemeinschaften aus Planung und Ausführung abzuschließen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Dies biete besonders öffentlichen Wohnungsunternehmen die Möglichkeit, ohne weitere Verfahren Angebote aus der Rahmenvereinbarung lokal angepasst direkt zu realisieren.

Beim BMUB hofft man, so auch die Vorlaufzeiten für Bauvorhaben „wesentlich zu verkürzen“. „Industrielle Bauweisen kommen bislang noch zu wenig zum Zuge, weil häufig die Voraussetzungen einer wirtschaftlichen Auftragsgröße nicht erfüllt sind“, kommentierte Bundesbauministerin Barbara Hendricks den Vorstoß. Die Bundesregierung wolle, „dass das standardisierte Bauen den Rohbau und auch Ausbaukomponenten schnell und preiswert macht, und dass die Baukultur dabei nicht verloren geht“.

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, rechnet dennoch mit Hürden: „Die Herausforderung für Städte und Gemeinden, für öffentliche und private Bauherren besteht darin, geeignete Flächen zu finden, auf denen gebaut werden kann.“ Hier gelte es, die urbanen Räume zu verdichten, um nicht nur die bestehende Infrastruktur wirtschaftlich zu nutzen, sondern auch neue Großsiedlungen mit all ihren Problemen zu vermeiden.

Optimistisch ist Marcus Becker, Vizepräsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB): „Heute gilt es mehr denn je, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, damit Wohnungen in großer Stückzahl und in angemessener architektonischer Qualität in kurzer Zeit errichtet werden können. Dazu gehört auch die verstärkte Nutzung des seriellen und modularen Bauens. Statt teure Unikate zu fertigen, müssen künftig stärker Prototypen geplant und deutschlandweit in Serie umgesetzt werden.“

Ob serielles Bauen in der Region belebende Effekte für den Wohnungsmarkt bringen könnte? Grundsätzlich begrüße der Mieterbund jeden Vorstoß, der darauf zielt, „Bauen zu verbilligen und zu beschleunigen“, sagt Peter Kox, stellvertretender Vorsitzender des Mieterbundes Bonn/Rhein-Sieg/Ahr: „Insbesondere die hohen Grundstückspreise in Städten wie Bonn stellen eine große Hürde dar für den öffentlich geförderten Wohnungsbau, der dringend benötigt wird.“ Hier biete serielles Bauen neue Chancen. „Es löst aber nicht die grundsätzliche Grundstücksproblematik“, stellt Kox klar: „Bauland muss so schnell wie möglich entwickelt werden, und hier sind und bleiben die Räte und die Kommunalpolitik gefragt.“

Aus Sicht des Wachtberger Architekten Kay Künzel, Vorstandsmitglied im Kreisverband Bonn-Rhein-Sieg des Bundes Deutscher Baumeister, dürfte serielles Bauen gerade in Ballungsräumen wenig zur Entlastung der Wohnungsnot beitragen: „Gerade in Städten beschäftigen wir uns mit individuellen, nicht uniformen Grundstücken und städtebaulichen Rahmenbedingungen.“ Diese Gegebenheiten erforderten einen erfahrenen Architekten, „der nachhaltige Lösungen erarbeitet“.

Zudem rät Künzel, den Fokus auf die Frage zu richten, warum Bauen immer teurer und damit für viele Verbraucher unerschwinglich wird: „In Ballungsgebieten spielen die Grundstückspreise eine nicht unerhebliche Rolle“, sagt Künzel. Daher müsse die Frage erlaubt sein: „Wer verdient bei einem Bauprojekt? Eigentümer, Entwickler, Makler, Banken. Jeder bekommt seine Marge, Prozente, Provisionen.“ Während diese oft „auf kein einziges Prozent verzichten“, so Künzel weiter, „sind Handwerker und Planer gefordert, die Kostendebatte zu lösen“.

Auch werde preiswertes Bauen durch die stetige Verschärfung von Gesetzen, Normen und Verordnungen verhindert: „Einfache, kostengünstige Lösungen sind oftmals unmöglich zu realisieren“, kritisiert Kay Künzel: „Letztlich ist es finanzmathematisch nachvollziehbar, warum die hohen Projektkosten durch höhere Kaufpreise oder Mieten bezahlt werden müssen.“