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„Man kann Diabetes auch als Chance sehen“

Die Volkskrankheit Diabetes sorgt bei vielen Menschen für Schreckensvorstellungen. Dabei ist sie ein wichtiges Warnsignal, sein Leben zu ändern. Mehr Bewegung und eine gesunde Ernährung helfen, die Erkrankung zu bekämpfen oder sich sogar zu heilen. Diese Überzeugung vertritt auch Prof. Dr. Stephan Martin, Direktor und Chefarzt des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums.

Herr Prof. Dr. Martin, was genau ist Diabetes?

Prof. Dr. Stephan Martin: Diabetes ist die sogenannte Zuckerkrankheit. Dabei steigen die Blutzuckerwerte im Körper an, und ein erhöhter Blutzucker führt zu Komplikationen an verschiedenen Organsystemen. Das Fatale daran ist – den Zucker merkt man nicht. Man merkt erst, wenn die Organe dadurch kaputt sind.

Welche Unterscheidungen gibt es bei Diabetes-Erkrankungen?

Wir kennen zwei verschiedene Formen des Diabetes: Der Diabetes Typ 1, der früher auch als jugendlichen Diabetes bezeichnet wurde, tritt vermehrt bei jüngeren Personen auf, aber er kann auch im Alter auftreten. Man kann sagen, der schlanke Diabetiker ist eher der Typ 1-Patient. Wohingegen Typ 2-Diabetes – was 95 Prozent der Erkrankten haben – in der Regel dicke Menschen betrifft. Es kann aber auch Überlappungen geben.

Wo liegen die Ursachen für die Erkrankung?

Bei Typ 1-Diabetes fehlt dem Körper Insulin und bei Typ 2-Diabetes ist viel zu viel Insulin vorhanden, das allerdings nicht wirken kann. Typ 2-Diabetiker haben in 80 Prozent der Fälle auch Bluthochdruck und das ist genauso wie Diabetes eine Erkrankung, die zu immensen Komplikationen führt. Dazu kommen in vielen Fällen noch Fettstoffwechselstörungen.

Wozu braucht der Körper denn Insulin?

Insulin ist ein Hormon, das im Körper für zwei Dinge benötigt wird: es senkt den Blutzucker und blockiert den Fettabbau. Mit diesen beiden Funktionen kann man auch vieles erklären. Personen die den Typ 1-Diabetes bekommen, haben hohe Blutzuckerwerte und nehmen Gewicht ab, da ihnen Insulin fehlt. Personen mit Typ 2-Diabetes – bei diesen Personen ist ja genügend Insulin vorhanden, aber es wirkt nicht – haben erhöhte Blutzuckerwerte, aber das Gewicht ist stabil. Wenn diese Personen bewusst Gewicht abnehmen, kann das Insulin wieder wirken und die Blutzuckerwerte können sich normalisieren.

Welche Symptome gibt es?

Wer stetig abnimmt und zudem häufig Durst verspürt, könnte von Typ 1-Diabetes betroffen sein. Typ 2-Diabetiker sind oftmals dick und eher unsportlich, haben Bluthochdruck und erhöhte Blutfette. Diese Gruppe hat in der Regel keine Symptome. Die Diagnose wird bei beiden Diabetestypen anhand von Laborwerten bestimmt: Wenn der Blutzucker nüchtern gemessen höher als 125 mg/dlist, und das zweimal so bestimmt wird, dann sind die Kriterien der Diabetesdiagnose erfüllt. Wenn man ganz sicher gehen will, macht man noch einen Blutzuckerbelastungstest. Ein Diabetes liegt bei einem  Zweistundenwert über 200 mg/dl vor. Neu ist die Diagnose anhand des Langzeitblutzuckerwertes, dem HbA1c. Liegt dieser bei 6,5 Prozent oder höher, besteht auch ein Diabetes.

 

Nehmen Diabeteserkrankungen tendenziell zu?

Ja, absolut. In den 60er-Jahren hatten wir unter einem Prozent Diabetiker, aktuell sind es acht bis neun Prozent der Bevölkerung. Hauptsächlich liegt das am Typ 2-Diabetes, der früher auch Altersdiabetes genannt wurde. Doch inzwischen gibt es auch Jugendliche und junge Erwachsene, die daran erkranken.

Woran liegt das?

Ein Grund ist, dass Übergewicht in unserer Bevölkerung stetig zunimmt. Ab dem 30. Lebensjahr gibt es mehr dicke als schlanke Männer, bei Frauen ist das erst ab dem 50. Lebensjahr so. Und hier liegt das Problem: Übergewicht ist die Ursache für viele Erkrankungen. Ich sage nicht, dass die Betroffenen alle selbst Schuld sind. Die Gesellschaft hat sich insgesamt verändert. Bewegung spielt einfach keine Rolle mehr, wir sitzen viel zu viel, ob im Büro, im Auto oder vor dem Fernseher. Wir stehen permanent unter negativem Stress. Das sind alles Risikofaktoren für Diabetes. Daher dürfen wir diese Entwicklung nicht ignorieren.

Wer ist besonders anfällig für Diabetes?

Das Risiko der Erkrankung steigt auf das 20- bis 30fache wenn der Bodymaßindex über 30 liegt. Übergewicht ist also ein klarer Faktor für Diabetes. Durch das veränderte Leben unserer Gesellschaft – wenig Bewegung, zu viel Ernährung – holen die Menschen sich Krankheiten, die sie früher nicht hatten. Und die werden zu vielen Komplikationen führen. Wer an Diabetes erkrankt ist, hat ein genauso hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie eine Person, die kein Diabetes hat aber schon mal einen Herzinfarkt hatte. Diabetes kann man also als Äquivalent zu einem Herzinfarkt betrachten.

 

Wie muss jemand, der an Diabetes erkrankt ist, sein Leben umstellen?

Patienten sollten eine gewisse Zeit regelmäßig ihren Blutzucker messen, jedoch nach klaren Vorgaben: vor und anderthalb Stunden nach der Mahlzeit. Sie können dann bei ungünstigen Lebensmitteln sofort erkennen, wie der Blutzucker ganz schnell ansteigt. Denn da man Diabetes nicht merkt, muss man das Risiko visualisieren. Dadurch ändern viele Betroffene schon ihre Ernährungsgewohnheiten – das haben wir auch in Studien festgestellt. Die Patienten reduzieren Kohlenhydrate wie Stärke und erkennen, wo überall Zucker drin ist. Das macht schon eine Menge aus.

Worauf gilt es bei der Ernährung zu achten?

Bis vor kurzem wurde hauptsächlich gesagt, dass eine fettarme Ernährung wichtig sei. Doch da hat sich durch neue Studien sehr viel geändert. Wir nehmen für den Grad der körperlichen Aktivität zu viele Kohlenhydrate zu uns: Kartoffeln, Brot, Nudeln. Das sollte man möglichst reduzieren. Besser ist eine mediterrane Kost, sprich Gemüse, Fisch, Meeresfrüchte, viele Kräuter und Olivenöl. Auch Vorsicht vor Obst, auch das hat sehr viel Zucker. Besser Gemüse, denn das ist ,Obst ohne Zucker’. Das trägt dazu bei, Diabetes besser einzustellen oder wenn er noch nicht aufgetreten ist zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Ist Diabetes „heilbar“?

Bis vor einigen Jahren hieß es: Einmal Diabetes, immer Diabetes. Doch Studien haben gezeigt, dass man sich durchaus selbst heilen und wieder in eine Vorstufe zurückgelangen kann. Auch ich habe schon solche Fälle erlebt.