Interview mit dem Dirigenten François-Xavier Roth

Ein Orchester wie ein Chamäleon

In vielen Stilen zu Hause: Dirigent François-Xavier Roth.

In vielen Stilen zu Hause: Dirigent François-Xavier Roth.

François-Xavier Roth über sein ungewöhnliches Originalklang-Ensemble „Les Siècles“, mit dem er an zwei Abenden beim Beethovenfest gastiert.

Der französische Dirigent François-Xavier Roth ist im Bonner Raum vor allem bekannt als Chef des Kölner Gürzenich-Orchesters. Beim Beethovenfest wird er an zwei Abenden jedoch mit einem anderen Ensemble gastieren: „Les Siècles“. Das Besondere an dem von Roth selbst gegründeten Orchester ist, dass es Musik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart jeweils auf Instrumenten der Entstehungszeit spielt. Über sein Orchester und seinen bevorstehenden Auftritt beim Beethovenfest sprach Bernhard Hartmann mit dem Dirigenten.

Was ist das Außergewöhnliche an Ihrem Orchester „Les Siècles“?
François-Xavier Roth: Es ist ein utopisches Orchester, ein Traum. Ich komme aus Paris und habe dort meine ganze musikalische Ausbildung erhalten. Ich bin jetzt 44 Jahre alt, als ich zwölf oder 13 Jahre alt war, gab es also längst die historische Aufführungspraxis, Harnoncourt und Gardiner waren Teil des Konzertlebens. Auf der anderen Seite war in Paris aber auch die Avantgarde um Pierre Boulez sehr präsent. Ich fand schon früh Gefallen an den ganz verschiedenen Musikrichtungen. In einem Buch von Nikolaus Harnoncourt las ich, dass in Zukunft eine neue Generation von Musikern existieren würde. Sie würden am Vormittag eine Chaconne von Bach auf einer barocken Geige spielen und am Nachmittag eine Berio-Sequenza auf einer modernen Geige. Meine Idee war, Harnoncourts Vision eines neuen Musikertypus auf ein ganzes Orchester zu übertragen.

Wie sollte das aussehen?
Roth: Dieselben Leute spielen ein Repertoire aus verschiedenen Jahrhunderten und verwenden immer die Instrumente aus der jeweiligen Entstehungszeit. Ich habe das Wagnis auf mich genommen, diese Gruppe zu gründen: „Les Siècles“. Es ist wie ein Chamäleon. Wir haben als französisches Orchester in den vergangenen 13 Jahren seit der Gründung sehr viel französische Musik gespielt. Unser großer Schwerpunkt war die „Ballets russes“- Epoche mit Musik von Strawinski, Debussy und Ravel. Wir beschäftigen uns auch sehr intensiv mit Berlioz‘ Orchester. Aber auch mit Bizet und Gounod, französischer Spätromantik und natürlich spielen wir sehr viel die klassische Epoche mit Mozart, Gosseck und Beethoven. Aus dem Barockrepertoire haben wir viel Musik von Lully und Rameau gespielt. Neue Musik von Pierre Boulez, Martin Matalon und Philippe Manoury haben wir auch aufgeführt. Und eines unserer nächsten Projekte ist Gustav Mahler gewidmet.

Für welches Publikum spielen Sie?
Roth: Es ist ein Projektorchester, in dem Alltagsroutine nicht vorkommt. Wir entwickeln eine sehr schöne Atmosphäre, die das Publikum auch spüren kann. Es ist ein Orchester nicht für die Elite, sondern für alle Bürger. Ich wollte sofort, dass wir in Richtung Medien und Pädagogik gehen, sodass uns auch solche Leute erleben können, die sonst seltener in die Konzertsäle gehen. Wir machen viele Projekte für und mit vielen unterschiedlichen Publikumsschichten.

Spielen die Musiker überwiegend in anderen Orchestern oder sind es eher Kammermusiker? Welchen Hintergrund haben sie?Roth: Es gibt viele unterschiedliche Profile. In Frankreich gibt es ein sehr gutes System für Freelance-Musiker, die einen Teil des Orchesters bilden. Andere spielen hauptberuflich in anderen Orchestern in Frankreich, Deutschland oder England. Auch Professoren von Musikhochschulen sind dabei. Wir schöpfen also aus ganz unterschiedlichen Quellen, aber ich bin sehr stolz darauf, dass sich die Besetzung in den 13 Jahren seit der Gründung kaum verändert hat. Mit dem Orchester ist daher eine große Kontinuität in der Arbeit möglich.

Spielen die Musiker auf Nachbauten oder Originalen aus der Zeit?
Roth: Wir haben die besten französischen Instrumente aus der „Ballet russes“-Phase Strawinskis. „Les Siècles“ hat eine einzigartige Instrumenten-Kollektion. Das sind alles renovierte Originalinstrumente. Wir haben zum Beispiel eine Posaune, die schon bei der Uraufführung von Ravels „Bolero“ im Einsatz war. Und wir haben das Kontrafagott, das bei den ersten Aufführungen von „Le sacre du Printemps“ gespielt wurde. An einem Abend sind wir dieses Orchester, an dem anderen spielen wir auf Instrumenten der Beethovenzeit. Das bedeutet auch, dass wir in unterschiedlichen Stimmungen spielen, 440 und 430 Hertz.

Welche Anforderungen stellt das an die Musiker?
Roth: Die Instrumente und die Spieltechniken, die sie erfordern, sind total verschieden. Die Virtuosität ist ein wesentlicher Bestandteil des Orchesters. Es passiert oft, dass wir im selben Konzert wechseln. Die Musiker passen sich an wie Chamäleons, was die Artikulation und die Farben angeht. Das ist ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit.

Ist die Beachtung der Artikulation und Phrasierung, wie sie in den unterschiedlichen Epochen üblich war, neben der reinen Beherrschung der Spieltechniken nicht auch noch einmal ein ungeheuer komplexes Feld? Und wurde die Musik Strawinskis am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht auch anders dirigiert als heute?
Roth: Das war schon sehr anders.

Und das greifen Sie auch auf?
Roth: Ja. Wenn man hört, wie das klingt: die Darmsaiten, die kleinen Blechblasinstrumente. Sie sind viel präziser, weniger breit als heute. Die Komponisten arbeiten immer mit den Instrumenten, die sie kennen. Im „Sacre“ klingt ein Fagott aus dieser Zeit. Es war sehr schwierig, das zu beherrschen. Mit diesen Instrumenten konnte man noch nicht so einfach im hohen Register spielen wie mit einem modernen Fagott. Auf den alten Instrumenten muss der Spieler einen sehr hohen Druck erzeugen, um die hohen Noten zu erreichen. Das klingt völlig anders als auf zeitgenössischen Instrumenten.

Es verändert den Ausdruck?
Roth: Ja. Es ist eine andere Geste. Heute spielen die Fagottisten den Anfang des „Sacre“ wie ein Kinderlied, man hört kein Risiko mehr.

Hat Ihre Erfahrung mit „Les Siècles“ auch Folgen für Ihre Arbeit mit modernen Orchestern wie dem Gürzenich-Orchester?Roth: Klar, ich weiß, wie die Musik funktioniert, wie die Balance ist. Davon kann ich auch profitieren, wenn ich das Kölner und andere moderne Orchester dirigiere.

In Bonn kombinieren Sie Méhul und Beethoven an einem Abend. Von Beethoven weiß man, dass er die Musik der Zeit der französischen Revolution genau kannte. Gibt es Spuren von Méhul in Beethovens fünfter Sinfonie, die sie aufführen?
Roth: Nein, nicht direkt. Aber in der fünften Sinfonie gibt es einen „Chant révolutionnaires“, wie man sie während der Revolution sang. Méhul ist ein großer Komponist aus der Zeit der französischen Revolution. Und er war ein Sinfoniker. Er ist ein bisschen unser Beethoven in Frankreich. Wie übrigens auch Gosseck.

Wie gut kannte Beethoven Méhuls Musik?
Roth: Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass Beethoven Frankreich liebte. Er wollte dorthin ziehen. Für ihn war es „the place to be“, um seine Ideale zu leben. Später, als Napoleon sich zum Kaiser krönte, war er enttäuscht. Aber ein erstes Gefühl war sehr positiv. Die Franzosen haben seine Musik immer sehr gut gespielt. Wagner war begeistert, mit welchem Niveau und mit welchem Verständnis in Frankreich die Musik Beethovens gespielt wurde.

Warum nicht die „Eroica“?
Roth: Die „Eroica“ ist eine sehr wichtige Sinfonie. Aber die Musik der franzö- sischen Revolution hat hier nicht denselben Einfluss, den wir in der fünften Sinfonie hören. Deshalb ist die fünfte die bessere Kombination mit Méhul. Das funktioniert sehr gut.

Zur Person

François-Xavier Roth, geboren 1971 in Paris, leitet seit 2015 als Generalmusikdirektor der Stadt Köln das Gürzenich-Orchester und die Oper. Er war der letzte Chefdirigent des in diesem Jahr aufgelösten SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. 2003 gründete er das Orchester „Les Siècles“, das, oft im selben Konzert, Zusammenstellungen ganz unterschiedlicher Werke auf modernen und historischen Instrumenten spielt. Die Aufnahme von Igor Strawinskis „Le Sacre du printemps“ wurde preisgekrönt und erhielt begeisterte Kritiken.

Roth arbeitet mit führenden Orchestern zusammen, etwa den Berliner Philharmonikern, dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam und dem Boston Symphony Orchestra.

Konzerte

Samstag, 1. Oktober Beethovenhalle, 20 Uhr

Der große Mann: Chantal Santon (Sopran), Caroline Meng (Mezzosopran), Artavazd Sargsyan (Tenor), Tomislav Lavoie (Bass), Vlaams Radio Koor, Hervé Niquet (Einstudierung), Les Siècles, François-Xavier Roth (Dirigent), Étienne-Nicolas Méhul: Ouvertüre zu „Les Amazones“, Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 67, Étienne-Nicolas Méhul: „Messe solennelle pour le sacre de Napoléon“ für Soli, Chor und Orchester.

Sonntag, 2. Oktober Beethovenhalle, 18 Uhr

Ballettmusiken, die die Welt veränderten: Les Siècles, François-Xavier Roth (Dirigent), Claude Debussy: „Prélude à l’aprèsmidi d’un faune“, „Jeux“; Igor Strawinski: „Le sacre du printemps“.