Digitaler Burnout

Setzt den Homo Digitalis auf Diät

Warnt insbesondere junge Menschen und Manager vor exzessiver Handy-Nutzung: Professor Alexander Markowetz. FOTO: THE KEYNOTE SPEAKERS

Warnt insbesondere junge Menschen und Manager vor exzessiver Handy-Nutzung: Professor Alexander Markowetz. FOTO: THE KEYNOTE SPEAKERS

Der Bonner Informatik-Professor und Autor des Buchs „Digitaler Burnout“ über die Verführungskraft sozialer Netzwerke und die Konsequenzen.

Herr Professor Markowetz, der schmerzhafte Handy-Nacken, hervorgerufen durch ständiges nach unten gucken auf das Smartphone, ist eine körperliche Folge der Digitalisierung. Was sind die psychischen Folgen?

Alexander Markowetz: Die ständige Ablenkung führt natürlich zu Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Es gibt ohne Zweifel einen Zusammenhang zwischen exzessiver digitaler Mediennutzung und psychischen Erkrankungen – sonst hätten sich in den vergangenen 15 Jahren die Ausgaben für Psychopharmaka nicht verdoppelt. Auf der anderen Seite erleben Techniken wie Meditation und Yoga auch deshalb einen solchen Aufschwung, weil sie dem digitalen Burnout entgegenwirken.

Ist der Homo Digitalis, der einen Großteil seiner Zeit mit Social-Media-Anwendungen wie Facebook, Whatsapp und Spielen verbringt, stark suchtgefährdet?

Markowetz: Jein. Es gibt inzwischen zwar gute Suchtkliniken, die Internet-Junkies helfen können. Aber der Anteil dieser Junkies liegt nur bei drei bis fünf Prozent der Gesamtnutzer. Es geht hier um eine nicht stoffgebundene Abhängigkeit, vergleichbar mit der Spielsucht. Weitere 30 bis 40 Prozent der Internetnutzer erfüllen die Suchtkriterien nicht, sind durch die digitalen Verführer allerdings weniger produktiv und zufrieden als sie es sein könnten. Auch diese Gruppe neigt mitunter zur Verhaltensauffälligkeit. Ihre Reflexe sind ebenfalls stark auf das Smartphone ausgerichtet. Das Problem ist, dass schon die Erwartung einer Belohnung – und sei es nur ein Katzenvideo auf Youtube – das Glückshormon Dopamin aktiviert. Deshalb können Menschen auch stundenlang vor einem Geldspielautomaten sitzen.

Komplette digitale Abstinenz dürfte heute keine Alternative mehr sein. Welches Kraut ist denn gegen die Verführungen des Internets gewachsen?

Markowetz: Man muss die überzogene Kommunikationsfrequenz zurückfahren. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, weil viele Prozesse unterbewusst ablaufen. Deshalb helfen hier auch keine moralisierenden Ermahnungen. Ich plädiere dafür, den Homo Digitalis auf eine Art vorbeugende Diät zu setzen. Man kann beispielsweise sein Schlafzimmer zur handyfreien Zone erklären. Oder das Smartphone nur auf einem unbequemen Stuhl nutzen. Wenn man an der Bushaltestelle wartet, macht es einen Unterschied, ob sich das Handy griffbereit in der Jackentasche oder unten im Rucksack befindet.

Bei Zugfahrten erlebt man telefonierende Zeitgenossen, denen es gar nicht mehr in den Sinn kommt, dass sie Mitreisende damit stören. Bringt die Digitalisierung eine Gesellschaft ich-bezogener Narzissten hervor?

Markowetz: Die Digitalisierung ist ja ein recht neues Phänomen. Die kulturelle Etikette dafür müssen wir noch finden. Ist es etwa angebracht, im Restaurant zu telefonieren oder nicht? Richtig ist aber, dass die Digitalisierung die Ich-Bezogenheit stärkt. Scheinbar schafft sie Langeweile und Frustration ab. Doch die Entwicklung von Frustrationstoleranz gehört zur Persönlichkeitsbildung. Brandgefährlich ist diese Entwicklung für Teenager, die später ja mit echten Problemen konfrontiert werden. Und die können sie auf ihren Geräten dann nicht mehr einfach wegdrücken oder wegwischen.

In der virtuellen Welt breitet sich eine Unkultur der Wutbürger aus. Was bedeutet das für das reale Leben?

Markowetz: Es droht eine Verrohung der Sitten. Selbst obskurste Verschwörungstheorien finden im Netz ja Unterstützer. Dagegen kann man nicht mehr zentral vorgehen – zumal es auch im wirklichen Leben kaum mehr Großdiskurse gibt und die öffentliche Debatte sich mehr und mehr fragmentiert. Die Lösung des Wutbürger-Problems im Netz muss dezentral erfolgen. Das heißt: Wenn dort Gewalt propagiert wird, muss sich jeder einzelne einmischen und versuchen, als Korrektiv zu wirken. Sonst wird – auf das Wort folgt die Tat – das reale Leben noch gewalttätiger.