Internetstruktur

Mit neuem Turbo durchs Netz

DÜSSELDORF. Deutschlands Internetstruktur ist im Europa-Vergleich nur Mittelmaß – das soll sich nun ändern

Das Internet braucht Geschwindigkeit. Schnelle Datenleitungen machen das Streaming von Filmen und Musik überhaupt erst möglich. Für Unternehmen können Hochgeschwindigkeitsnetze sogar überlebenswichtig sein. Ohne Breitbandanbindung sind viele Geschäftsmodelle mittlerweile kaum noch vorstellbar. Und wenn die Konkurrenz besser ans Netz angebunden ist, können Aufträge schon mal verloren gehen. Es ist also kein unnötiger Luxus, den Ausbau des Breitbandnetzes in Deutschland voranzutreiben. Und es ist dringend nötig. Denn das Land droht im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren.

Während die Deutschen im Durchschnitt mit einer Geschwindigkeit von weniger als zwölf Megabit pro Sekunde surfen, sind es in Südkorea mehr als 20 Megabit. Auch in Europa sind die Internetnutzer in vielen Ländern schneller unterwegs, darunter in Schweden, Finnland und in der Schweiz. Im „State of the Internet Report“ von Akamai steht Deutschland im weltweiten Vergleich auf Platz 22 – für eine Industrienation wie Deutschland geradezu beschämend.

Auf dem Land besonders lahm

Das Netz-Dilemma ist vor allem auf dem Lande zu spüren. Zwar sind die Netzstrukturen in Ballungszentren wie Berlin oder Hamburg gut. In einigen großen deutschen Städten sausen Bits und Bytes im Schnitt mit einer Geschwindigkeit von mehr als 50 Megabit pro Sekunde durch die Leitungen. Betrachtet man jedoch das ganze Land, sieht es zum Teil sehr mau aus. Vor allem im Osten Deutschlands sind flotte Datennetze eher die Ausnahme. In den neuen Bundesländern hat teilweise nicht einmal jede zweite Gemeinde einen konkurrenzfähig schnellen Internetzugang.

Im Westen der Republik sieht es etwas besser aus. Nordrhein-Westfalen ist direkt nach den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin immerhin das Bundesland mit der durchschnittlich besten Netzanbindung. Doch der Durchschnittswert rührt vor allem von der guten Infrastruktur der großen Städte in NRW her. In der Eifel, dem Sauerland oder dem Bergischen schleichen die Daten zuweilen nur im Schnekkentempo durch das Netz.

Damit das nicht so bleibt, hat sich das Land Nordrhein-Westfalen eine Menge vorgenommen. Wirtschaftsminister Garrelt Duin stellte Ende August die Breitband-Strategie des Landes NRW vor und kündigte an, im ersten Schritt die flächendeckende Versorgung mit 50 Mbit/s bis 2018 zu erreichen. Der Schwerpunkt der Strategie liegt tatsächlich darauf, vor allem im ländlichen Raum Versorgungslücken zu schließen sowie sämtliche Gewerbegebiete in diesem Zeitraum ans Glasfasernetz zu bringen. Mittelfristig soll dann die Breitbandversorgung in NRW in einem zweiten Schritt bis 2026 flächendeckend über Glasfasernetze gewährleistet werden. Die Kosten dafür soll nach den Vorstellungen des Ministers in erster Linie die Privatwirtschaft tragen. „Der Ausbau der Netze muss durch die Telekommunikationsunternehmen erfolgen. Nur wo das nicht rentierlich möglich ist, kann das Land mit seiner Förderung helfen“, so Garrelt Duin.

Das Land hat dafür einen ganzen Katalog an Fördermöglichkeiten erstellt. Dazu zählen Zuschüsse und Darlehen, die je nach Projekt und Region gewährt werden können. So bietet beispielsweise das Kommunalinvestitionsförderungsgesetz Möglichkeiten für finanz- und strukturschwache Gemeinden, den Breitbandausbau in ihrer Region voranzutreiben. Ein weiteres Beispiel ist das sogenannte Regionale Wirtschaftsförderungsprogramm, das auch vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung unterstützt wird.

Während die Bundesländer den Breitbandausbau regional mit Fördermaßnahmen unterstützen, hat der Bund den Rahmen abgesteckt, in dem sich die Telekom-Unternehmen daran beteiligen sollen. Genau genommen muss es nach Lage der Fakten eigentlich heißen: ein Telekom-Unternehmen. Denn damit der Breitband-Ausbau endlich in die Gänge kommt, hat die Politik mit der Deutschen Telekom einen fragwürdigen Pakt geschlossen. Die Bonner setzen eine Technologie namens „Vectoring“ ein, um Telefon-Kupferleitungen zu beschleunigen. Vorteil: Mit der neuen Technik sind über die alten Leitungen Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s möglich. Mit dem sogenannten „Super-Vectoring“ sollen später sogar mehrere Hundert Megabit möglich sein. Nachteil: Auf den letzten Metern in die Haushalte hinein und in den Kabelverzweigern – das sind die grauen Kästen am Straßenrand – müssen die Leitungen aus technischen Gründen so stark abgeschirmt werden, dass sie kein zweiter Anbieter nutzen kann.

Fragwürdiges Vectoring

Dieses technische Detail ist mittlerweile ein heißes Politikum: Denn der Bund hat der Deutschen Telekom, bei der er immer noch größter Aktionär ist, den Auftrag erteilt, die Kupferkabel mittels Vectoring zu beschleunigen. Das Unternehmen muss zwar Milliarden in den Netzausbau investieren. Es erhält dafür aber das Monopol für die letzte Meile. Die Konkurrenz ist aus dem Rennen und muss zum Teil sogar eigene Technik wieder deinstallieren.

Regulatorisch gesehen ist das ein Rückschritt. Die Zeit würde zurückgedreht, meinen Telekomverbände wie Breko, Buglas und VATM. Zusammen mit dem Industrie- und Handelskammertag, dem Städtetag, dem Verband kommunaler Unternehmen, dem Landkreistag, der Wohnungswirtschaft (GdW), dem Bauernverband, dem Einzelhandel und dem Handwerk laufen sie gegen die Entscheidung Sturm. Doch derzeit sieht es so aus, als ob die Deutsche Telekom für ihre hartnäckige Lobbyarbeit in Berlin mit einem Quasi-Monopol belohnt wird und fortan die Preise für die Durchleitungen bestimmen kann.