Wirtschaftsmagazin

Erfolgreiche Familienbande

Mittelständische Betriebe sind in der Region verwurzelt und wirtschaften solide.

Nicolas Sarkozy sprach, als er noch Präsident in Frankreich war, im Fernsehen regelmäßig zu seinem Volk. Seine Sendung Sarko-TV gab oft Anlass zum Spott, zuweilen aber auch zu ernsthaften Diskussionen, die das Land aufrüttelten. So auch am 25. Januar 2010, als Sarkozy auf dem Sender TF1 einen Weg für Frankreichs Wirtschaft skizzierte, der ihm besonders erfolgversprechend schien: Der Präsident verglich sein Land immer wieder mit Deutschland und forderte schließlich: "Ich will, dass unser Land genauso viele kleine Unternehmen hat wie Deutschland".

Modell Deutschland

Das öffentliche Bekenntnis des ansonsten eher sehr national denkenden Franzosen ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren äußerten sich immer häufiger Politiker und Wirtschaftsgrößen zum Modell Deutschland. Das duale Ausbildungssystem und der viel gepriesene "German Mittelstand" haben internationale Vorbildfunktion. Es ist eben eine erfolgreiche deutsche Besonderheit, dass hierzulande vor allem die vielen Familienunternehmen das Rückgrat der Industrie bilden. Während in Frankreich nach wie vor die industriellen Stränge mehr oder weniger in wenigen großen Konzernen gebündelt sind, werden hierzulande die wichtigsten Unternehmens-Entscheidungen überwiegend am Familienherd gefällt, und nur die wenigsten Unternehmen davon sind überregional bekannt.

Rückgrat unserer Wirtschaft

Dabei werden laut einer aktuellen Studie des ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) und des Mannheimer Instituts für Mittelstandsforschung von den rund 2,7 Millionen Unternehmen in Deutschland knapp 2,4 Millionen (87 Prozent) nicht nur von Familien kontrolliert, sondern auch von ihren Eigentümern selbst geführt. Familienunternehmen beschäftigen zusammen die Hälfte aller Arbeitnehmer, erwirtschaften rund 50 Prozent des Umsatzes in Deutschland und arbeiten dabei hoch profitabel. Mehrere Studien in den vergangenen Jahren kamen zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass Familienunternehmen langfristig erfolgreicher sind und höhere Gewinne erzielen als managergeführte Gesellschaften. Das zahlt sich auch an der Börse aus. Wie sehr, das zeigt der Blick auf die Kurs-Performance des "German Entrepreneur Index", kurz auch GEX genannt, der Aktien von deutschen mittelständischen Familienunternehmen umfasst, die an der Börse Frankfurt im Prime Standard notiert sind. In den zurückliegenden drei Jahren hat der GEX rund 73 Prozent an Wert zugelegt. Der DAX schaffte im gleichen Zeitraum gerade einmal 21 Prozent.

Hohe Eigenkapitalquote

Dabei sind Eigentümer vergleichsweise zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre Unternehmen an den Kapitalmarkt zu bringen. Nur jedes vierte eigentümergeführte Unternehmen ist eine Kapitalgesellschaft, 63 Prozent werden als Einzelunternehmen geführt, elf Prozent als Personengesellschaft. Im allgemeinen Durchschnitt ist immerhin jedes dritte Unternehmen eine Kapitalgesellschaft. "Ein Grund dafür könnte sein, dass Eigentümer, die selbst ihr Unternehmen führen, vor allem ihre Unabhängigkeit lieben", sagt Hans-Jürgen Wolter vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM Bonn, siehe Seite 12).

Mit langem Atem

Dieses Unabhängigkeitsstreben drückt sich auch in der Art aus, wie Familienunternehmen ihre Investitionen finanzieren - nämlich mit mehr Eigenkapital (siehe Seite 4). In Krisenzeiten zahlt sich diese Art der höheren Eigenfinanzierung aus. Die Unternehmen bleiben sowohl bei der Finanzierung ihres Wachstums als auch in der Krise handlungsfähig, weil sie mehr Gewinnrücklagen bilden und weniger auf Bankkredite angewiesen sind. Deswegen müssen Familienunternehmen ihre Finanzierungen seltener neu strukturieren.

Ohne Krise durch die Krise

Kurzum: Die Mehrzahl der deutschen Familienunternehmer agiert mit langem Atem, oft solide finanziert und gerne mit Reserven im Tank. Das könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass Deutschlands Wirtschaft in den vergangenen Jahren unbeeindruckt von der europäischen Schuldenkrise zu neuer Höchstform auflief, während beispielsweise Frankreich immer mehr in Schwierigkeiten geriet. Dort, so hört man, will Nicolas Sarkozy übrigens demnächst wieder für das höchste Amt kandidieren. Sollte er gewählt werden, knüpft er vielleicht wieder an seine einstigen Forderungen an. Er dürfte in den vergangenen Jahren seine Meinung angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland nicht geändert haben. (Matthias von Arnim)