KMU Die Digitalisierung und der Mittelstand

BONN. Dr. Christian Schröder vom Institut für Mittelstandsforschung Bonn über die Fortschrittlichkeit kleiner und mittlerer Unternehmen.

Der deutschen Wirtschaft wird immer wieder vorgeworfen, dass es mit Ausnahme von SAP kein IT-Unternehmen zu Weltruhm gebracht hat, geschweige denn im DAX zu finden ist. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Gründe, warum beispielsweise Unternehmen wie Google oder Facebook in den USA entstehen konnten, vor allem in der dortigen Risikobereitschaft der Start-up-Gründer, der umfangreichen Unterstützung der IT-Gründerszene durch Universitäten sowie in der Tatsache liegen, dass zahlreiche Risikokapitalgeber vielversprechende Start-ups in der Wachstumsphase finanzieren und zugleich wertvolles Know-how zur Verfügung stellen.

In allen genannten Punkten hat Deutschland noch Aufholbedarf. Aber ein Mentalitätswechsel sowohl bei den Gründern als auch in den Universitäten lässt sich nun mal nicht per Knopfdruck verordnen. Auch ist die Etablierung von ausreichendem Risikokapital in einem historisch gewachsenen Finanzsystem, in dem der Bankkredit die Unternehmensfinanzierung dominiert, kein leichtes Unterfangen.

Deutschland auf Platz sechs

Aber auch wenn es hierzulande an globalen IT-Champions mangelt, zeigt sich, dass das Thema Digitalisierung durchaus in den Unternehmen angekommen ist. Das belegt zum einen der globale „Wirtschaftsindex Digital“, bei dem Deutschland Platz sechs einnimmt. Zum anderen zeigt dies der Blick in die bestehenden mittelständischen Unternehmen, in denen die Einführung digitaler Technologien oftmals besser gelingt als vermutet. Erst in diesem Frühjahr gab jeder dritte Vertreter eines großen Familienunternehmens an, insbesondere in die EDV beziehungsweise elektronische Steuerung zu investieren, um beispielsweise Produktionsanlagen an die veränderten technologischen Anforderungen anpassen zu können.

Digitale Integration.

Unbestritten ist, dass beim Thema „Industrie 4.0“ die möglichst umfassende digitale Vernetzung aller Instanzen, die am Wertschöpfungsprozess teilhaben, die wesentlichen Impulse von den größeren Unternehmen ausgehen. Die kleineren industriellen Unternehmen agieren demgegenüber zunächst vorsichtiger – nicht ohne Grund: Schließlich kann eine Fehlinvestition sie schneller in den Ruin treiben. Auch sind sie für ihren wirtschaftlichen Erfolg darauf angewiesen, dass die Produktionsprozesse stabil und sicher laufen. Die Verantwortlichen in den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) benötigen also IT-Lösungen mit einem hohen Reifegrad.

In den seltensten Fällen können die Führungskräfte in den KMU jedoch selbst die zahllosen Industrie 4.0-Technologien beurteilen, geschweige denn die richtige Kombination von technologischer Reife und wirtschaftlichem Potenzial einschätzen. In den größeren Unternehmen übernehmen IT-Fachkräfte diese Aufgabe. Je kleiner ein Unternehmen ist, desto weniger sind solche Experten dort allerdings zu finden. Betrachtet man sich jedoch das aktuelle Produktangebot im Bereich der Digitalisierung, so lässt sich die Zurückhaltung der KMU-Geschäftsführer nachvollziehen: Allein auf der diesjährigen Hannover Messe präsentierten rund 5200 Aussteller Einzelkomponenten, mit deren Hilfe die Produktion auf die digitale Vernetzung (weiter) umgestellt werden kann. Außerdem wurden zahllose Technologien vorgestellt, die sich erst im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium befinden und deren Marktreife erst noch bevorsteht.

Bei ERP europaweit Spitze

Bei den Technologien, die bereits einen hohen Marktreifegrad besitzen, zeigt sich, dass die KMU in Deutschland auch in diese investieren: So setzen nach Angaben von Eurostat rund 55 Prozent von ihnen bereits Enterprise Resource Planning (ERP)-Softwarepakete ein, mit Hilfe derer sie Informationen zu sämtlichen Betriebsprozessen abrufen und diese, falls nötig, korrigieren können. Die KMU in Deutschland sind damit europäische Spitze und liegen um sechs beziehungsweise zehn Prozentpunkte vor Belgien und Dänemark. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Verwendung von Software-Lösungen wie Customer-Relationship-Management (CRM), um Kundendaten zu sammeln und zu katalogisieren. Und auch in der digitalen Vernetzung mit Zulieferern und Kunden sind deutsche KMU im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt.

Obwohl die Nutzung von ERP, CRM und der unternehmensübergreifende Datenaustausch mit anderen Unternehmen noch nicht die vollendete Form von „Industrie 4.0“ darstellt, belegen die repräsentativen Ergebnisse, dass bereits in zahlreichen deutschen KMU die Voraussetzungen hierfür geschaffen werden.

Einsatz von ERP-Softwarepaketen.

Der Cloud wird misstraut

Eindeutig misstrauisch verhalten sich die KMU beim Thema „Cloud-Computing“. Noch überwiegen hierzulande die Sicherheitsbedenken gegenüber IT-Services via Internet-Clouds – allerdings auch nicht ohne Grund: Nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik ist jedes zweite Unternehmen schon einmal Ziel von gezielten Cyberangriffen geworden, jedes vierte Unternehmen wurde dabei geschädigt. Allerdings geht so manches kleinere und mittlere Unternehmen auch innerhalb der eigenen vier Wände immer noch sehr sorglos mit dem Schutz seiner Daten um.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der deutsche Mittelstand bei der Digitalisierung keineswegs einen verschlafenen Eindruck macht, auch wenn es sicher noch Verbesserungspotenziale gibt und die notwendige Anpassung der Geschäftsmodelle zukünftig weiterhin eine große Herausforderung darstellt.

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