Unternehmen fortführen Das Lebenswerk richtig übergeben

Professor Andreas Wiesehahn lehrt an der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg und ist Experte im Bereich der Unternehmensnachfolge.

Der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Andreas Wiesehahn rät Firmenchefs, sich frühzeitig um die Nachfolge zu kümmern.

"Eine von uns gerade durchgeführte Umfrage in Hessen hat gezeigt, dass sich 70 Prozent aller inhabergeführten Familienunternehmen noch sehr wenig Gedanken um eine Nachfolgeregelung gemacht haben", berichtet Professor Andreas Wiesehahn. Der Wirtschaftswissenschaftler lehrt Controlling an der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg, forscht in den Bereichen Nachfolgecontrolling sowie Nachhaltigkeit und Unternehmenssteuerung und gilt als ausgewiesener Fachmann, wenn es um die Nachfolge in Familienunternehmen geht. Aktuelle Studien prognostizieren bis zum Jahr 2018 etwa 27 000 Nachfolgen in deutschen Familienunternehmen pro Jahr. "Das Besondere an der Nachfolge in Familienunternehmen ist, dass es neben der unternehmerischen auch immer eine familiäre Komponente gibt", erläutert der Fachmann. "Kurz gesagt, ist das Thema oft so emotional besetzt, dass es immer wieder vertagt wird."

Prominente Fehltritte

Ein Fehler, der böse Konsequenzen haben kann, wie zahlreiche prominente Fälle zeigten. So übergab zum Beispiel Dübelproduzent und Weltmarktführer Klaus Fischer zunächst seinem Sohn die Führung, um sie ein Jahr später wieder an sich zu reißen. Ein weiteres Beispiel: Der letzte familieninterne Vorstandschef beim Schnapsproduzenten Berentzen wurde von den Eigentümern entmachtet, weil sich die beiden Gesellschafterfamilien zerstritten.

Die Praxis zeigt, dass man sich rechtzeitig um eine tragfähige Übergaberegelung kümmern sollte - schließlich geht es nicht nur um die eigene finanzielle Zukunft, sondern auch um die der Mitarbeiter. Ein weiterer Fehler sei, dass die Akteure, wenn sie das Thema denn überhaupt angingen, häufig sehr unstrukturiert vorgingen. Dem will Wiesehahn mit gezielten Angeboten, etwa durch Vorträge bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg, aber auch mit seinem Praxishandbuch für Familienunternehmen und mit individueller Beratung entgegenarbeiten. Die Entscheidung, ob ein Familienmitglied die Nachfolge antritt, solle man so früh wie möglich fällen: "Und, wenn sich niemand in der Familie findet, muss das kein Beinbruch sein - für das Unternehmen ist es aber wichtig, dass die Zukunft rechtzeitig geklärt ist."

Die Generation Y denkt anders

Aufgrund des demografischen Wandels beobachte man aktuell eine starke Zunahme an älteren Unternehmern. Dem stünden aber immer weniger potenzielle Übernehmer entgegen. "Diese Lücke zwischen immer zahlreicher werdenden übergabereifen Unternehmen und immer seltener werdenden übernahmewilligen Unternehmern wird in den nächsten Jahren noch größer werden und damit auch zu einer ernst zu nehmenden volkswirtschaftlichen Herausforderung", sagt Wiesehahn. Dies sei sicher auch eine Folge der Lebenseinstellung der sogenannten "Generation Y", die eine klare Güterabwägung zur Work-Life-Balance treffe. "Im Falle der Familienunternehmen kommt oft hinzu, dass der gut ausgebildete Nachwuchs ja jahrelang jeden Tag beobachten konnte, wie stark sich die Eltern für das Unternehmen engagieren mussten. Und heute ist oft ein ähnlicher finanzieller Ertrag in einer abhängigen Beschäftigung mit deutlich geringerem Einsatz und Risiko zu erwirtschaften." Ganz gleich, wie sich die Kinder auch entscheiden: Jeder Inhaber muss sich irgendwann mit der Nachfolge beschäftigen: "Das sollte spätestens im Alter von 50 bis 55 Jahren geschehen", sagt der Experte. "Dann bleibt genug Zeit, alles auf ein gutes Gleis zu schieben." Grundsätzlich gelte es, verschiedene Strategien der Übertragung zu unterscheiden: "Neben einer familieninternen Lösung kann der direkte oder sukzessive Verkauf an Mitarbeiter oder fremde Dritte sowie auch die Gründung einer Stiftung die richtige Lösung sein." Weil bei der Unternehmensnachfolge neben den betriebswirtschaftlichen auch zahlreiche rechtliche, organisatorische, steuerliche und psychologische Fragen zu berücksichtigen seien, empfiehlt er, bei der Umsetzung einer Nachfolgestrategie professionelle Hilfe hinzuzuziehen: Das reicht vom Besuch einer Informationsveranstaltung oder anderer Fachvorträge bis zur Beratung durch eine Person des Vertrauens. "Das könnte zum Beispiel der Steuerberater oder der Anwalt sein." (Leif Kubik)

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