Vorteile der Regionen

Bonn oder Koblenz? Die Standortwahl

Hubertus Hille, Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn, und Alexander Kohnen, IHK-Vizepräsident der Region Ahr, zeigen sich im Gespräch mit dem GA jeweils überzeugt von den Vorteilen, die ihre Regionen Unternehmen bieten.

Herr Kohnen, Herr Hille, könnten Sie jeweils kurz zusammenfassen, was die Region Bonn oder die Region Koblenz besonders interessant machen für Unternehmen?

Hubertus Hille: Bonn ist vielfältig. Wenn ich die Stärken in einer Aufzählung zusammenfassen dürfte, dann wären das eine hohe Lebensqualität, starke Unternehmen und eine Weltoffenheit, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Wir haben internationale Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie die UNO hier. Das prägt unsere Stadt und ist ein Magnet für gut ausgebildete, internationale Fachkräfte. Die wiederum sind für Unternehmen interessant. Es ist kein Zufall, dass Bonn zu den Städten in Deutschland zählt, die stetig wachsen.

Alexander Kohnen: Eine hohe Lebensqualität findet man auch südlich von Bonn. Und das einmalige Hochschulumfeld, von dem Herr Dr. Hille spricht, liegt zum Teil auch in Rheinland-Pfalz. Überhaupt sollte man unsere beiden Regionen nicht zu sehr getrennt voneinander betrachten. Es gibt viele Überschneidungen. Der Vorteil unserer Region rund um Koblenz und vor allem nördlich davon ist, dass die Menschen, die hier leben, und auch die Unternehmen zum einen die Vorteile nutzen können, die Bonn bietet. Es ist ja von Ahrweiler bis in die Bonner City nur ein Katzensprung. Zum anderen haben wir noch Raum für Wachstum, es lebt sich hier günstiger, Mieten und Immobilien sind auch für untere und mittlere Einkommensgruppen erschwinglich, Kitaplätze sind kostenfrei und die Steuern sind niedriger. Das sind schon starke Argumente für unsere Region.

Herr Kohnen, können Sie konkretisieren, was Sie meinen, wenn Sie sagen, Sie hätten noch Raum für Wachstum?

Alexander Kohnen: Ich meine das einerseits sehr wörtlich: Die IHK Koblenz gehört zu den größten Flächen-Kammern in der Republik. Wir vertreten die Interessen von 98 000 Mitgliedern mit wiederum 700 000 Erwerbstätigen. Im Vergleich zu Städten wie beispielsweise Stuttgart oder Frankfurt ist das wenig. Aber unsere Mitglieder verteilen sich auf 8100 Quadratkilometer Fläche. Wer neue Werkhallen, Büros, Lager- oder Landflächen für sein Unternehmen benötigt, wird zu bezahlbaren Preisen schnell fündig. Es ist ja kein Zufall, dass Haribo in den Kreis Ahrweiler gezogen ist. Für die Fabrikhallen, die dort neu gebaut wurden, war in Bonn gar kein Platz mehr.

Der niedrigere Gewerbesteuer-Hebesatz in der Grafschaft dürfte auch eine Rolle gespielt haben.

Alexander Kohnen: Das will ich nicht bestreiten. Ein fairer Wettbewerb unter den Kommunen, die Unternehmen bei sich ansiedeln wollen, wird sicher auch über die Steuersätze ausgetragen. Das ist legitim. Im Kreis Mayen-Koblenz haben wir einen durchschnittlichen Hebesatz von 365 Prozent. In Bonn sind es 490 Prozent. Wer als Unternehmer den Rechenschieber bemüht, bezieht so etwas natürlich in seine Kalkulation ein.

Hubertus Hille: Auch wir sind für einen fairen Wettbewerb, aber der liegt hier nicht vor. Drei Beispiele: Erstens werden voll erschlossene Gewerbeflächen zu Dumpingpreisen angeboten. Zweitens: Die Infrastruktur und die kulturellen Angebote in Bonn werden auch von Bürgerinnen und Bürgern aus Rheinland-Pfalz genutzt, eine Beteiligung an der Finanzierung fehlt aber oftmals. Und drittens wollen wir unsere Ortszentren und den Einzelhandel in den Innenstädten stärken. Gleichzeitig gehen die Planungen in der Grafschaft weiter, dort ein Outlet-Center auf der grünen Wiese zu errichten. Das geht mit den landesplanerischen Zielen nicht konform. Wer den Rechenschieber also aus der Tasche holt, sollte auch einkalkulieren, was eine gute Infrastruktur wert ist. Und damit meine ich nicht nur den gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, den ICE-BahnhofBonn/ Siegburg und den nahen Flughafen Köln-Bonn, sondern die vielen großen und kleinen Faktoren und Initiativen, die zum Erfolg Bonns beitragen. So haben wir beispielsweise eine Initiative „Digitales Bonn“ mit einem Chief Digital Officer, der sich explizit darum kümmert, unsere Stadtverwaltung bürgernäher und unternehmensfreundlicher zu gestalten. Weniger Bürokratie ist ein erklärtes Ziel. Die IHK unterstützt diese Initiative. Das Beispiel zeigt: Hier bewegt sich etwas.

Alexander Kohnen: Ich gebe zu: So etwas gibt es in Mayen oder den angrenzenden Kreisen nicht. Dafür sind die Kommunen schon aufgrund ihrer überschaubaren Größe bürgernäher. Man kennt den Bürgermeister oft noch persönlich. Das ist im Zweifelsfall effektiver als ein Digital Officer.

Hubertus Hille: Die Bürgermeister in unserer Region kenne ich auch persönlich. Und viele Unternehmer haben einen guten Draht in die Politik und Verwaltungen. Wichtig ist uns die stärkere interkommunale Zusammenarbeit. Jüngstes Beispiel ist das interkommunale Landmanagement-Projekt, kurz NEILA genannt. Da geht es darum, über kommunale Grenzen hinweg Flächenmanagement zu betreiben. In den kommenden fünf Jahren will die Region hier zeigen, dass es sich lohnt, über den eigenen Kirchturm hinweg zu denken und zu handeln.

Können Sie das konkretisieren?

Hubertus Hille: Wir benötigen eine intensivere Abstimmung über Kommunal-, Kreis- und Landesgrenzen hinweg, um Unternehmen die nötigen Flächen für ihr Wachstum zu bieten und weiteren Wohnraum zu entwickeln. Hier müssen wir zu Arbeitsteilungen kommen. In manchen Kommunen mangelt es an Flächen, in anderen Kommunen an den finanziellen Mitteln. Die Lösung ist interkommunale Zusammenarbeit. Neben Flächen müssen Regionen im Standortwettbewerb und im Kampf um Fachkräfte mittlerweile mehr anbieten als gute Job-Chancen. Das Freizeitangebot muss stimmen, Kultur, Natur, Fortbildungsmaßnahmen. Ein attraktives, städtisches Flair mit vielen Cafés und Restaurants sind Argumente, um Fachkräfte anzulocken und zu halten. Das ist in Bonn sehr gut. Alles, was man hier nicht findet, findet man dann in Köln.

Haribo ist trotzdem in die Grafschaft gezogen.

Hubertus Hille: Aber nur in den Kreis Ahrweiler und nicht noch weiter nach Süden aufs Land. Die Mitarbeiter mussten nicht umziehen. Das war schon ein wichtiges Argument für das Unternehmen. Aber wenn Sie schon Haribo nennen: Die Firma ist auch wirtschaftlich immer noch mit Bonn verwoben. Die Region arbeitet daran, dass wir künftig noch stärker über die Stadtgrenzen hinweg miteinander kooperieren. Es ist zum Beispiel denkbar, dass Bonn Hilfe bei der Finanzierung und der Entwicklung der Infrastruktur in einer Gemeinde leistet, wenn sich dort Unternehmen ansiedeln wollen. Als Gegenleistung könnte Bonn später dann fiskalisch vom ländlichen Standort profitieren.

Alexander Kohnen: Ich sehe solche Initiativen auch positiv. Je besser die gesamte Region vernetzt ist, desto attraktiver wird sie für Unternehmer und Mitarbeiter. Und da sind wir uns in der IHK entlang des Rheins einig: Es gibt noch eine Menge zu tun.