Mittelstand

Am liebsten unabhängig und ohne Betriebsrat

Weiß, wie Firmeninhaber ticken: Hans-Jürgen Wolter.

Weiß, wie Firmeninhaber ticken: Hans-Jürgen Wolter.

Hans-Jürgen Wolter vom Institut für Mittelstandsforschung über die Besonderheiten, die Familienunternehmen auszeichnen.

Herr Wolter, das Institut für Mittelstandsforschung untersucht seit Jahren die Entwicklung von familiengeführten Unternehmen. Wenn Sie es in einem Satz auf einen Punkt bringen müssten, was diese Unternehmen von anderen unterscheidet ...

Hans-Jürgen Wolter: ... würde ich sagen, dass angestellte Manager ein anderes Gefühl für Chance und Risiko haben. Für einen angestellten Manager steht in erster Linie seine persönliche Karriere im Fokus seines Handelns. Das deckt sich, wenn es gut läuft, oft mit den Interessen der Firma. Aber eben nicht immer. Eigentümer, die ihr Unternehmen selbst leiten, wissen, dass sich jede Managemententscheidung direkt auf ihr eigenes Leben auswirkt. Diese Risiko-Sensibilität drückt sich auch konkret in ihrem Handeln aus.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Wolter: Vielleicht macht eine Anekdote aus den 50er-Jahren deutlich, was ich mit dem Begriff Risiko-Sensibilität meine: Nachdem der Reifen-Felgenhersteller Paul Lemmerz einen neuartigen Felgentyp für Nutzfahrzeuge erfunden hatte, ließ er sein Werk in Königswinter umfassend modernisieren und umbauen. Dafür ließ Lemmerz die komplette Baustelle überdachen, weil er den Wetterprognosen nicht traute. Das kostete natürlich zusätzliches Geld während des Umbaus. Aber diese Absicherung war es ihm wert. Ein Manager, der nur auf die Bilanzkennzahlen des Quartals achtet, hätte vielleicht anders entschieden.

Eine schöne Geschichte, aber eben eine Geschichte aus den 50er-Jahren ...

Wolter: ... die vielleicht den Unterschied zur weiteren Entwicklung der Firma deutlich macht. Ende 2001 hat die mit dem US-Unternehmen fusionierte Hayes Lemmerz Konkurs angemeldet, weil das Unternehmen sich auf seinem rücksichtslosen Wachstumskurs völlig überschuldet hatte. Während das deutsche Werk in Königswinter immer noch mit Gewinn arbeitete, steuerten die US-Manager den Konzern in den Ruin. Fast alle Manager in den USA wurden danach ausgetauscht.

Seit Ende 2011 gehört die Firma dem brasilianischen Automobilzulieferer Iochpe-Maxion.

Wolter: Stimmt. Übrigens ist auch Iochpe-Maxion familiengeführt. Als der Betriebsrat in Königswinter davon erfuhr, hat er die Übernahme unterstützt.

Kommen Betriebsräte mit Familienunternehmern besser klar?

Wolter: Wenn es überhaupt einen Betriebsrat gibt, dann gehen die Parteien oftmals besser mitein-ander um, familiärer eben. Bei der Übernahme durch Maxion kam jedoch hinzu, dass sich Hayes Lemmerz aus den Fängen eines Hedgefonds befreien konnte.

Was bedeutet: Wenn es überhaupt einen Betriebsrat gibt?

Wolter: Studien haben gezeigt, dass es in familiengeführten Unternehmen seltener einen Betriebsrat gibt als in managergeführten Firmen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wolter: Man kann über die Gründe nur spekulieren. Aber vielleicht passt es in den Kontext, dass Familienunternehmer vor allem ihre Unabhängigkeit lieben, ohne Fremdeinfluss Entscheidungen treffen zu können. Das zeigt sich ja auch beispielsweise darin, wie sie ihre Investitionen finanzieren. Der Einsatz von Fremdkapital ist viel niedriger als bei Unternehmen, die von angestellten Managern geführt werden. Diese Liebe zur Unabhängigkeit kommunizieren sie auch innerbetrieblich offensiv. Der Wunsch, Betriebsräte im eigenen Unternehmen zu haben, die zum Teil mitentscheiden dürfen und die man als Unternehmer auch noch bezahlen muss, ist da oftmals nicht besonders ausgeprägt. Vielleicht lässt es sich so erklären.

Offensichtlich funktioniert oft das Mittel der Abschreckung.

Wolter: Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Fakt ist eben auch, dass die Kommunikationswege in Familienunternehmen oftmals kürzer sind. Wenn die Bürotür zum Chef immer offensteht, habe ich als Arbeitnehmer nicht so schnell das Gefühl, dass ich zusätzlich noch eine institutionalisierte Interessenvertretung benötige. Probleme können so schneller auf dem kleinen Dienstweg geklärt werden.

Das funktioniert doch aber auch in Familienunternehmen nur bis zu einer gewissen Betriebsgröße, oder?

Wolter: Sicher. Größeneffekte spielen eine Rolle. Das gilt nicht nur für den Umgang mit einem Betriebsrat.

Sind Eigentümer die besseren Kommunikatoren sind als angestellte Manager?

Wolter: Das würde ich so pauschal nicht bestätigen. Aber man kann sich als Gegenüber sicher sein, dass sie im Sinne der Firma denken. Und das ist schon viel wert.