Wirtschaft boomt

Steigerung der Ausbildungsquote

Die Wirtschaft in Bonn und der Region boomt, die regionalen Handwerksbetriebe freuen sich über eine hohe Kaufkraft. „Die Situation ist derzeit sehr gut, eine so lange währende Phase positiver Entwicklung gab es wohl noch nie.

Gerade das Bauhauptgewerbe profitiert durch steigende Auftragszahlen in Bau und Ausbau. Aber auch die Gebäudereiniger verzeichnen starke Zuwächse“, sagt Thomas Radermacher. Der Kreishandwerksmeister verweist aber gleichzeitig auf das Dilemma: Auf der einen Seite volle Auftragsbücher, auf der anderen Seite fehlen die Mitarbeiter, um diese abzuarbeiten.

„Die Betriebe reagieren mit einer Steigerung der Ausbildungsquote in diesem Jahr um 12,7 Prozent im Kammerbezirk. Und dennoch schauen wir mit Sorge auf den massiven Mangel an Nachwuchskräften, Facharbeiter und Führungskräfte“, erklärt Radermacher. „Immer weniger Jugendliche interessieren sich für einen Handwerksberuf. Bestimmte Branchen finden einfach keine Auszubildenden und Fachkräfte mehr, wie im Lebensmittelbereich, bei Bäckern und Fleischern. Aber auch im Bauhauptgewerbe“, sagt der Kreishandwerksmeister. „Vielen Jugendlichen sind diese Berufe zu schmutzig, zu kalt, zu schwer“, sagt Radermacher.

Er betont aber auch die qualitätsvolle Ausbildung. „Durch die duale Ausbildung ist Deutschland führend in Europa und weist nur eine geringe Jugendarbeitslosigkeit aus. Das System hat sich bewährt“, sagt der Meckenheimer. Im Gegenzug kritisiert er die Haltung mancher Eltern. „Für viele Eltern sind nur das Abitur und ein Studium die Schlüssel für ein erfolgreiches Berufsleben. Dabei vergessen sie immer die Qualifizierungsmöglichkeiten und Karrierechancen im Handwerk. Und außerdem kann man nicht aus jedem Traktor einen Formel-1-Rennwagen machen“, erklärt Radermacher anschaulich. Einen positiven Trend beobachtet er bei der Integration der Flüchtlinge: „Wir haben rund 400 Neuverträge mit Migranten im Kammerbezirk geschlossen. Das ist eine tolle Entwicklung.“

Radermacher bedauert hingegen die wenig ausgeprägte Gründerkultur hierzulande und die mangelnde Bereitschaft, sich selbstständig zu machen. Dabei böten sich derzeit viele Möglichkeiten. „In den nächsten Jahren stehen rund 40 Prozent der Betriebe zur Übergabe. Heute funktioniert die Nachfolge nicht mehr automatisch. Nur selten übernimmt die nächste Generation den elterlichen Betrieb und auch externe Nachfolger sind schwer zu finden. Dabei kann man im Handwerk mit einem eigenen Betrieb ein sehr gutes Leben führen und auch zu Wohlstand gelangen“, erklärt Radermacher.

Das Thema Nachfolge zählt er zu den wesentlichen Aufgaben der Kreishandwerkerschaft in den kommenden Jahren. „Wir beraten junge Leute und bringen sie mit Unternehmern zusammen. Wichtig ist zudem eine Sensibilität bei den Betriebsinhabern zu schaffen, dass sie eine Nachfolge intensiv planen müssen. Wir gehen dabei von einem zeitlichen Rahmen von fünf Jahren aus. Zahlreiche Unternehmer verpassen den richtigen Zeitpunkt mit der Folge, dass sie noch mit 70 Jahren arbeiten“, erklärt der Kreishandwerksmeister.

Neue Möglichkeiten bieten sich im Handwerk durch die Digitalisierung. „Der Begriff von der Industrie 4.0 ist in aller Munde. Dabei spielt die Digitalisierung im Handwerk längst eine zentrale Rolle, besonders im administrativen Bereich. Sie ist für uns wie die Luft zum Atmen. Das Smartphone hat bereits in alle Bereiche des täglichen Lebens, auch des Berufslebens, eingegriffen, und die Entwicklung wird weitergehen“, sagt Thomas Radermacher. ⋌veh