Der Nächste, bitte!

Dr. Dahl, Puppendoktor aus Überzeugung

Puppendoktor Thomas Dahl hilft gerne: Puppen, Kuscheltieren und den dazugehörenden Menschen.

Puppendoktor Thomas Dahl hilft gerne: Puppen, Kuscheltieren und den dazugehörenden Menschen.

Anspruchsvolle Klientel, schnelle Wundheilung und risikolose Narkose sind inkludiert, Einfühlungsvermögen und Fingerfertigkeit Voraussetzung. So könnte die Stellenbeschreibung für das lauten, was heute Thomas Dahl macht.

Der 48-Jährige ist Sachverständiger für antike Puppen, Verkäufer von antikem Spielzeug und eben Puppendoktor.

Doch damit würde man ihm nicht gerecht, denn er ist alles, außer gewöhnlich. Eigentlich hatte er beste Voraussetzungen für eine akademische Karriere: Vater Zahntechniker mit eigenem Labor, Abitur in der Tasche, nachgewiesene Soft Skills mit abgeleistetem sozialem Jahr, Student in Köln und dann das: Eine alte Dame schenkt ihm zwei antike Puppen, er beschäftigt sich mit ihnen, die Leidenschaft für derlei wächst, die Haushaltskasse des Studenten nicht: ,,Ich habe dann begonnen, lädierte Exemplare selbst zu reparieren, aus der Not eine Tugend gemacht und bald auch für andere Sammler Puppenoperationen durchgeführt.“ So wurde aus einem zufälligen Hobby eine Berufung, die er nun schon seit über 30 Jahren mit Herzblut ausübt.

 

 

Ein Beruf, der bis 1984 noch offiziell in die Handwerksrolle eingetragen war. In seiner Werkstatt in der neuen Bonner Puppenklinik am Kaiser-Karl-Ring sieht es denn auch aus wie in einer Mischung aus Handwerksbetrieb, OP-Saal und Raritätenkabinett: über dem Operationstisch stapeln sich, ordentlich in Kisten sortiert, Arme 32/35 oder 53/56, Beine 64+, Köpfe Inge oder Erika, Perücken gelockt oder mit Zöpfen. Nebenan warten bereits die nächsten lädierten Patienten, und während mit gekonnten Griffen ein sichtlich heiß geliebter Stoffaffe ein neues Auge eingesetzt bekommt, zeigt sich bei Operateur Dahl seine soziologische Ader: „Kinder werden heute so schnell erwachsen, denn Kindheit ist so kurz geworden,“ sinniert er mit leichtem Bedauern. „Mit der Puppe von früher holen sich auch viele Erwachsene Erinnerungen zurück, darin steckt immer eine Geschichte, eine Seele. Deshalb verschenke ich zu Geburt, Taufe und ähnlichen Anlässen immer Teddys, denn ich finde, jeder benötigt einen Seelentröster.“

Den gibt er auch selbst ab und zu, etwa wenn das unentbehrliche Kuscheltier dringend operiert werden muss und der Abschiedsschmerz bei den kleinen Besitzern allzu groß ist. ,,Dann hilft bei den Kindern gegen Tränen ein Lolli und ich versuche, besonders schnell zu arbeiten.“

Die Ungeduld mancher Zeitgenossen ist das Einzige, was ihm an seinem Beruf nicht gefällt. Die Vielfältigkeit der Arbeit, interessante Menschen mit ungewöhnlichen Lebensgeschichten, das Glück und die Freude in den Augen beim Verlassen der Puppenklinik faszinieren ihn auch noch nach unzähligen Operationen an Maries, Annabells und Karlchens.

Privat mag er es dann jedoch weniger verspielt und interessiert sich eher für moderne Kunst. Seine Wohnung in Niederkassel ist „im Bauhausstil eingerichtet, als Kontrast und Abgrenzung zum Beruflichen.“ (ah)