Interview Die beste Anlage ist nicht mehr die größte

Auf dem Dach produzierten Strom sollte man für Kühlschrank oder Waschmaschine nutzen.

Wegen sinkender Einspeisevergütungen hat die Nutzung von Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage an Bedeutung gewonnen. Man sollte die Größe der Anlage dem individuellen Verbrauch anpassen.

Wer ein eigenes Dach hat, konnte mit einer Photovoltaikanlage lange gutes Geld machen. Die Energie der Sonne brachte Eigenheimbesitzer durch den Verkauf von Strom an den Netzbetreiber zum Strahlen. Doch sinkende Einspeisevergütungen verunsichern Interessenten mittlerweile. Ob sich eine Photovoltaikanlage für Privatleute noch lohnt, erläutert Stephan Herpertz, Energieberater bei der Verbraucherzentrale NRW.

Lukrativ kann die Einspeisevergütung nicht mehr sein, seit sie unter den Strompreis gefallen ist, oder?

Herpertz: In der Tat ist die Einspeisevergütung seit 2004 von etwa 57 auf heute etwas mehr als 12 Cent/kWh gesunken und der Strompreis im gleichen Zeitraum von etwa 19 auf 28 bis 30 Cent/kWh gestiegen. Die zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme der Anlage festgesetzte Vergütung blieb und bleibt für 20 Jahre lang konstant, und mit den hohen Vergütungen, die vor zehn Jahren gezahlt wurden, waren die Anlagen auch wirtschaftlich rentabel.

Was aber passiert nach den 20 Jahren oder bei aktuellem Interesse an einer Photovoltaikanlage?

Herpertz: Die Eigennutzung des Stroms hat stark an Bedeutung gewonnen. Das Geld fließt nicht mehr aufs Konto, sondern man legt heute die Anlagen so aus, dass möglichst viel des Stroms, den man selbst verbraucht, über die PV-Anlage geliefert wird. Früher hat man so viele Solarmodule wie möglich aufs Dach gepackt. Heute ist die beste oder lukrativste Anlage nicht mehr die größte, sondern die, die am besten zum individuellen Verbrauch des Eigenheimbesitzers passt.

Stephan Herpertz ist Energieberater bei der Verbraucherzentrale NRW.

 

 

Wofür kann der auf dem eigenen Dach produzierte Strom genutzt werden?

Herpertz: Weil Photovoltaik-Strom tagsüber erzeugt wird, sollte er am besten auch unmittelbar dann genutzt werden. Idealerweise für den Antrieb von Haushaltsgeräten wie Kühlschrank oder Waschmaschine oder auch für die Beleuchtung. Rund 20 Prozent des von der PV-Anlage erzeugten Stroms kann bei Anpassung des Nutzerverhaltens selbst genutzt werden. Dieser Anteil kann mit einem Speicher auf 70 Prozent oder mehr steigen. Gerade bei der Speichertechnik hat sich viel getan.

Inwiefern?

Herpertz: Mit den heute verfügbaren Batteriespeichern, die häufig nicht größer sind als Kommoden oder kleine Schränke und beispielsweise im Keller aufgestellt werden können, kann man den eigenen Strom auch dann nutzen, wenn die Anlage auf dem Dach wenig oder keinen Strom erzeugt. Für Privathaushalte werden Blei-Akkus oder Lithium-Ionen-Akkus angeboten.

 

Was kostet eine PV-Anlage?

Herpertz: Die Module heute sind effektiver und deutlich günstiger geworden. Heute kostet eine Photovoltaikanlage pro kWp installierte Leistung weniger als 1800 Euro brutto. Dazu kommen zurzeit für den Speicher rund 1000 Euro pro kWh nutzbare Speicherkapazität. Allerdings ist zu erwarten, dass die Kosten für Speicher in den nächsten Jahren deutlich sinken werden.

Sie beraten für die Verbraucherzen-trale auch beim Interessenten zu Hause ...

Herpertz: Ja, für 60 Euro schauen wir uns die Gegebenheiten vor Ort an und erstellen eine Ertrags- und Wirtschaftlichkeitsprognose unter Berücksichtigung der Motivation und Ziele des Kunden. Bei Vielen steht nicht nur eine hohe Rendite im Vordergrund, sondern auch der ökologische Aspekt oder der Wunsch, unabhängiger zu werden und später vielleicht mit der Anlage die Rente ein bisschen aufzubessern. Immerhin liegen bei gut geplanten Anlagen die Renditen deutlich über den Zinsen auf dem Sparbuch. Beim Betrieb von PV-Anlagen sind zudem viele steuerliche Aspekte zu beachten. Vorab empfiehlt sich daher die Konsultation eines Steuerberaters.

(sim)

 

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