Zeiten des Umbruchs

Das Handwerk zu neuer Blüte bringen

Gruppenbild mit Damen: Die Malerinnung Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gruppenbild mit Damen: Die Malerinnung Anfang des 20. Jahrhunderts.

Zeiten des Umbruchs rücken Menschen ins Rampenlicht, die den Wandel zwar nicht aufhalten, ihn aber zumindest gestalten können. Das gilt auch für jene wackeren Handwerker, die sich am 30. März 1919 im Saal des Bonner Bürgervereins zu einer großen Gründungsversammlung trafen.

Und das in einer besonderen Zeit: Die Bonner litten unter den Folgen des Ersten Weltkrieges: Es herrschte Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot, Krankheiten wie Tuberkulose breiteten sich aus, und die Kindersterblichkeit stieg.

Wie der General-Anzeiger vom 31. März 1919 berichtet, war der große Saal des Bonner Bürgervereins bis zum letzten Platz mit Handwerksmeistern aus Bonn und Umgegend gefüllt – „ein weiterer Beweis, wie wichtig die Handwerksfrage in dieser Zeit der Umwälzungen geworden ist und wie die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse mit zwingender Notwendigkeit auf Zusammenschluß der einzelnen Interessen drängt“.

Um die Berufsinteressen der einzelnen Innungen nach innen und außen kräftiger, eingehender und aussichtsreicher vertreten zu können, wurde für Bonn eine Innungsausschuss-Geschäftsstelle ins Leben gerufen, die in der Versammlung vom 30. März 1919 als eröffnet erklärt wurde. Der Vorsitzende des Bonner Innungsausschusses, Malermeister Wallenfang begrüßte die Versammlung, würdigte die gefallenen Kollegen mit einer Schweigeminute und verwies auf die besondere Bedeutung der neuen Geschäftsstelle. Erst wenn die Qualitätsarbeit anerkannt und auskömmliche Preise dafür gezahlt würden, werde das Handwerk wieder blühen und gedeihen.

Der Vorsitzende der Handwerkskammer Figge meinte, das Handwerk in Bonn und Umgebung müsse eine offizielle Vertretung haben, um seine wirtschaftlichen Verhältnisse zu fördern und seine Ideale „nach jeder Richtung“ auszubauen. Er wies ferner auf „gewisse Bestrebungen“ hin, wonach die Lebensmittel- und Bekleidungsbetriebe sozialisiert und kommunalisiert werden sollen. Das bedeute, dass der Handwerker der Lohn᠆arbeiter der Kommunalverwaltung und des Staatswesens werden solle.

Man müsse jedoch unter allen Umständen seine Selbständigkeit als Handwerker wahren und sich auch in Zukunft ideell und kulturell betätigen und nicht bei der einfachen Herstellung der Produkte stehen bleiben. „Gerade in der ideellen Herstellung liegt der Lebensnerv unseres Handwerks“, sagte Figge. Dadurch allein sei es möglich, dem Handwerk in dieser trüben Zeit wieder zu neuer Blüte zu verhelfen.

Der städtische Beigeordnete Bottler sagte, die Verwaltung beobachte mit großem Interesse die Bestrebungen der Meister und begrüße es, dass man durch eigene Kraft das Handwerk voran bringen wolle. Bottler sagte, die Stadtverordneten-Versammlung werde das Handwerk in jeder Weise fördern und unterstützen, worauf kräftiger Beifall im Saal einsetzte.

Dr. Engels von der wirtschaftlichen Abteilung der Handwerkskammer Köln sprach über die Aufgaben der gemeinsamen Geschäftsstelle für das Handwerk. Bemerkenswert fand der GA die statistischen Angaben, die eine besondere Bedeutung des Handwerks für das Wirtschaftsleben unterstrichen: Mehr als zwei Millionen Klein- und Mittelbetriebe fielen 1919 unter den Sammelnamen Handwerk, so dass allein von ihm fast ein Viertel des Volkes ernährt werde. Dr. Engels sagte, die sprichwörtliche Uneinigkeit der Handwerker möge durch die neue Vereinigung bald der Vergangenheit angehören.

Die Aufgaben der neuen Geschäftsstelle skizzierte Dr. Engels so: Vorbereitung von Gutachten, statistischen Nachweisen und Berichten an Behörden, Vertretung der gewerblichen Interessen in der Öffentlichkeit, Überwachung der Lehrlingsausbildung, Prüfung der Kassengeschäfte und Briefwechsel der Innungen. „Insbesondere liegt dem Innungsverwalter die Lösung der schwierigen Frage einer vernünftigen Preiswirtschaft ob, die eng mit einer zweckentsprechenden Aufklärungsarbeit der Meister verbunden ist.“

Außerdem solle die Geschäftsstelle Rat und Hilfe bei Steuerfragen gewähren sowie bei Streitigkeiten mit Lieferanten und Kunden. „Ebenso wichtig ist gründliche Ausbildung des Nachwuchses in fachlicher und sittlicher Beziehung, Einrichtung von Kranken-, Unterstützungs- und Sterbekassen, sowie gemeinsamer Einkaufsstellen, die den einzelnen Handwerksmeistern zugute kommen sollen.“

Ganz besonders wichtig sei es, die Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Handwerksmeistern zu verbessern. So sollten Verwaltungen keine Installations- und Schmiedearbeiten durch ihre Arbeiter zum Nachteil des Handwerks ausführen lassen. Wünschenswert sei es ferner, wenn die städtischen Schuhmacher-Werkstätten aufgehoben würden. ⋌sas