Geld, Vermögen & Finanzen

Faktenlage besser als die Stimmung

Ist das Glas halb leer oder halb voll? Stehen wir vor Abgründen oder vor bewältigbaren Herausforderungen? Es kommt wie immer auf die Sichtweise an.

Natürlich bedrohen ungelöste Konflikte wie der Brexit oder die hohe Verschuldung Italiens die Konjunktur, und auch die Unsicherheit über die US-Zollpolitik wirkt nicht gerade investitionsfördernd. Entsprechend fallen die Vorhersagen für das Jahr verhalten aus. Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose auf 0,8 Prozent gesenkt. Im Herbst war sie noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr um 1,8 Prozent ausgegangen.

Internationale Organisationen haben ihre Erwartungen ebenfalls gedämpft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet jetzt mit einem Wachstum der globalen Wirtschaft um 3,5 Prozent. Ende 2018 lag die Prognose noch bei 3,7 Prozent. Reduziertes Wachstum bedeutet aber noch keine Krise. Doch was enttäuschte Erwartungen anrichten können, erlebten Anleger im vergangenen Jahr. Der deutsche Leitindex Dax verlor innerhalb von zwölf Monaten mehr als 18 Prozent – trotz hoher Unternehmensgewinne, stabiler Auftragslage und guter Rahmenbedingungen etwa bei der Beschäftigungsquote.

Eine weitere Ursache für den Rückgang sieht Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, in der Geldpolitik: „Es waren zuerst die Notenbanken, die den Trend immer weiter steigender Aktienkurse zu Beginn letzten Jahres zum Stillstand brachten.“ Der positive Umschwung an den Aktienmärkten in den ersten Monaten des Jahres sei von einem geldpolitischen Perspektivwechsel begleitet worden. „Zu Beginn des Jahres entschärften beide große Notenbanken ihren langfristigen Ausblick deutlich. Bei der EZB ist von Zinserhöhungen in diesem Jahr nicht mehr die Rede, und die Fed verordnete sich selbst eine Pause und Geduld.“

Solche Aktionen der Notenbanken seien zwar allein nicht in der Lage, einen Konjunkturumschwung auszulösen, „sie haben allerdings eine negative Verstärkung der Konjunkturdelle durch die Finanzmärkte verhindert“. Erholen muss sich die Konjunktur allerdings aus anderen Kräften. Weltweit sei eine Industrierezession festzustellen, räumt Kater ein. Sie sei aber nicht so stark, um auf die Binnenwirtschaft überzugreifen. „Sofern die politischen Großrisiken wie Brexit oder Zollverschärfungen nicht doch noch zuschlagen, wird in den kommenden Monaten das Rezessionsgespenst wohl vertrieben werden können“, ist Kater überzeugt.

Exportzahlen auf Rekordkurs

Optimisten gehen schon jetzt davon aus, dass sich das derzeit negative Stimmungsbild nicht mit der tatsächlichen Lage in der Wirtschaft deckt. Zu ihnen gehört Thomas F. Seppi. „Wir haben im vergangenen Jahr 284 direkte Gespräche mit Vorständen aus 109 Unternehmen geführt“, sagt der Vorstand der Vermögensverwaltungsgesellschaft FPM Frankfurt Performance Management AG. Tenor aller Gespräche: „Die Unternehmer haben diese starken Ängste nicht.“

Die Exportzahlen erklimmen neue Rekorde, der in Deutschland starke Mittelstand zeigt sich robust. „Die Unternehmen verdienen kontinuierlich und gut Geld“, wie Thomas F. Seppi zusammenfasst. Die Aktienkurse spiegeln daher – so der Experte – nicht die tatsächlichen Werte. „Die Preise an der Börse sind in vielen Fällen zu niedrig für das, was die Unternehmen substanziell verdienen.“ Ohnehin sollten sich weder Anleger noch Beobachter der allgemeinen Entwicklungen von kurzatmigen Nachrichtenströmen irritieren lassen.

Mit Sparverträgen auf Aktien(fonds) reduzieren Anleger das Risiko, die Vermögenswerte zu teuer einzukaufen – bei hohen Kursen und gleicher Sparrate kaufen sie ja weniger als zu Zeiten, in denen die Papiere billig sind. Dann wiederum bekommen sie mehr fürs gleiche Geld. Und in der Wertentwicklung schlagen Aktien langfristig andere Geldanlagen.

Tipps vom Portfoliomanager

Nach dem historisch schlechten Jahr 2018 sind Zinserhöhungen auch in diesem Jahr nicht zu erwarten und stellen die Anleger vor Probleme. Mit sicheren Geldanlagen können Anleger auf absehbare Zeit nach Abzug der Inflation keine positiven Renditen erzielen. Um diesem Umstand zu begegnen, sei es grundsätzlich sinnvoll, seine Anlagen über verschiedene Asset-Klassen hinweg zu verteilen, empfiehlt Jörg-Christoph Groscurth, Leiter des Portfoliomanagements in der Vermögensverwaltung der Sparkasse KölnBonn. Groscurth rät Anlegern deshalb zu diversifizieren, also das Anlagevermögen breit zu streuen und neben Anleihen auch Aktien und alternative Investments wie Rohstoffe zu berücksichtigen, damit gut laufende Anlageklassen im Ernstfall die schlechten gegebenenfalls ausgleichen können.

Alternative Investments sind Anlageformen, die sich unabhängig von den traditionellen Anlageklassen wie Aktien und Anleihen entwickeln, erläutert der Portfoliomanager der Sparkasse KölnBonn. So kann sich Gold zum Beispiel gut zur Diversifizierung in jenen Jahren eignen, in denen es am Kapitalmarkt nicht so gut läuft wie gewohnt. Das Prinzip der breiten Streuung gelte aber auch für Investments innerhalb einer Anlageform, betont Groscurth: „Wenn man in Aktien investiert, sollte man besser nicht nur auf eine Aktie setzen, sondern ebenfalls diversifizieren.“

So legt die Vermögensverwaltung der Sparkasse KölnBonn strategisch weltweit an, neben Europa zum Beispiel in den USA und in Japan sowie in den Emerging Markets. Bei der Portfolio-Beratung analysieren die Vermögensverwalter auch die Einstellungen ihrer Kunden: „Wie hoch der Aktienanteil im Anlagevermögen sein kann, hängt von der Risiko-Einstellung des jeweiligen Anlegers ab“, erläutert Groscurth.

Im Hinterkopf behalten sollten Anleger bei der Anlage in riskantere Anlageformen wie Aktien, dass Kapitalanlagen vor allem auf lange Sicht positive Wirkungen erzielen. „Es wird immer mal wieder Phasen geben, in denen es nicht so gut läuft“, meint Groscurth. „Anleger sollten dann aber Geduld haben und sich nicht entmutigen lassen“.⋌rps