Experte: Autobranche steht vor Umwälzungen wie die Musikindustrie

Hannover.  Trends wie Mobilitäts-Apps, Carsharing und der vernetzte Pkw stellen die Welt der Autobauer auf den Kopf. Immer mehr Akteure beeinflussen das klassische Fahrzeuggeschäft. Die Autokonzerne müssen aufpassen, dass ihnen niemand die Butter vom Brot nimmt.
Ob Mobilitäts-Apps oder vernetzte Pkw: Das klassische Geschäft der Autobauer könnte in Zukunft gehörig durcheinandergewirbelt werden. Foto: Jens Kalaene Foto: DPA

Neue Mobilitätsideen wie etwa Carsharing stellen die Autobauer nach Überzeugung eines Branchenexperten vor ähnliche Umwälzungen wie sie jüngst die Musikindustrie erlebte. "Mehr als 100 Jahre lang war das Erlebnis Autofahren im Bann von Motor und Design. Künftig könnte aber dabei die Sprachsteuerung von E-Mails wichtiger sein als die nächsten 100 Pferdestärken", sagte der Leiter des Autobranchenteams im Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young, Peter Fuß, auf der CeBIT in Hannover (5. bis 9. März).

Aus Schallplatten und Kassetten seien CDs und später MP3-Dateien geworden - und dann revolutionierte der Internetvertrieb alles. Was früher fest in den Händen von Künstlern, Musiklabels und Plattenläden war, wurde von zuvor unbekannten Marktakteuren aufgemischt. "Musik ist immer noch Musik. Aber diejenigen, die den Zugang dazu anbieten, haben sich geändert. Demnächst sind es vielleicht die Apples und Googles dieser Welt, die Zugang zum Autofahren bieten", sagte Fuß.

Angesichts der Urbanisierung und immer mehr Autos auf den Straßen gehe es längst nicht mehr nur darum, gute Autos zu bauen. "Bis 2050 werden die Menschen doppelt so viel reisen wie heute. Wir müssen sehr viel intelligenter werden, um von A nach B zu kommen", sagte Fuß. Es gehe um die Verzahnung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Angeboten wie Carsharing und individuellen Fortbewegungsmitteln wie dem eigenen Auto - und darum, wie die Verbraucher diese Dienste über das Netz auswählen. Es entstünden neue Kooperationen etwa zwischen Gemeinden, privaten Verkehrsbetrieben, Parkhausanbietern oder Telekomfirmen. "Autobauer, die das nicht verstehen, könnten ihr Geschäft verlieren - selbst wenn sie in der Autotechnik noch so gut sind", sagte Fuß.

Erste Anzeichen für die Umwälzungen gibt es längst: Der Erfinder des Automobils, Daimler, arbeitet bei seinen Carsharing-Aktivitäten neuerdings mit dem Start-Up autonetzer.de für privates Autoteilen zusammen. Und Google entwickelt in Kalifornien zusammen mit Toyota Autos, die sich im öffentlichen Straßenverkehr selbstständig ohne Fahrer bewegen. Alle führenden Konzerne der Branche arbeiten an dem Thema - so haben etwa auch Continental und die VW-Tochter Audi in den USA Zulassungen erhalten für ähnliche Projekte rund um autonomes Fahren.

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