Weißer Mann adé

Wähler mit Wurzeln in Lateinamerika haben Obama gewählt

WASHINGTON.  Nur knapp 27 Prozent der Menschen, deren Heimat Amerika ist, obwohl ihre kulturelle Identität weiter südlich wurzelt, mochten sich für den Republikaner Mitt Romney erwärmen; weniger noch, als 2008 der Republikaner John McCain erreichte.

Mitt Romneys Vater wurde in Mexiko geboren. Da, wo die Eltern und Großeltern von Jonathan Melendez auch geboren sind. Der 24-jährige Sozial- und Jugendhelfer, der am Dienstagmittag in Fairfax/Virginia vor den Toren Washingtons seine Stimme abgibt, stellt den gemeinsamen geografischen Bezugspunkt mit voller Absicht her.

Um zu erläutern, "warum ich die Republikaner einfach nicht wählen kann". Wie Melendez dachten am 6. November 2012 viele Menschen, deren Heimat Amerika ist. Obwohl ihre kulturelle Identität weiter südlich wurzelt. 72 Prozent der wahlberechtigten Latinos, der Spanisch sprechenden Minderheit, haben Barack Obama gewählt.

Nur knapp 27 Prozent mochten sich für den Republikaner Mitt Romney erwärmen; weniger noch, als 2008 der Republikaner John McCain erreichte. "Diese große Lücke ist die eigentliche Sensation dieser Wahl", sagt der Politikforscher Aaron Boesenecker von der American University in Washington, "sie offenbart ein großes Politikversagen." Die Republikaner hätten sich für eine große Bevölkerungsgruppe fast "unwählbar" gemacht.

Jeb Bush, der Bruder des früheren Präsidenten George W. Bush, hatte es bereits vor Wochen geahnt. Auf dem Parteitag der Republikaner in Tampa hielt der ehemalige Gouverneur Floridas der "Grand Old Party" eine seltene Gardinenpredigt. Er warb leidenschaftlich dafür, die "demografischen Verschiebungen in unserem Land" nicht länger mit Gleichgültigkeit hinzunehmen. Oder gar mit Verachtung.

50 Millionen Latinos leben heute in den USA, rund 16 Prozent der Bevölkerung. Tendenz steigend. 2050 werden es 100 Millionen sein. 21 Millionen Latinos sind heute im wahlfähigen Alter. Weil in der Regel katholisch und gesellschaftspolitisch konservativ (Abtreibung, Familie, Religion, Drogen) eigentlich wie gemacht als Zielgruppe für die republikanische Partei.

Dass sie in überwältigender Zahl dem Herausforderer von Barack Obama die kalte Schulter gezeigt haben, lässt aus Sicht der "Washington Post" auf ein "gigantisches Problem" schließen.

Dulce Matuz, die vom "Time Magazin" jüngst zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gekürt wurde, eine Latina, die sich in Arizona für illegale Einwanderer-Kinder einsetzt, hat es im Gespräch mit dem General-Anzeiger so formuliert: "Wer gegen uns ins Feld zieht, der kann nicht unser Freund sein."

Mitt Romney war die Speerspitze dieses Feldzugs. Im Wahlkampf forderte er pauschal jene elf Millionen auf, die illegal aber meist gesetzestreu in Amerika leben und die Schattenwirtschaft am Leben halten, sich doch gefälligst selbst zu "deportieren".

"Mitt Romney hatte die Chance, den Kurs dieser kalkulierten Ausgrenzung zu ändern", sagt Dulce Matuz, "er hat es nicht getan." Die republikanische Partei, so analysierte gestern die "Los Angeles Times", hat eine Wähler-Bastion, die langsam zerbröselt: den "weißen Mann" im Alter von 50 aufwärts.

Mitt Romney hat in dieser Wählergruppe knapp 60 Prozent geholt. Was er bei Frauen in urbanen Regionen, Jungwählern, Menschen aus der oberen Mittelklasse sowie Schwulen und Lesben und eben den Latinos verloren hat, wiegt das nicht auf. Und die Gruppe des "weißen Mannes" wird immer weniger. Schon 2050 wird Amerika nach Angaben staatlicher Bevölkerungsforscher "ein anderes, ein dunkleres und ein asiatischeres Gesicht haben".

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