Trudel Ulmen

Ein Fall zwischen Fragen, Zufällen, Berufsethos und Vorstellungsgrenzen

20.04.2012 Bonn. Was für ein Fall: Nach 16 Jahren Stillstand sind binnen weniger Wochen alle Rätsel gelöst. In GA-Chefreporter Wolfgang Kaes erweckte er in besonderem Maße das Berufsethos des Journalisten - aus Neugierde und wegen seiner persönlichen Geschichte.

Diagnose, Rezept, der Nächste bitte. Oder: Vermisst, Akte auf, Akte zu. Oder: Gehört und notiert, fertig ist der Artikel, Thema abgehakt. Nicht selten erscheint es, als sei der Beruf eintönig. Auch das Umgekehrte ist Alltag: Spannender Beruf, aber uninspirierte Zeitgenossen, die ihn ausüben.

Ob Arzt, Kriminalhauptkommissar, Finanzbeamter, Journalist, Rechtsanwalt oder Lehrer: Auch und gerade die Berufserfahrung kann gelegentlich die Aufmerksamkeitsschwelle senken, wenn sich ein lähmendes Virus ("Alles schon Mal dagewesen") eingenistet hat.

Da kann eine Konstellation noch so originell, ein Fall noch so bizarr, ein Krankheitsbild noch so mysteriös sein: Die "Berufserfahrung" funkt nicht SOS, sondern den langweiligen Durchschnitt aller Erfahrungswerte. Auch profanes Desinteresse kann lähmen. Durch die Gleichgültigkeitsbrille schrumpft das Originelle zur Konserve, das Bizarre erscheint fad, das Mysteriöse unspektakulär. Hauptsache: erledigt.

Das griechische Wort für Gewohnheit heißt "ethos". Der daraus entstandene Begriff "Berufsethos" kann hingegen Vieles bedeuten. Die lauwarme Version berichtet von Menschen, die sich mit großer Leidenschaft in täglicher Gewohnheit aalen.

Beruf kann aber auch Berufung - so wie man sich das beim Arzt mit dem hippokratischen Eid vorstellt - sein, wenn der Berufene, von Neugierde getrieben, den Blick hinter den nächsten Hügel wagt. Je nachdem, wer wem - welcher Patient welchem Arzt, welcher Hilfesuchende welchem Anwalt, welcher Steuerpflichtige welchem Finanzbeamten - begegnet, kann eine Angelegenheit völlig anders enden. Alles Zufall.

Insofern kann eine Vermisste eine Vermisste bleiben - und ein (angeblich) verlassener Ehemann ein (angeblich) verlassener Ehemann. Doch letzterer hatte das Glück nicht länger auf seiner Seite, weil der Zufall gegen die Ordnung verstieß und ein administrativer Achtzeiler, geboren aus den Vorgaben des Verschollenengesetzes, im Dezember 2011 durch ein Versehen nicht in der Anzeigenabteilung des General-Anzeigers landete, sondern in der Redaktion. Ein Kollege stutzt, wittert eine Geschichte und reicht den Irrläufer an GA-Chefreporter Wolfgang Kaes weiter.

Dessen 32-jährige Berufspassion hatte längst ein Hobby geboren: Kriminalromane schreiben. Wie kommt das Böse in die Welt? "Seltsamerweise hat mich diese Frage schon immer beschäftigt", sagt der 54-Jährige. Seine Romane sprießen denn auch nie fantasiegedüngt aus dem Nichts. "Die Realität ist immer mein Ausgangspunkt." Und die sei unglaublich genug. "Wenn man die recherchierte Wirklichkeit in fiktiven Zusammenhängen erzählt, wirkt das auf manche Leser unglaubwürdig."

 Da braue sich im Leserkopf Unvorstellbares zusammen, "und was unvorstellbar ist, ist auch nicht passiert", sagt Kaes. "Wahrheit und Glaubwürdigkeit sind oft zwei völlig verschiedene Dinge." Vor der Wirkung dieses Mechanismus' seien auch Kripo-Beamte nicht gefeit.

Öffentliche Bekanntmachung gab den Anstoß

Nun würde also, so die öffentliche Bekanntmachung am 15. Dezember 2011, Trudel Ulmen für tot erklärt werden, sollte sie sich nicht bis zum 28. Februar 2012 im Amtsgericht melden. Kaes, wie Trudel Ulmen im Eifelstädtchen Mayen geboren, beginnt zu recherchieren und die Kripo nach dem ersten Artikel aus Kaes' Feder ebenso. So wurde aus der seit März 1996 Vermissten aus Rheinbach vergangene Woche die im Juli 1996 in Bad Honnef gefundene Tote - und aus einem angeblich verlassenen Ehemann ein geständiger Täter.

16 Jahre Stillstand, und dann sind binnen weniger Wochen alle Rätsel gelöst. Was für ein Fall. Aber auch was für ein Berufsethos bei jenen ermittelnden Fachkräften, die 1996 schon nach vier Tagen die Vermissten-Akte zuklappten. Der Ehemann hatte ausgesagt, seine Frau habe ihn am 24. März 1996 angerufen und aufgeklärt: Liebhaber, Ausland, Adieu. Das klang offenbar plausibel. Berufserfahrung, gepaart mit der "Neugierde nach dem Blick hinter den nächsten Hügel", hätte Berge versetzen können.

Der "nächste Hügel" - aus der Perspektive der Vermissten-Ermittler - erhob sich schon am 18. Juli 1996, als ein Radfahrer in einem Waldstück bei Bad Honnef die stark verweste Leiche einer Frau entdeckte. Der "nächste Hügel" - aus Sicht der Ermittler in Sachen Gewaltverbrechen - lag indes in Rheinbach. Und da beide Perspektiven im selben Haus, im Polizeipräsidium Bonn beheimatet waren, erstaunt es, dass die Toten-Ermittler eine Lösung über das ZDF-Magazin "Aktenzeichen XY" suchten, obwohl sie im eigenen Haus verstaubte - und obwohl ein Kollege Trudel Ulmens die Ermittler nach dem Leichenfund in Bad Honnef noch einmal auf die vermisste Rheinbacherin hingewiesen hatte.

Der Ehemann, nochmals befragt, berichtete: Konfektionsgröße und Zahnbild passten (angeblich) nicht zur Toten. Es war bereits die Zeit, als die Genanalyse die Wahrheitssuche beflügeln konnte. Das alles klingt heute wie die Sicht eines Schlaumeiers oder eines durchschnittlichen "Tatort"-Sehers. Doch bei Lichte besehen, provoziert das Naheliegende nicht nur heute die richtigen Fragen. Auch die: Warum hat Kaes im Dezember 2011 nicht "Business as usual" betrieben und einfach nur den Kurs des Irrläufers verlagsintern korrigiert? Statt dessen hat er gelesen, nachgedacht und losgelegt mit einer Recherche, die wenig Erfolg versprach, dafür viel Arbeit und noch mehr Sackgassen. Schließlich waren schon die professionellen Toten-Ermittler umhergeirrt - und im Niemandsland gelandet.

Journalist als Ermittler

Kaes sagt: "Manchmal hat man es als Journalist einfacher als ein amtlicher Ermittler." Warum? "Weil die Leute dann nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, weil es juristisch relevant sein könnte." Einige schwätzen, andere reden. Geschwätz und Rede sind wie Spreu und Weizen. Nach der Trennung ergibt sich manche Spur. Eine zieht Kaes an. "Ich wollte unbedingt eine Frau sprechen, die angeblich Trudel Ulmens beste Freundin war, die aber außer dem Ehemann niemand kannte." Der Ehemann hatte dieser Frau gleich nach dem Verschwinden seiner Gattin einen Nerzmantel geschenkt - so viel oder so wenig wusste Kaes. Wo lebte die Beschenkte 16 Jahre danach?

Kaes fragt sich durch. 1996 ist die Frau von Meckenheim in eine kleine Verbandsgemeinde im Westerwald gezogen. Kaes fährt hin. Die Sekretärin des Bürgermeisters zaudert. Dann macht sie doch eine Schnellrecherche. Die gesuchte Dame ist nicht gemeldet, zumindest nicht unter dem Namen, mit dem sie aus Meckenheim wegzog. Kaes motiviert die Sekretärin zum Abstieg ins Archiv. Staubige Kärrnerarbeit. Ergebnis: Die Dame heißt jetzt anders, hatte geheiratet, ist aber wieder weggezogen. Zurück Richtung Meckenheim. Endlich erreicht Kaes ihren Ehemann am Telefon. Der vertröstet ihn auf den nächsten Tag. "Aber da weigert sich die Frau, mit mir zu sprechen." Eine Spur, die in eine Sackgasse führte? Vergeudete Zeit? Vielleicht. Kaes kombiniert: Die Frau war damals 30, der Ehemann 41, die Vermisste auch 41. Dazu der geschenkte Nerzmantel. Das alles lädt zu Vermutungen ein, auch zu dieser: Konnte eine 30-Jährige die beste Freundin einer 41-Jährigen sein? 1.000 Fragen schießen Kaes durch den Kopf. Vor der Kripo wird diese Frau 2012 bezeugen, den angeblich verlassenen Ehemann vor 16 Jahren zur Vermisstenanzeige begleitet zu haben.

Vier Monate Recherche, viele Selbstzweifel. "Wo liegt man falsch, wo richtig?" Informanten und Angehörige riefen rund um die Uhr an, "man wird zum einzigen Rettungsanker der Familie". Das zehrt an allen Fronten. Auch an den Nerven, erst recht nach dem Geständnis des Ehemanns. Denn jetzt läuft die kommerzielle Medienmaschinerie an. Soll die Familie aus Mayen "Menschen bei Maischberger" wirklich als Chance sehen?

Ein besonderer Fall von "investigativem Journalismus"

Was hat Kaes und helfende Kollegen angetrieben? Für Ferndiagnostiker ein klassischer Fall von "investigativem Journalismus". Wie so vieles stammt der Begriff aus dem Lateinischen ("investigare") und steht im Deutschen für "aufspüren". Das mit dem "Aufspüren" trifft es, aber nicht ganz. Haben auch Aufspürer Motive, bewusste oder unbewusste? Oder erklärt pure Neugierde alles? Warum wollte Kaes hinter den Hügel blicken? Vielleicht auch deshalb: Sein Großvater, Vater seines Vaters, wurde in den dreißiger Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens in der Eifel. "Die Täter wurden nie ermittelt, und die Opferfamilie, eine Frau mit zwei kleinen Jungs, wurde stigmatisiert und stürzte ins soziale Abseits", erzählt Kaes. Das wirke nach. Bis zur zweiten Generation. Damals, in den frühen Jahren des Nazi-Regimes, habe es offiziell keine Gewaltverbrechen aus niederen Instinkten geben dürfen. "Arier waren per se nicht kriminell." Deshalb sei der Ehrgeiz der Ermittler begrenzt gewesen.

Heute liegt in Deutschland die Aufklärungsquote bei versuchten und vollendeten Morden bei rund 95 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das für die unaufgeklärten Mordfälle: 1,2 pro Woche. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Rechtsmediziner haben in einer Studie kritisiert, dass nur jeder zweite Mord überhaupt entdeckt werde. Weniger Obduktionen, weniger Mordfälle. So senken Einsparungen in der Rechtsmedizin statistisch die Kriminalitätsrate.

Unterdessen wirken die Zufälle im "Fall Gertrud Gabriele Ulmen" weiter. In der Kleinstadt Mayen können sich nun Tag für Tag drei Witwen begegnen: die Mutter des Opfers, die Mutter des Täters und die Mutter des Journalisten. (Wolfgang Wiedlich)