Kommentar zu den Pfiffen gegen Gündogan

Vergiftete Atmosphäre

llkay Gündogan (r.) vor seinem Länderspieleinsatz in Leverkusen. Neben ihm der verletzte Mesut Özil.

llkay Gündogan (r.) vor seinem Länderspieleinsatz in Leverkusen. Neben ihm der verletzte Mesut Özil.

LEVERKUSEN. Der Einsatz von Ilkay Gündogan im Länderspiel gegen Saudi-Arabien wurde von deutlich hörbaren Pfiffen begleitet. Unser Autor meint: Ein wenig hat der DFB um Direktor Oliver Bierhoff die Anfeindungen wohl auch geschürt.

Wer am Freitagabend in der Leverkusener Arena weilte, dürfte sich sehr sicher nicht vorstellen können, dass die gruseligen Pfiffe in ihrer Schärfe und Unversöhnlichkeit keinen weitreichenderen Schaden nehmen werden bei Ilkay Gündogan. Doch nicht alleine der Mittelfeldspieler dürfte die schrillen Misstöne als bleischwere Bürde mit nach Russland nehmen. Auch die Mannschaft und Joachim Löw wirkten ob der Heftigkeit der Abneigung Gündogan gegenüber konsterniert.

Natürlich ist die Vermengung von Sport und Politik immer heikel. Fest steht: Gündogan und Mesut Özil haben sich zu weit hinausgewagt auf das glatte Parkett der Politik. Dass beide anschließend - wohl auch auf Druck des Deutschen Fußball-Bundes - recht halbherzig versicherten, das Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei keiner politischen Motivation gefolgt, macht die Sache nicht viel verständlicher.

Letztlich trifft die rigorose Bestrafung des Fehlverhaltens durch die Fans aber eben nicht nur den deutschen Nationalspieler Gündogan, sondern auch dessen Mitspieler. Dass die sich nun hinter ihren Kollegen stellen, ist allzu verständlich. Mario Gomez etwa warnte vor einer Spaltung und bat darum, "eine Brücke zu bauen". Ganz im Sinne des Unternehmens Titelverteidigung. Die Spaltung, die sich im Zorn auf den Tribünen in Leverkusen entlud, ist jedoch kein sportspezifisches Problem. Sie ist ein gesellschaftliches. Einer Vielzahl der Hetzer Vorbehalte gegenüber DFB-Spielern, die auch durch die Heimat ihrer Eltern geprägt sind, zu unterstellen, ist gewiss nicht zu weit hergeholt.

Ein wenig hat der DFB um Direktor Oliver Bierhoff die Anfeindungen wohl auch geschürt. Das Thema erst einfach so wegzuwischen, um es später ad hoc für beendet zu erklären, war wenig zielführend. Die Fans fühlten sich offenbar zur Unmündigkeit degradiert und reagierten mit der Trotzigkeit eines Kindes, das zur Strafe ins Bett geschickt wurde. Da half es auch nicht, dass Löw bei Gündogans Einwechslung von der Seitenlinie aus versuchte, die Zuschauer zu besänftigen.

Dass sich viele deutsche Fans dazu berufen fühlen, einzelne Spieler in aller Schärfe zu maßregeln, hat Timo Werner wegen seiner Schwalbe erfahren müssen. Auch Gomez selbst ist ein gebranntes Kind. Seine vergebene Großchance bei der EM 2008 gegen Österreich zog jahrelang Spott und Häme auf den Rängen nach sich. Das beste Gegenmittel gegen dieses Gift - das dürfte auch für Gündogan gelten - sind: gute Leistungen und Tore. Die Pfiffe gegen Gomez und Werner sind inzwischen verstummt.