WM 2018

Kroos schießt Deutschland in letzter Sekunde zum Sieg

Sotschi. Die historische Schmach ist vorerst abgewendet, der angeschlagene Titelverteidiger Deutschland hat bei der WM den vorzeitigen Totalschaden dank Toni Kroos verhindert.

Dann brachen alle Dämme. Die deutschen Spieler wurden erfasst von einer inneren Explosion. Toni Kroos‘ genialer Freistoß landete im Winkel. In der vierten Minute der Nachspielzeit. 2:1. Die Spielertraube, die den Torschützen unter sich begrub, wollte sich gar nicht mehr auflösen. Die DFB-Elf hatte in letzter Sekunde ein Spiel gedreht, einen Sieg gegen Schweden errungen, den sie bitter nötig hatte, um die Chance aufs WM-Achtelfinale zu wahren. Sie tat es, dank der Treffer des Real-Stars und von Marco Reus (48.).

Die K.o.-Runde kann die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw nun wieder aus eigener Kraft erreichen. Bitter nur: In der letzten Gruppepartie am Mittwoch gegen Südkorea fehlt Jerome Boateng, der zehn Minuten vor Schluss die Gelb-Rote Karte sah.

Das Bild des Spiels wurde schnell sichtbar. Die Deutschen übernahmen die Kontrolle, die Schweden verteidigten. Schon nach drei Minuten setzte sich Timo Werner auf rechts durch, bediente Julian Draxler, doch der gab Robin Olsen im Tor der Schweden die Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Das Löw-Team zeigte sich hellwach. Wieder Werner über rechts, wieder der Passe, doch diesmal kam Reus zu spät (9.). Schon in der Anfangsphase deutete sich an, dass das DFB-Team bedacht war, ein Zeichen zu setzen, eine Partie wie gegen Mexiko nicht wiederholen zu wollen.

„Irgendeinen Impuls“ hatte auch Teammanager Oliver Bierhoff erwartet in diesem Schicksalsspiel nach der erschreckenden Niederlage gegen Mexiko. Und Löw reagierte nicht mit irgendeinem Impuls, er setzte gleich mehrere Impulse. Die gegen Mexiko enttäuschenden Mesut Özil und Sami Khedira blieben zunächst auf der Bank. Für Özil eine ganz ungewohnte Situation, hatte der Spielgestalter doch seit 2010 in jedem Turnierspiel, bei dem er fit war, von Beginn an gespielt. Marco Reus nahm Özils Position ein.

Sebastian Rudy ersetzte etwas überraschend Khedira. Von dem Münchner erhoffte sich Bierhoff „etwas mehr defensive Stabilität“. Zudem rückte Antonio Rüdiger für den verletzten Mats Hummels in die Abwehr. Rudy und Rüdiger hatten ja schon beim Confed-Cup-Sieg 2017 wertvolle Erfahrungen gesammelt, auch in diesem Stadion. Der Kölner Jonas Hector kehrte nach überstandener Grippe auf seinen angestammten Platz auf der linken Seite zurück.

Doch mitten hinein in den deutschen Angriffsschwung zeigten die Schweden, dass sie wussten, wo das deutsche Tor steht. Sie sahen es sogar sehr deutlich: Rüdigers Ballverlust leitete einen Konter ein, Berg startete durch und wurde von Boateng im letzten Moment gestoppt (13.), den Ball traf er dabei nicht. Über einen Elfmeterpfiff hätten sich die Deutschen nicht beklagen können. Genau diese Szene war es, die wieder Zweifel aufkommen ließ beim Weltmeister. Die Schweden witterten die Verunsicherung, wurden nun mutiger und offensiver.

Zu allem Übel wurde Rudy von einem schwedischen Knie im Gesicht getroffen, blutete stark und musste behandelt werden. Ilkay Gündogan kam für ihn nach einer halben Stunde, auch die Geister des Mexiko-Spiels kehrten zurück. Die Fehler häuften sich. Fehlpass von Kroos, dem Weltmeister. Stellungsfehler Kroos, Rüdiger kam zu spät – und Toivonen lupfte den Ball abgeklärt über Manuel Neuer (32.).

Deutsche Fans vor dem Spiel in Sotschi.

Deutsche Fans vor dem Spiel in Sotschi.

Zwar fanden die Deutschen allmählich ihre Ordnung wieder, die Ballverluste weiteten sich aber zu einer Epidemie aus. Vorn wurde es nur ein Mal gefährlich: Thomas Müller kam einen kleinen Schritt zu spät (39.), jener Müller, der diesen Ball in guten Zeiten irgendwie im Tor untergebracht hätte. So kamen die Skandinavier dem zweiten Treffer näher. Zunächst klärte Hector in höchster Not (42.), dann parierte Neuer einen Kopfball des früheren Hamburgers Berg stark (44.). Die Nummer-eins-Gesänge der deutschen Fans waren längst verstummt. Kein Wunder, bei 135 Minuten ohne eigenen WM-Treffer.

Löw reagierte, brachte Mario Gomes für Draxler. Die Mannschaft reagierte. Der starke Werner setzte sich links durch, sein scharfer Pass erreichte Reus‘ Knie – der Ausgleich. Der ersehnte erste Jubel, dem bald fast der zweite gefolgt wäre. Müllers Kopfball strich aber am Tor vorbei (51.). Den neuen Schwung versuchten die Schweden um den Leipziger Einfädler Emil Forsberg mit einiger Härte zu unterbinden. Das deutsche Team ließ sich nicht beirren. Immer wieder startete Werner über links durch, doch Hectors Schuss war nicht platziert genug (57.). Dann wollte es Reus künstlerisch wertvoll machen, verpasste mit der Hacke aber den Ball (61.).

Dann vergab Gomez die große Chance zur Führung (67.), sein Ball aus drei Metern ging, kaum zu glauben, übers Tor. Die Fahne des Assistenten war aber ohnehin oben. Der Gegner tat sich im strikten Vernachlässigen der Offensive hervor. Sie waren mit dem Punkt zufrieden. Den hätte ihnen Werner fast entrissen – Zentimeter fehlten. Dann musste Boateng wegen wiederholten Foulspiels vom Platz (80.). Und als Gomez die letzte Großchance per Kopf vergab und der eingewechselte Brandt den Pfosten satt traf, schien das WM-Aus ganz nah. Doch dann schoss Kroos.

 

GA-Reporter Guido Hain freut sich auf die Partie gegen Schweden in Sotschi.

GA-Reporter Guido Hain freut sich auf die Partie gegen Schweden in Sotschi.