Kommentar zu Leroy Sané

Abgehängt vor Russland

Überraschend nicht nominiert: Leroy Sané.

Überraschend nicht nominiert: Leroy Sané.

BONN. Bundestrainer Joachim Löw verzichtet bei der WM in Russland auf Leroy Sané. Unser Autor meint: Das WM-Aus ist nicht plausibel und könnte noch schmerzlich werden.

Man hätte das schon gerne mal gesehen, einen 100-Meter-Sprint-Showdown um die Plätze im DFB-Kader für die WM. So ähnlich hatte Joachim Löw die Schwierigkeit der Entscheidung um einen freien Platz in der Offensive umschrieben: Olympia. Leroy Sané gegen Julian Brandt. Startschuss. Auftrittsdauer rund elf Sekunden. Ziel. Schluss – und Zielfoto.

Nun hat sich der Ausgang einer Weltmeisterschaft selten an der Frage entschieden, welche vier Spieler aus dem erweiterten Kader mit zum Turnier dürfen. Auf den ersten Blick ist es dennoch kaum zu verstehen, dass der pfeilschnelle Sané in diesem Fall nicht die Nase vorn hatte. In England hat er eine Saison gespielt, die ihn zum Sensationsdarsteller im Meister-Team von Manchester City erhob. Sein Talent, auf dem Platz in kaum vorstellbarer Geschwindigkeit viele Dinge intuitiv richtig zu tun und ganze Abwehrreihen aushebeln zu können, hatte Löw noch vor zwei Jahren dazu bewogen, ihn mit zur EM nach Frankreich zu nehmen.

Auf den zweiten Blick schimmert bei der Entscheidung Löws verstärkter Hang zum Pragmatismus durch, den er auch schon in der Absage an Mario Götze offenbarte. Zwar weiß er um Sanés riesige Begabung, doch in der Nationalmannschaft konnte der Ex-Schalker die noch nicht zeigen. Als Toni Kroos nach dem Länderspiel gegen Brasilien mangelnde Leistungsbereitschaft und Körpersprache kritisiert hatte, bezog er das auch und vor allem auf Sané. Er sei eben noch nicht angekommen, begründete Löw die Absage an den 22-Jährigen.

Letztlich wird Löw die Entscheidung verantworten müssen. Die anderen Einzelschicksale spielen eher eine untergeordnete Rolle. Selbst wenn die Bevorzugung Kevin Trapps, der in Paris in wichtigen Spielen nicht zum Einsatz kam, gegenüber dem Leverkusener Torhüter Bernd Leno als dritter Torwart nicht ganz plausibel ist.

Jonathan Tah galt als einer von sechs Innenverteidigern ebenso als Streichkandidat wie Nils Petersen, für den es im Schnellkurs nicht reichte. Das ist nicht sehr bedeutend. Doch Sanés WM-Aus könnte noch schmerzlich werden. Für die Mannschaft und für Löw.