Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Was hat Russland von der WM zu erwarten?

Ob es die beste Fußball-WM aller Zeiten wird, ist noch offen. Sicher ist dagegen: Es ist die teuerste. Russlands Präsident Wladimir Putin mit dem Pokal beim Fifa-Kongress in Moskau.

Ob es die beste Fußball-WM aller Zeiten wird, ist noch offen. Sicher ist dagegen: Es ist die teuerste. Russlands Präsident Wladimir Putin mit dem Pokal beim Fifa-Kongress in Moskau.

MOSKAU. Am Donnerstag beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Vor dem Start sind die Russen noch unsicher, was sie zu erwarten haben - vor allem von ihrem Team.

Der erste mexikanische Fan bewegte sich schon voriges Wochenende durch den Menschenstrom an der Metrostation Lubjanka, ein kleiner Mann mit grün-weiß-rotem Schal in einer fremden Stadt, mit neugierigem, erwartungsfrohem Gesichtsausdruck. Die Moskauer aber bemerken ihn nicht, noch sind sie in ihren Alltag vertieft.

Am Donnerstag wird in Moskau die erste Fußball-WM in Russland eröffnet. Das größte Sportfest der Welt, einen Monat lang messen sich 32 Nationalmannschaften bei 64 Spielen in zwölf Stadien. Die Veranstalter erwarten 1,5 Millionen ausländische Gäste. Der Lärm der Schlagbohrer ist verstummt, die letzten Schönheitsreparaturen sind vollendet. An den großen Zufahrtsstraßen zu den elf Spielorten stehen Polizeiwagen, in den Innenstädten patrouillieren grau uniformierte Nationalgardisten. Und der staatliche Sportkanal Match TV präsentiert stolz mannshohe Smartphones, die man auf dem Jekaterinburger Flughafen aufgestellt hat.

Das Weltfußballfest beginnt, Russland aber weiß selbst noch nicht, was es davon zu erwarten hat. Vor allem, was die eigene Nationalmannschaft angeht, die keines der vergangenen sieben Spiele gewinnen konnte. Obwohl die Vorrundengegner Saudi-Arabien, Ägypten und Urugay nicht gerade als Tippfavoriten gelten, zweifelt die Öffentlichkeit, ob die Sbornaja die Vorrunde übersteht.

Bezeichnend ist die Ballade, die der Komiker Semjon Slepakow unlängst intonierte: Darin wird Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow zum Nationaltrainer ernannt, um Russlands WM-Ehre zu retten. Er schneidet allen Spielern die Daumen ab und droht ihnen mit den Tod, sie verlieren trotzdem wieder, der rabiate Tschetschene wendet sich resigniert ab: "Aber meine Pistole lass ich euch liegen, solltet ihr doch Gewissensbisse bekommen..."

Ein mehrdeutiges Lied, das auch auf staatliche Repressalien in Tschetschenien und anderswo in Russland anspielt: In Grozny sitzt zur Zeit der Menschenrechtler Ojub Titijew als mutmaßlicher Drogendealer in U-Haft, im nordsibirischen Straflager Labytnangi ist der ukrainische Regisseur Oleg Senzow seit einem Monat im Hungerstreik. Senzow wurde als angeblicher Terrorist zu 20 Jahren Haft verurteilt, er fordert die Freilassung von insgesamt 63 ukrainischen politischen Gefangenen. Die russische Staatsmacht ignoriert bisher alle Proteste.

 

Russlands Präsident Wladimir Putin gab am Mittwoch die letzte Parole vor der WM aus: "Unser Ziel ist, dass alle Gäste vom Fußballstar bis zum einfachen Fan die Herzlichkeit und das Wohlwollen unseres Volkes spüren." Von Gnade ist diesmal keine Rede, im Gegensatz zu den olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, vor denen man Michail Chodorkowski und zwei Aktivistinnen der Protestband Pussy Riot freigelassen hatte.

Offenbar sieht die russische Führung keinen Grund, wegen dieser WM Kompromisse zu machen. Seit 2008, als das Turnier an Russland vergeben wurde, hat sich die politische Agenda des Kremls grundlegend geändert. Damals wollte man vor allem als Sportweltmacht auftrumpfen, inzwischen aber hat man auf der Krim, in der Ostukraine und in Syrien ganz andere Siege gefeiert. Statt Goldmedaillen zählt Putin der Konkurrenz im Westen jetzt Hyperschall-Raketen vor.

Russische Oppositionelle werfen dem Kreml vor, er wolle die WM propagandistisch ausschlachten. Aber angesichts des dominierenden Selbstbildes des einsamen, stolzen und erfolgreich seine andrängenden Feinde abwehrenden Russlands klingt die Losung, man werde die "beste Fußball-WM aller Zeiten organisieren", eher harmlos.

"Die Gegnerschaft zum Westen, der Russland angeblich hasst, lässt sich innenpolitisch viel besser verkaufen", sagt der Politologe Juri Korgonjuk. "Negative Gefühle wirken propagandistisch immer stärker." Außenpolitisch freut sich der Kreml sicher, dass die Welt vier Wochen lang über Russland redet, ohne dass dabei Giftgas, Bomben- oder Cyberangriffe im Mittelpunkt stehen. Aber auch 6000 TV-Minuten mehr oder weniger gelungenen Fußballs werden diese nicht aus dem internationalen Bewusstsein spülen.

Umgekehrt hoffen liberale Beobachter, die Ausländer, die zu Hunderttausenden auch nach Saransk, Samara oder Jekaterinburg schwappen, könnten mit Frohsinn und Friedlichkeit russische Vorurteile über die westliche Welt beseitigen. Aber ein wirklicher Meinungsaustausch in den Fanzonen wird schon an der Sprachbarriere scheitern. Außerdem weiß jeder, der länger in Russland gelebt hat, dass die Russen angesichts "netter" und "normaler" Westler sehr leicht einen Trennstrich zwischen ihnen und dem "entarteten" und "aggressiven" politischen System im Westen ziehen.

 

Diese WM wird Russland tatsächlich wenig verändern. Aber ob sie als Fußballturnier gelingt, das hängt weder von der Propaganda des Staates ab noch von seinen Sicherheitsmaßnahmen. Sondern von den Fans, den vater- wie den ausländischen. Schon beim Confederations-Cup im vergangenen Jahr steckten Chilenen und Mexikaner die Russen mit ihrem Temperament an, rollten jubelnde Laola-Wellen durch die Stadien von Kasan und Sankt Petersburg, feierte man gemeinsame Fußballfeste, ohne dass das große Polizeiaufgebot dabei gestört hätte. Der Hunger der Russen auf schönen Fußball ist groß. Vielleicht erleben ja auch sie ihr Sommermärchen.

Inzwischen sind die Fans im Zentrum Moskaus nicht mehr zu übersehen. Kleine Gruppen in peruanischen, argentinischen und australischen Nationaltrikots schlendern durch die Fußgängerzone am Arbat, einige Gesichter sind noch vom Jetlag zerknittert, aber schon mischt sich spanisches oder arabisches Lachen in die Gitarrenklänge der Straßenmusikanten.

Ein junger Moskauer überschüttet drei lächelnde Iraner mit sehr flüssigem Englisch, am Schnellimbiss daneben kämpfen die usbekische Verkäuferin und zwei Senegalesen mit Hilfe eines Smartphone-Übersetzers um Verständigung. Internationale Farbkleckse färben Moskaus Alltag bunt. Aber die einzige russische Trikolore hier trägt eine junge Brasilianerin über den Schultern.

Bevor Russland mitfeiert, scheint es zuerst das Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien abwarten zu wollen.