Kommentar zum Videobeweis

Angst vor dem Pfiff

Härtetest auf höchster Ebene: In Russland erhalten die Schiedsricher erstmals bei einer WM Unterstützung durch Videoassistenten.

Härtetest auf höchster Ebene: In Russland erhalten die Schiedsricher erstmals bei einer WM Unterstützung durch Videoassistenten.

Die Einführung des Videobeweises bei der WM in Russland ist riskant. Denn den Videoassistenten gibt es in den allermeisten Nationen nicht.

Angenommen, Abdulrahman Al Jassim funkt Felix Brych an. Der Katari ist vom Fußball-Weltverband für Russland als Videoassistent nominiert, der Münchner wie schon 2014 als WM-Schiedsrichter. Es kann demnächst also vorkommen, dass Al Jassim den Kollegen Brych im Auftrag der Fifa auf versteckte Fouls oder Abseitsstellungen hinweist, die dem Referee und seinen aus Deutschland mitgebrachten Linienrichtern entgangen sind.

Mal vorausgesetzt, Brych und Al Jassim sind in gleichem Maße der englischen Sprache mächtig, dann kann das funktionieren. Muss aber nicht. Dass nicht einmal zwei Jahre des intensiven Umgangs mit dem Videobeweis einen reibungslosen Ablauf gewährleisten, haben die zahlreichen strittigen Fälle in der abgelaufenen Bundesliga-Saison bewiesen. Auch Befürworter der Videoassistenz empfinden die Bilanz ernüchternd, wenn nicht sogar erschütternd.

Den Videoassistenten gibt es in den allermeisten Nationen nicht. Trotzdem wagt die Fifa den Crashtest, spielt russisches Roulette auf höchster Wettkampfebene. Mit Crashkursen sind die quotenpflichtig aus aller Welt – von Äthiopien bis Tahiti – zusammengetrommelten Unparteiischen vorbereitet worden. Das ist völlig unzureichend. Der Controller im Nacken wird Verunsicherung schüren – etwas, das Referees als Autorität auf dem Platz am wenigsten brauchen. Wahrscheinliche Folgen: Furcht vor Fehlern, Flucht aus der Verantwortung. Schließlich ist da eine Kontrollinstanz, die im Zweifel einspringt.

Die Angst vor dem Pfiff: wohl unausweichlich. Trotz – oder erst recht wegen der zusätzlichen Sicherung, die der Weltverband eingebaut hat: Drei Unparteiische sollen im Videoraum auf Regelverstöße achten. Zusätzlich beobachtet ein weiterer Offizieller das Spiel im Fernsehen. Er darf ebenfalls eingreifen.

Bei der Beurteilung der Beurteilung eines vermeintlichen Fehlurteils steht am Ende dann womöglich die Korrektur der Korrektur eines Fehlurteils.

Alles klar? Klingt nach Juristerei, aber nicht mehr nach Fußball. Die Zahl möglicher menschlicher Fehler wird sogar erhöht, die Gefahr langer Spielunterbrechungen steigt radikal. Nur Wembleytore fallen ganz sicher nicht mehr.