Defense ist seine Passion

Wie der Deutsch-Kubaner Bartolo zu den Telekom Baskets kam

Freundlich, athletisch, unbarmherzig: Auf dem Feld verwandelt sich Yorman Polas Bartolo für manchen Gegner zum Albtraum.

Freundlich, athletisch, unbarmherzig: Auf dem Feld verwandelt sich Yorman Polas Bartolo für manchen Gegner zum Albtraum.

BONN. Yorman Polas Bartolo kam von Kuba nach Deutschland und dann nach Bonn, wo er bei den Telekom Baskets landete. Darin waren auch Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern München involviert.

Wer schon mal ein Kaugummi unter dem Schuh hatte, der kann ungefähr nachvollziehen, wie sich Gegenspieler von Yorman Polas Bartolo fühlen. Wohin ihre Wege auch führen, der freundliche Deutsch-Kubaner klebt fest, es gibt kaum ein Entkommen. In den meisten Fällen wirkt seine Verfolgung eleganter als die Fluchtversuche der Gehetzten. Diese Verteidigungskünste erkoren Spieler und Trainer in der vergangenen Saison zu den besten der gesamten Basketball-Bundesliga. Der Weg dorthin war weit. Er beginnt in den Straßen der kubanischen 300.000-Einwohnerstadt Camagüey und führt über ein paar hollywoodreife Umwege – Rollen für Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger inklusive – zu den Telekom Baskets nach Bonn.

„Meine erste Begegnung mit dem Basketball“, sagt der 32-Jährige, „hatte ich mit neun Jahren. Als Kinder haben wir auf der Straße gespielt und alles ausprobiert. Fußball, Basketball, Judo und die kubanischen Nationalsportarten Boxen und Baseball.“ Vom Sozialismus unter Fidel Castro bekommen sie nicht viel mit. „Wir waren ja noch Kinder und kannten es nicht anders“, sagt er und spielt mit dem Bommel seiner Pudelmütze, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Diese eiskalten Tage mag der Mann aus der Karibik nicht besonders. „Aber wenigstens scheint die Sonne“, sagt er und zwirbelt eine Haarsträhne.

Er konzentriert sich, sein Deutsch ist nicht perfekt. Aber es ist so gut, dass er sich auch zwischen den Zeilen ausdrücken kann. Und da steht die Sehnsucht nach seiner Heimat, seiner Familie, den Freunden, dem Essen, dem Lebensgefühl. Jeder Sommer gehört der tropischen Insel, auch vor den Spielen versetzt er sich dorthin. Das gibt ihm Energie. „Ein guter Kaffee und Tanzen zu karibischer Musik – das ist mein Ritual.“ Das klingt deutlich entspannter als der Arbeitstag werden wird, der seinem Gegenspieler dann bevorsteht. „Es ist, als würde dich dein eigener Schatten verfolgen“, sagt Baskets-Spielmacher Josh Mayo, „ein unbarmherziger Verteidiger, dem nie die Energie ausgeht.“

Polas Bartolos Talent für Basketball wird schnell entdeckt, mit zehn Jahren kommt er in ein Sport-Internat. Nur an den Wochenenden ist er bei seinen Eltern. Viele in den sportlichen Kaderschmieden träumen von großen Karrieren im Profisport – oder der Freiheit. Dem kleinen Basketballer fehlt sie noch nicht. Aber sein Talent wird ihm Möglichkeiten eröffnen, die für andere Träume bleiben. Über die erste kubanische Liga führt sein Weg 2003 in die Nationalmannschaft.

Seine Leidenschaft für die Verteidigung, die für viele Basketballer lästige Pflicht ist, basiert auf einem Schlüsselerlebnis, das ihm zwei schlaflose Nächte bescherte. „Wir hatten einen argentinischen Trainer und spielten während der Olympia-Qualifikation in einem Test gegen Argentinien. Zwei Tage vorher hat er mir gesagt, dass ich gegen Manu Ginobili spielen soll – das war's mit dem Schlaf“, sagt Polas Bartolo über das Aufeinandertreffen mit dem NBA-Star-Spielmacher der San Antonio Spurs. „Klar, Argentinien hat gewonnen und er hat 22 Punkte gemacht. Aber ich auch 18 – und er hat gemerkt, dass ich da bin.“

Seither ist Defense seine Passion. „Verteidigung ist wichtig und macht die Offense einfacher. Richtig gut ist sie nur, wenn Du Spaß daran hast.“ Und den hat er. Es ist nicht leicht, den Deutsch-Kubaner los zu werden. Elegant, beweglich, unnachgiebig und flink entschärft er die gefährlichsten Waffen der Baskets-Gegner. Während einer Länderspielreise nach Gran Canaria lernte Polas Bartolo die Mutter seiner Tochter kennen: Amelie. Eine Deutsche, die im Team-Hotel arbeitete. Eine Weile besuchten sie einander, dann beschlossen sie, zu heiraten. Der Kubaner zog nach München. Zwei Monate suchte er im Internet nach einer Möglichkeit, Basketball zu spielen, einen Agenten hatte er nicht. Amelie arbeitete in der Münchner Nobelbar Schumann's und fragte einfach Manuel Neuer, ob er helfen könne. „Er hat mir die Telefonnummer von Bastian Schweinsteiger gegeben, der wiederum gut mit Bayern-Basketballer Steffen Hamann befreundet war“, sagt Polas Bartolo. So kam es zum Probetraining. In den Erstligakader schaffte er es nicht, erhielt aber einen Vertrag in der Regionalliga Süd-Ost bei München Basket, wo der Zweitligist Crailsheim auf ihn aufmerksam wurde.

Von dort aus führte sein Weg nach dem Aufstieg zu den Giessen 46ers, mit denen er ebenfalls in die Bundesliga aufstieg. In Hessen bekam er dann 2015 auch seine Einbürgerungsurkunde. Unter Basketball-Gesichtspunkten ein weiterer Pluspunkt für den Verteidiger, der sich in Bonn auch offensiv deutlich verbessert hat. Denn in der Liga gibt es in dem Bemühen, das Niveau der Nationalmannschaft zu heben, seit 2009 eine – nicht unumstrittene – Deutschenquote. Sechs der zwölf Spieler eines Kaders müssen einen deutschen Pass haben. Polas Bartolo hat einen.

Auch das machte ihn für Bonn attraktiv. Aber das war es nicht allein. Während handelsübliche Verteidiger es nur mit Gegnern ihrer eigenen Position entsprechend aufnehmen können, ist Polas Bartolo in der Lage, es mit den Positionen eins bis vier – Spielmacher bis Power Forward – aufzunehmen. Auch das macht ihn für Trainer Predrag Krunic so wertvoll. „Water covers 70 percent of the earth's surface. Yorman covers the rest“, sagt TJ DiLeo, der im Training häufig gegen seinen Teamkameraden spielen muss. Sinngemäß: Wasser bedeckt 70 Prozent der Erde, überall sonst ist Yorman.

Genauso müssen das auch Gegner empfinden. Beim Allstar Game, zu dem eher wegen spektakulärer Offensive gewählt oder geladen wird, fragte der Oldenburger Rickey Paulding, der zu den Schlüsselspielern gehört, die sich sonst des Kubaners erwehren müssen: „Aber heute darf ich doch punkten, oder?“ Sie lachten. Natürlich durfte er; Punkte sind der Sinn des Allstar-Spektakels. Für Polas Bartolo war es nicht einfach nur Spektakel. Er war aufrichtig stolz, es hierher geschafft zu haben. Auch das steht zwischen den Zeilen.