Interview mit Wolfgang Wiedlich

Präsident spricht über Zukunft der Telekom Baskets

Bonn. Die Telekom Baskets Bonn haben für die nächste Saison in der Basketball-Bundesliga einen neuen Trainer verpflichtet. Der soll vor allem Jugendspieler entwickeln. Im Interview spricht Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich über das Team, den Etat und die Halle.

Hätte Wolfgang Wiedlich immer nur das Hier und Jetzt im Blick, gäbe es die Telekom Baskets Bonn vielleicht schon gar nicht mehr. Die erste vereinseigene Halle der Basketball-Bundesliga gäbe es sogar ziemlich sicher nicht. Er blickt immer aufs große Ganze und die Zukunft seines inzwischen sehr erwachsenen Babys Telekom Baskets Bonn. Auch im Gespräch mit Tanja Schneider.

Herr Wiedlich, was macht der Geschäftsführer einer Bundesliga-GmbH und Präsident eines Vereins in der spielfreien Zeit? Ist der Sommer Ihre Regenerationszeit?

Wolfgang Wiedlich: Er macht das, was er immer macht, kalkuliert die Finanzen, hält im Alltag das Geld zusammen und arbeitet an Zukunftsprojekten. Die Halle, ihre Außenanlagen, der Nachwuchs, Sponsorenverträge, der Bundesligaetat und und und. Überall Budgets und Baustellen. Es wird also ein ganz normaler Sommer.

Wie wichtig ist das Bundesligateam für das große Baskets-Ganze? Hat das ein Budget und Sie kontrollieren nur, ob es eingehalten wird? Oder mischen Sie sich auch in die Spielerpolitik ein?

Wiedlich: Das Bundesligateam ist die Nabelschnur von fast allem, während das Hallenvermietungsgeschäft weitgehend unabhängig davon zu sehen und wirtschaftlich von außen meist überschätzt wird. Natürlich muss das Bundesliga-Budget eingehalten, aber auch auf verletzungsbedingte Ausfälle reagiert werden. Dann muss man an anderer Stelle sparen. Das ist jedoch ein inzwischen vertrauter Balanceakt. Im sportlichen Teil bin ich involviert, aber Einmischen wäre übertrieben.

Sind Sie mit der vergangenen Saison zufrieden?

Wiedlich: International weniger, national schon, von der individuellen Klasse der Spieler her wäre sicher mehr möglich gewesen, aber angesichts der vielen unnötigen Niederlagen in der Hinrunde war mehr als Platz sieben dann kaum noch möglich und das auch nur durch eine erfolgreiche Siegesserie unter Chris O’Shea, der einen hervorragenden Job gemacht hat. So ein Trainerwechsel oder eine gravierende Verletzung wie bei Charles Jackson mitten in der Saison sind jedenfalls immer Störfälle für den Spielrhythmus, die sich keiner wünscht.

Ich vermute, die erste Personal-Entscheidung fällt auf der Trainerposition – wie sieht es da aus? Bleibt der ehemalige Co-Trainer Chris O’Shea Cheftrainer?

Wiedlich: Es wird definitiv einen neuen Cheftrainer geben, was nichts, wirklich gar nichts mit O’Sheas Person oder Qualifikation zu tun hat. Wie gesagt: Er hat aus einer sportlichen Schräglage noch eine Playoff-Qualifikation gemacht. Das war mit den vielen Nachverpflichtungen kein einfaches Team.

Stimmte die Teamchemie nicht?

Wiedlich: Die war okay. Der Punkt war das Spielzeiten-Management. Um es kurz zu machen: Die Erwartungen, die einzelne Spieler an ihre Rolle im Team hatten, ließen sich nicht erfüllen. Insofern hatten O’Shea, der die Mannschaft ja nicht zusammengestellt hat, und Sportmanager Michael Wichterich diesmal keinen einfachen Job. Die Kunst besteht jede Saison darin, zehn bis zwölf Spieler, die mal mehr, mal weniger weitgehend Ich-AGs sind, in ein solidarisches Wir zu verschweißen.

Wenn die Baskets mit O'Shea so zufrieden sind, warum bleibt er dann nicht Headcoach?

Wiedlich: Chris hat sicher das Zeug zum Headcoach, hätte das sicherlich auch bei uns, wenn man unser BBL-Team isoliert betrachtet. Es sind jedoch in der Vergangenheit, und damit meine ich nicht die letzte Saison, einige Dinge schlecht gelaufen, die mich bis heute wurmen, weshalb wir in unserem Innercircle die Headcoach-Weiche radikal neu stellen wollen. Unsere Idealvorstellung ist, dass ein neuer Cheftrainer seinen Fokus nicht nur auf dem Bundesligateam hat, sondern sich mit Ideen, Erfahrung, neuer Perspektive und Tatkraft auch aktiv bei der Verzahnung des Nachwuchsbereichs mit dem Bundesligateam einbringt.

Ist das nicht etwas viel und ein Headcoach nicht auch eine Ich-AG und primär der eigenen Erfolgsbiografie verpflichtet?

Wiedlich: Durchaus. Aber der Wind dreht sich da ein bisschen. Sowohl im Selbstverständnis der Clubs als auch bei vielen Trainern der jüngeren Generation.

Rückt Chris O’Shea denn wieder auf den Co-Trainerposten oder verlässt er die Baskets?

Wiedlich: Wir haben ihm ein stark verbessertes Angebot als Co-Trainer gemacht. Ich denke, er bleibt.

Wann können Sie den neuen Trainer präsentieren?

Wiedlich: Es kann sehr schnell gehen oder noch etwas dauern. Da steckt man nicht drin.

Was ist es denn eigentlich, das Sie bis heute wurmt?

Wiedlich: Es gab vor zehn Jahren keinen Bundesligisten, der drei Jugendspieler aus seinem Nachwuchsbereich, also keine von weit weg akquirierten, bis zur Bundesliga hoch entwickelt hatte. Danach gab es bei uns eine unglückliche Entwicklung, eine Mischung aus eigenem Versagen und Marktgesetzen.

Meinen Sie die Zeit um 2008 und 2009? Und die potenziellen BBL-Spieler hießen Florian Koch, heute Würzburg, Jonas Wohlfahrt-Bottermann, heute Frankfurt, und Fabian Thülig, heute Jurist?

Wiedlich: So in etwa. Das war eine psychologisch sehr demotivierende Entwicklung, insbesondere für unsere hauptamtlichen Jugendtrainer. In der vergangenen Saison kam noch etwas hinzu: der Abstieg des ProB-Teams unseres Kooperationspartners Rhöndorf. Wir hatten die sportliche Verantwortung und tragen da eine gewisse Mitschuld. Zudem haben wir mit einem eigenen Ausbildungszentrum und dem Basketballinternat Hagerhof sehr gute Voraussetzungen. Aber es gibt natürlich viele Andererseits.

Zum Beispiel?

Wiedlich: Die Zeiten haben sich nach 2013 mit dem BBL-Marktbeitritt, ich nenne das einmal so, des FC Bayern München und der Eingliederung des Bamberger Basketballs als Tochter-GmbH in einen Industriekonzern gründlich geändert. Das betrifft einmal die eigenen, kleineren Chancen auf eine Playoff-Qualifikation und die Tatsache, dass wir für eine bundesweite Akquise deutscher Talente nicht das nötige Kleingeld haben.

Aber wir müssen alle gemeinsam aus den vorhandenen Möglichkeiten mehr machen, denn der Basketballkreis Bonn, wozu auch Rhöndorf gehört, ist ja rein zahlenmäßig ein Basketball-Hotspot in Deutschland geblieben. Gleichzeitig ist die Bundesliga-Luft wirtschaftlich immer dünner geworden, und es erfordert immer mehr Energie, mit einem Mittelfeldetat einen BBL-Standort zu verteidigen. Das kann man allein daran sehen, dass die Telekom Baskets Bonn inzwischen der einzige Basketball-Bundesligist im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW sind. Düsseldorf, Köln, Leverkusen, Hagen – alle weg.

Und Bonn war zehn Jahre lang nicht mehr in einer Finalserie . . .

Wiedlich: Dass Club und Fans gemeinsam fünf Vize-Meisterschaften seit 1997 erlebt haben, ist ein sehr spezielles psychologisches Dilemma in Bonn. Wenn man die geänderte Konkurrenzsituation nach 2013 ausblendet, kann das sportliche Hier und Heute nicht angemessen bewertet werden, auch der Wert eines verlässlichen Hauptsponsors wie die Deutsche Telekom für unsere Entwicklung wird unterschätzt. Gleichzeitig wird unser Alleinstellungsmerkmal in der Liga von den Fans inzwischen als normal empfunden, dabei bleibt das ein schwerer Brocken.

Sie meinen die eigene Halle?

Wiedlich: Genau die. Ohne sie würden wir vermutlich gar nicht mehr in der Bundesliga spielen. Planung, Finanzierung und Bau sind das Eine, aber die Phase danach haben wir sicherlich unterschätzt, also das Thema Pflege und Instandhaltung. Das kostet weiter Geld und personelle Energie. Wir nehmen das Instandhaltungsthema sehr ernst, denn wenn man hier schludert, endet der Telekom Dome eines Tages als Beethovenhalle, also als Sanierungsfall. Nach zehn Jahren ist der Dome aber top in Schuss und das Verdienst unserer Mitarbeiter.

In den sozialen Medien sind die Fans zunehmend ungeduldig . . .

Wiedlich: Die Fanseele lechzt nach mehr als „nur Playoffs“, das ist uns sehr bewusst. Bonn ist ein extrem lebendiger Standort. Im Verhältnis von Bevölkerungszahl zur Meinungsfreude im Internet sind wir in Bonn längst Deutscher Meister. Ich sehe das positiv: Die Identifikation mit den Baskets ist weiter hoch und dazu gehört eben auch, dass man uns kritisiert, auch wenn nicht jedem Kritiker die Bandbreite der Baskets-Herausforderungen vertraut ist. Bei Fans steht die Leistung auf dem Feld, der Tabellenplatz im Vordergrund, das ist überall so.

Von guten Ideen und den Impulsen eines neuen Trainers alleine kommt man nicht ins Finale. Ein Plus im Etat täte der Angelegenheit gut. Bleiben die Baskets am Rande der Top-Acht oder gibt es mehr Geld von der Telekom?

Wiedlich: Die Telekom hat ihren Sponsoring-Schwerpunkt im Fußball, die Baskets sind ein Standortmarketing-Projekt. Dennoch hat die Telekom schon beim letzten Vertrag die Sponsoringsumme um etwa 20 Prozent erhöht, und unser Gesamtetat ist kontinuierlich gewachsen. Aber Etats zwischen 20 und 30 Millionen wie in München oder Bamberg sind in Bonn völlig illusorisch.

Ehrlich gesagt wirken die Bonner Aussichten oft etwas düster. Träumen Sie nicht auch manchmal von einem Titel oder drehen sich Ihre Albträume nur um die Halle?

Wiedlich: Düster wird es, wenn man um den Klassenerhalt spielt und absteigt. Ich habe in Sachen Baskets weder Träume noch Albträume. Ich trage die wirtschaftliche Verantwortung für ein kleines Sportunternehmen mit roundabout 40 Mitarbeitern. Wenn ich mir etwas wünschen könnte: Dass die nächste Generation auf der Baskets-Brücke den BBL-Standort weiter wirtschaftlich gesund steuert.