Porträt über Baskets-Spielmacher Eugene Lawrence

Die erste Geige

Bonn. Sein zweites großes Talent verheimlichte er, weil Basketball im gefährlichen Brownsville, New York, einfach besser ankam. Mit Zielstrebigkeit und der Familie als Rückhalt ist der neue Kapitän nun endgültig in Bonn und bei den Baskets angekommen.

Brownsville in Brooklyn, New York, so um die Jahrtausendwende. Während des Sommers klingelt der kleine Geno schon frühmorgens bei einem sieben Jahre älteren Freund. Der nimmt ihn mit zum Basketball. "Ich hatte mich in die Art, wie er den Ball dribbelte, verliebt und eiferte ihm nach", blickt er heute zurück.

Geno, das ist Eugene Lawrence, Point Guard und neuer Kapitän der Telekom Baskets Bonn. Er war damals 13, seine Mitspieler waren 18, 19 oder 20 Jahre alt. Für Geno ein Glücksfall. Lawrence: "Da waren Jungs dabei, die sich um Jüngere kümmerten, von denen sie glaubten, dass sie eine Zukunft haben, und sie von den schlechten Dingen fernhielten."

Und Schlechtes gab es in der Nachbarschaft zur Genüge. Brownsville gilt als einer der gefährlichsten Stadtteile New Yorks. "Eine raue Gegend", sagt Lawrence.

In seiner Kindheit lernte er, Violine zu spielen. Und mit dem Geigenkasten durch die Straßen zwischen den hohen Backstein-Wohnblöcken mit den unzähligen Sozialwohnungen zu laufen, war nicht gerade unauffällig. Geno spielte gut. So gut, dass er ein Stipendium für die Brooklyn Musik- Akademie bekam.

Aber er machte ein Geheimnis aus seinem Talent. Das war kein Hobby, mit dem man in der Heimatstadt von Skandal-Boxer Mike Tyson prahlen konnte. Als Basketball die ganz große Rolle in seinem Leben übernahm, hörte er damit auf.

Die Familie mit fünf Schwestern und einem Bruder war sein großer Rückhalt. Er selbst ist der Zweitjüngste. "Meine Eltern haben einen Riesenjob gemacht, sie haben mich beschützt", sagt er dankbar.

Basketball war Genos Ausweg zu einem besseren Leben. Dabei folgte er dem Rat seines Vaters, den er sehr bewundert: "Ein wirklich großer Mann." Der machte ihm klar: "Wenn du gut Basketball spielen willst, musst du auch gut in der Schule sein." Also hat sich Geno auf beides konzentriert.

"Nach der Hinrunde werden wir sehen, zu was wir fähig sind"

Das Spiel mit den Älteren war eine harte Schule für ihn, aber sie war Grundlage für eine erfolgreiche Karriere. Mit der Abraham Lincoln High School wurde er Schulmeister, zugleich war er wertvollster Spieler. Mit der St. John‘s University in Queens spielte er in der renommierten Big East Conference, unter anderem auf großer Bühne im Madison Square Garden.

Einer seiner besten Freunde und Mitspieler war Sebastian Telfair, der später in der NBA Millionen verdiente. Er selbst schaffte es nicht in die NBA und ging als Profi nach Europa.

Nach Stationen in der Slowakei, Tschechien und der Ukraine kam er Anfang 2014 nach Bonn und ersetzte Jared Jordan, den er schnell vergessen machte. Wie wertvoll der bullige Spielmacher sein kann, bewies er in den Playoffs der vergangenen Saison, als er in den fünf Spielen des Viertelfinals gegen Ulm mit 14,2 Punkten, 6,8 Assists und 3,4 Rebounds zum überragenden Mann avancierte.

"Da hat Geno gezeigt, dass er ein geborener Anführer ist", sagt sein Trainer Mathias Fischer.

Der so Gelobte will da weitermachen. "Ich will eine bessere reguläre Saison spielen als die vergangene und dem Team alles geben, was es von mir braucht, um erfolgreich zu sein", verspricht er. Der Familienvater, der mit Ehefrau Shakima zwei Kinder hat – die neunjährige Ariel und den gerade erst geborenen Eugene jr. –, geht mit seiner Verantwortung für das Team professionell um.

Nach Achillessehnenproblemen hat er seine geliebten Streetball-Aktivitäten in den USA über den Sommer reduziert und sich an den Plan gehalten, den er von den Baskets bekommen hatte. Vor allem hat er das Krafttraining reduziert. "Ich habe jetzt weniger Gewicht", erklärt er, "um auf dem Feld schneller zu sein."

Die Kapitänsrolle ändert für ihn nicht viel. "Ich bin der Point Guard, und als solcher bin ich dafür verantwortlich, dass sich jeder Spieler wohlfühlt. Es ist nur natürlich, dass ich dann auch der Kapitän bin", sagt er.

Vom neuen Team ist er sehr angetan. "Das sind alles tolle Jungs. Cool und umgänglich. Man kann mit jedem gut reden. Das ist eine wichtige Grundlage." Entscheidend sei aber, was auf dem Feld passiere. Dort müssten alle Spieler zu einer verschworenen Truppe zusammenwachsen. Erfolgsprognosen will er nicht abgeben. "Wichtig ist, dass alle gesund bleiben. Nach der Hinrunde werden wir sehen, zu was wir fähig sind", blickt er voraus.

Sein altes Instrument spielt er zwar nicht mehr, dafür die erste Geige im Spiel der Baskets. Lawrence kann sich durchaus vorstellen, seine Karriere in Bonn zu beenden. "Die Baskets sind nicht nur ein sehr professioneller Verein, sie haben mich auch wie eine Familie aufgenommen", stellt er fest. Und was es bedeutet, eine Familie zu haben, weiß der Mann aus Brownsville.