Interview mit Michael Vesper

"Ziel für Rio: London toppen"

Frankfurt. Wir betreten das Teilzeit-Domizil des Mannes, der das deutsche Team bei Olympia als Chef de Mission führt. Hier, in dem Appartement, das auf dem Dach der Schaltzentrale des deutschen Sports gebaut worden ist, verbringt Michael Vesper die eine oder andere Nacht.

Alleine mit sich und den Problemen, die er als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu lösen hat, zum Beispiel den öffentlichen Umgang mit der ewigen und ewig ungeliebten Medaillenzählerei.

Das Haus des Sports liegt genau in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. "Den Piloten kann ich beim Landeanflug in die Augen schauen", sagt Vesper, als wir auf der Terrasse stehen. Von hier ist der Blick frei auf die Beton-Architektur der Frankfurter Fußball-Arena, Baumwipfel verdecken die Sicht auf die Skyline von Mainhattan - auch dann, wenn er an dem kleinen Schreibtisch am Fenster sitzt. Seine Joggingschuhe hat der 61-Jährige hinter der Wohnungstür in der Ecke abgestellt, auf dem Tisch liegt ein Schal des 1. FC Köln - soviel zum Privatmann.

Eine Etage tiefer liegt sein Büro. Der nach dem ehrenamtlichen DOSB-Präsidenten Thomas Bach zweitwichtigste Mann im deutschen Sport erklärt im Gespräch mit Berthold Mertes sein rheinischer "Versöhner-Gen", warum Spitzensport immer teurer wird - und er warnt vor Panikmache nach dem Boston-Attentat.

Herr Vesper, Was gibt es am 27. Mai zu feiern?
Michael Vesper: Am 27. Mai? Soll ich mal meinen Kalender holen?

Ich verrate es Ihnen: Der 1. FC Köln schafft im Relegations-Rückspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga ...
Vesper: Diesen Termin habe ich mir noch nicht eingetragen. Das muss ich sofort nachholen (geht zu seinem Schreibtisch und holt den Kalender hervor). Denn das ist tatsächlich ein wichtiger Termin.

Feiern Sie dann den FC oder die Fortuna, weil sie in Düsseldorf zur Schule gegangen  sind und dort lange als Minister gewirkt haben?
Vesper: Den FC, denn die Fortuna wird sich retten und gar nicht in die Relegation kommen. Ich bin bin ja der wandelnde Köln-Düsseldorfer. Ich bin in Köln geboren. Das ist eine der Städte, in denen man stolz darauf ist, dort geboren zu sein. Das bin ich auch: Ich bin ne richtije Kölsche Jung. Aber mit zwei Jahren bin ich nach Düsseldorf gezogen und dort aufgewachsen, weshalb ich eine innere Bindung an beide Städte habe - und deshalb wohl auch dieses Versöhner-Gen entwickelt habe, was mich dann später angeblich ausgezeichnet hat.

Sie sind Mitglied im Kuratorium der FC-Stiftung, andererseits Generaldirektor des DOSB im Hauptberuf, Aufsichtsratsmitglied bei der Nationalen Anti Doping Agentur. Sie wohnen in Köln, das DOSB-Büro liegt in Frankfurt mit Übernachtungsmöglichkeit auf dem Dach, in Berlin gibt es ein weiteres Büro, und zudem ist Ihre Frau die Sprecherin von Bundespräsident Joachim Gauck. Wissen Sie überhaupt noch, wie Ihre Frau aussieht?
Vesper (lacht): Doch, doch, das weiß ich sehr genau. Wir sehen uns oft. Ich bin ja häufig in Berlin, und sie ist am Wochenende in Köln. Aber es ist schon so, dass ich in einem Dreieck lebe. Dabei bleibt es nicht bei Köln, Frankfurt und Berlin. Es kommt Brüssel hinzu und weitere Auslandsreisen, wir haben viele internationale Termine.

Kriegen sie das alles auf die Reihe? Bleibt noch etwas für ein Privatleben?
Vesper: Ja. Meine Kinder und mein privates Umfeld sind mir sehr wichtig. In den Zeiten der elektronischen Medien ist zum Glück vieles ortsungebunden möglich. Ich kann überall auf der Welt meine E-Mails lesen, ich kann Telefonate führen. Man kann heute von überall seine Arbeit machen. Und der Sport ist nun mal ein internationales (Pause) … Geschäft, hätte ich beinahe gesagt.

Das ist es ja auch, oder?
Vesper: … Ein internationales Phänomen ist besser.

Was war denn Ihr Traumberuf als Kind? Politiker? Profisportler?
[kein Linktext vorhanden]Vesper: Mein Vater war Kommunalpolitiker, er war 26 Jahre CDU-Ratsherr in Düsseldorf. Sicher habe ich von ihm das Faible und das Interesse für Politik mitbekommen. Wie das damals halt so war, in der 68er Generation, in die ich hinein gewachsen bin, konnte ich natürlich nicht das studieren, was der Vater gemacht hatte. Der war Jurist. Also musste ich etwas anderes studieren. Das war ein dialektischer Prozess des Abgrenzens und des Einflusses durch mein Elternhaus, das im übrigen sehr liberal war, ich hatte wirklich eine gute Zeit.

Bleibt die Frage nach dem Traumberuf?
Vesper: Ich wollte nie Lokomotivführer werden oder etwas Vergleichbares. Es gab mal eine Zeit, da hätte ich mir den Lehrerberuf vorstellen können. Dann fand ich aber sehr schnell eine Ausrichtung auf das Managen in der Politik oder in der Wissenschaft. Meine erste Stelle hatte ich an der Universität Bielefeld als Dekanatsassistent. Da habe ich gemerkt, dass mir die Verknüpfung von Pragmatismus auf der einen Seite und Inhalten auf der anderen Seite besonders liegt. Also auch hier eine Brücke.

Fußball-Profi bei Fortuna Düsseldorf stand nie auf dem Zettel?
Vesper (schmunzelt): Nein. Da fehlte es an den Fähigkeiten. Ich war zwar auch in einem Fußballverein, bei Turu Düsseldorf, aber meine eigentliche sportliche Karriere habe ich bei Tusa Düsseldorf gemacht, als Tischtennisspieler, zu den Zeiten von Eberhard Schöler. Das war der Sport, der mir lag, deshalb habe ich mir jetzt auch den Traum erfüllt, einen Tischtennis-Tisch zu Hause zu haben.

Was die Freude am Fußball angeht, neben Köln und Düsseldorf spielt für Sie auch noch Bielefeld eine besondere Rolle - falls man das als Freude bezeichnen kann …
Vesper: Als der Konflikt Köln-Düsseldorf erledigt und aufgearbeitet war, habe ich mir eine größere Herausforderung ausgesucht: Ostwestfalen.

Warum ausgerechnet Bielefeld?
Vesper: Das Stadion zog mich dorthin, mit 21 Jahren. Das war eine prägende Zeit, und da begann auch meine Liebe zu Arminia.

Und Sie fiebern mit der Arminia immer noch ein bisschen mit?
Vesper: Nicht nur ein bisschen, sondern sehr. Ich bin immer froh, wenn Köln und Bielefeld nicht in einer Liga spielen.

Sie haben die Clubs gut auf drei Ligen verteilt ...
Vesper: Düsseldorf war in der Tat die erste Mannschaft, zu der ich ging. Mein Vater hat sich zwar nicht groß dafür interessiert, musste sich aber als Ratsherr im Rheinstadion sehen lassen und nahm mich halt mit. Dann kam Bielefeld dazu, und jetzt wohne ich in unmittelbarer Nachbarschaft zum FC, so dass ich auch dort gerne bin. Als Sportminister, der ich mehrere Jahre war, habe ich gelernt, die nordrhein-westfälischen Vereine insgesamt zu mögen. Viele werden jetzt sagen, das geht gar nicht …

Und als guter Politiker geben sie selbstverständlich auch kein Ranking ab?
Vesper: Nein, da gebe ich kein Ranking ab.

Obwohl das tief im Herzen ja existieren muss, oder?
Vesper: Gut, die drei Vereine, die Sie genannt haben, die genießen natürlich Priorität.

Nun zu dienstlichen Sportthemen eines DOSB-Generaldirektors. Mit einigen Tagen Abstand zum Attentat in Boston: Sehen Sie Auswirkungen auf den Sport bis hin zu Olympischen Spielen? Im Jahr nach 9/11 standen beispielsweise standen die Winterspiele in Salt Lake City im Zeichen einer gewissen Hysterie, bevor sich allmählich alles wieder normalisierte. Sehen Sie ähnliche Auswirkungen für Sotschi 2014 und Rio 2016? Muss man Sicherheitsvorkehrungen generell wieder verstärken.Vesper: Man darf nicht das tun, was Terroristen wollen, die solche abscheulichen Anschläge verüben und beispielsweise einen achtjährigen Jungen töten. Denen geht es darum, dass der gesamte Alltag nur noch unter den Sicherheitsaspekt gestellt wird. Selbstverständlich ist es enorm wichtig, die Sicherheitskonzepte stets zu überprüfen und zu verbessern. Es geht vor allem darum, solche Anschläge bereits im Vorfeld zu verhindern. Das kann nur über ein intelligentes Abwehrsystem funktionieren, das solche Anschläge möglichst während der Planungsphase entdeckt. Es nützt niemandem, jetzt in Panik zu verfallen.

Also gilt nach wie vor die Aussage von Avery Brundage nach dem Anschlag bei Olympia 1972: „The games must go on“?Vesper: Das Attentat von München und jetzt den Anschlag von Boston kann man nicht vergleichen. Man darf aber nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss stets die Sicherheit im Blick haben, um Anschläge möglichst im Vorfeld abzuwehren, ohne dem Sport dabei das zu nehmen, was ihn ausgezeichnet; seine Leichtigkeit und seine Fröhlichkeit.

Hundertprozentige Sicherheit jedoch ist nicht machbar. Bleibt da nicht ein Gefühl der Machtlosigkeit?
Vesper: Seit 2002 war ich bei vielen Olympischen Spielen – inklusive Salt Lake City nach dem 11. September. Es ist bisher nie so gewesen, dass durch die Sicherheitsvorkehrungen die Atmosphäre vergiftet worden wäre. Ich habe den Eindruck, die Menschen sehen ein, dass die Kontrollen notwendig sind. Aber sie lassen sich davon zum Glück nicht in ihrer Begeisterung bremsen.

Noch einmal nachgehakt: Rechnen Sie mit einer Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen in Sotschi und Rio?
Vesper: Unabhängig von diesem Anschlag sind die Sicherheitsvorkehrungen in Sotschi extrem hoch. Die Stadt ist nicht weit entfernt von einer Krisenregion, und von daher sind die russischen Behörden stark bemüht, die Sicherheit der Sportler und des Publikums zu gewährleisten.

Sie werden in Sotschi zum dritten Mal „Chef der Mission“ des deutschen Olympia-Teams. Aus ihrer Sicht: waren die Spiele in London bislang die besten?
Vesper: Sie waren schon extrem toll, aber klar, immer haben die letzten Spiele die Chance, als die besten zu gelten, weil die Erinnerungen am wachsten sind. Was in London im Unterschied zu Peking wirklich mit Händen zu greifen war, war die unglaubliche Begeisterung in dieser Weltstadt. Da sind sich Zwei auf Augenhöhe begegnet, nämlich eine lebendige, urbane Metropole, und dieses größte Ereignis der Welt. Was mich auch sehr beeindruckt hat, ist die Nutzung vorhandener Wettkampf- und Kulturstätten - die Integration der Spiele in Schauplätze wie Greenwich, Horseguard, Wembley oder Wimbledon. Die Klassiker waren alle dabei. Das kann keine Stadt so einfach toppen. Jeder Gastgeber muss deshalb versuchen, seine eigene Stärke auszuspielen und seine eigene Story zu erzählen.

Von Sotschi können Sie dann ja nicht wirklich begeistert sein.
Vesper: Sotschi ist in der Tat so etwas wie das Gegenmodell dessen, was wir dem IOC mit München 2018 präsentiert haben.

Ökologische Nachhaltigkeit als Kernbotschaft zieht offenbar noch nicht bei den IOC-Verantwortlichen – 2018 sind die Winterspiele in Pjöngjang.  as spricht denn für Spiele der Marke Sotschi? 
Vesper: Das Cluster von Sotschi selbst, wo die Eiswettbewerbe stattfinden, ist von einer Kompaktheit, wie ich sie bisher noch nie gesehen habe, schon gar nicht bei Winterspielen, auch nicht in Vancouver. Im Grunde ist alles fußläufig erreichbar. Auch in den Bergen sind technisch hervorragende Sportstätten geschaffen worden. Allerdings gelten hier andere ökologische Standards als bei uns. Eine Eisenbahn in das Flussbett eines Bergbaches zu bauen, wäre bei uns nicht denkbar gewesen.

Wie hoch ist denn nach heutigem Stand, knapp ein halbes Jahr, bevor die Entscheidung getroffen sein muss, die Wahrscheinlichkeit, dass München sich um die Winterspiele 2022 bewirbt?
Vesper: Wir haben uns mit den Wintersportverbänden und unseren Partnern verständigt, das hervorragend bewertete Konzept München 2018 weiter zu entwickeln. Im Kern geht es darum, einen kleinen Teil der Wettbewerbe und damit auch der Unterkünfte in die Region Ruhpolding sowie nach München zu verlagern und dadurch Garmisch-Partenkirchen zu entlasten. Diese Optionen sollen rechtzeitig geprüft werden, damit zu den möglichen Bürgerentscheiden im November alle notwendigen Informationen vorliegen. Das sind neben der Machbarkeit und der Antwort auf die Finanzierungsfrage die Entscheidung des IOC über die Olympischen Spiele 2020 sowie die politischen Wahlentscheidungen im Freistaat Bayern und im Bund. Der nächste Schritt wird im Herbst die Entscheidung des DOSB sein, ob wir uns erneut für Winterspiele bewerben wollen. Bei einem Ja würde der Bürgerentscheid am 10. November folgen.

Ein anderes Thema mit Blick auf Sotschi und Rio: Was hat der DOSB aus den unangenehmen Diskussionen des letzten Halbjahres über Zielvereinbarungen gelernt? Die öffentliche Wertschätzung der Erfolgsbilanz von London hat schließlich darunter gelitten.
Vesper: Ärgerlich war, dass gemeinsam vereinbarte Potenziale als einseitige DOSB-Vorgaben fehlgedeutet wurden. DOSB und Fachverbände hatten gemeinsam die Medaillen-Potenziale mit dem Ziel definiert, sie bestmöglich zu entwickeln. Diese haben einige dann wider besseres Wissen zu einem Medaillen-Ziel einfach aufaddiert. Und uns wurde unterstellt, wir hätten als Ziel 86 Medaillen ausgegeben. Dann wären wir ja größenwahnsinnig gewesen, denn das ist die Größenordnung von China und USA. Man kann die Absurdität dieser Zählungen daran erkennen, dass beispielsweise je eine Medaille im Handball und im Fußball dabei war, obwohl die Mannschaften gar nicht qualifiziert gewesen sind. Im Übrigen ging es in den Zielvereinbarungen auch nicht um die gesamten Mittel von rund 130 Millionen Euro im Sportetat, sondern um die davon für gezielte Olympiaprojekte eingesetzten 6 bis 7 Millionen Euro.

Kritiker interpretierten die vermeintlich falschen Prognosen als Zeichen des Niedergangs im deutschen Spitzensport. Was wäre die aus Ihrer Sicht richtige Einordnung der vergangenen Spiele – und wie definieren Sie Stand jetzt die Ziele für Rio?Vesper: Wir haben zum ersten Mal seit Barcelona 1992 wieder mehr Medaillen gewonnen als bei den Spielen zuvor, 44 statt 41. Unsere Zielsetzung für Rio ist schon jetzt klar: Wir wollen das Ergebnis von London mindestens erreichen, möglichst aber toppen. Das ist nicht einfach, weil die internationale Konkurrenzsituation sich dramatisch verschärft hat, weil alle Nationen derzeit sehr viel Geld und Energie in den Spitzensport stecken.

Apropos Geld: Die gute Absicht hinter den Zielvereinbarungen sollte ja sein, mit diesem Steuerungsinstrument die Förderungen transparenter zu gestalten. Wie sehen denn die neuen Zielvereinbarungen aus, welches sind die Parameter?Vesper: Die gute Absicht hinter den Zielvereinbarungen ist vor allem, über den Anteil der Bundesförderung, der in die so genannten Projektmittel fließt, möglichst fair zu entscheiden. Daran wird sich nichts ändern. Natürlich werden wir auch weiterhin sportliche Ziele mit den Verbänden vereinbaren, das ist nicht zuletzt auch deren Wunsch. Denn Leistungsport ohne Ziele gibt es nicht. Wir werden diese künftig in geeigneter Weise veröffentlichen.

Wo dürfen wir Deutschland Stand jetzt, anno 2013, international einordnen?
Vesper: Wir sind insgesamt durchaus in der Spitzengruppe, im Winter mehr als im Sommer. Aber da gibt es eine ganze Reihe von Nationen, die uns unseren Platz wegnehmen möchte.

Der Sommer kann das nie aufholen, weil die Vielfalt im Sport weltweit viel größer ist als Winter? Oder gibt es andere Gründe?
Vesper: Wir sind eine Wintersportnation. Da haben wir eine sehr große Tradition. Wir haben die Alpen vor der Haustür. Im Sommersport kommt eine grundsätzliche Erwägung hinzu: Aus tiefer Überzeugung stehen wir zu unserer Sportkultur in Deutschland. Die beinhaltet, dass wir unser Spektrum im Spitzensport nicht reduzieren und uns nicht auf wenige Sportarten konzentrieren werden, nur weil sie medaillenträchtig sind. Wir bleiben bei der Philosophie, dass wir uns breit aufstellen, solange die Mittel, die Staat und Gesellschaft investieren wollen, dazu ausreichen. Im Moment fehlen dazu mit Blick auf Rio jedoch 25 Millionen Euro.

Obwohl es erfolgsbezogene Förderungen gibt...
Vesper: Natürlich, denn wir wollen überall erfolgreich sein, deshalb muss es zusätzliche Leistungsanreize geben. Aber wenn wir vor Jahren im Turnen angesichts der damaligen Erfolglosigkeit gesagt hätten, okay, dann lass uns Turnen doch erstmal beiseite stellen, lass uns zum Beispiel auf Kampfsportarten konzentrieren, wie das andere Nationen, zum Beispiel Korea, tun, dann hätten wir doch die Entwicklung eines Fabian Hambüchen, eines Marcel Nguyen oder eines Philipp Boy vielleicht gar nicht bekommen. Man darf keine Sportart aufgeben, sondern muss die Potenziale entwickeln - von der Talentsichtung bis zur absolute Weltklasse.

Sie sind aber nicht nur der Generaldirektor für die kleine Kaste der Spitzensportler, sondern für Millionen Sporttreibende in Deutschland. In der Gesamtsicht: Welche Visionen haben Sie für ihre weiteren Jahre als Generaldirektor? Nennen Sie die drei größten Herausforderungen für die kommenden drei Jahre!
Vesper: Zunächst einmal gehört beides zusammen: Breitensport und Spitzensport. Vorige Woche war ich in einer Schule, die mit Vereinen in Nordrhein-Westfalen kooperiert. Da ist mir gesagt worden, dass die Volleyball-Abteilung nach dem Beachvolleyball-Gold von Jonas Reckermann und  Julius Brink in London plötzlich dreimal so viele Mitglieder bekommen hat. Das heißt: Der Spitzensport strahlt auf den Breitensport aus. Umgekehrt kann dieser sich nur entwickeln, wenn Sport in der Breite betrieben wird. Beides gehört zusammen. Meine Visionen lassen sich deshalb nicht chirurgisch zerteilen in Spitzensport und Breitensport. Meine Vision ist es, in einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft einen humanen Spitzensport zu entwickeln, der auf Freiwilligkeit basiert und trotzdem durch einen stetigen Strom von Talenten gespeist wird. Das ist Nummer eins. Nummer zwei: Ich wünsche mir, dass sich unser Sportabzeichen, das gerade 100 Jahre alt geworden ist, für alle Generationen so entwickeln lässt, dass es zum guten Ton gehört, es abgelegt zu haben. Dritte Vision: Wir müssen erreichen, dass der gesellschaftliche Wert des Sports von dieser Gesellschaft durchweg akzeptiert wird. Der Sport dient der Integration von Menschen mit Behinderung und von Menschen mit Migrationshintergrund, er fördert die Volksgesundheit und Sport trägt maßgeblich zur Bildung bei. Aktive Kinder lernen viel, viel besser.

Ähnlich formuliert dies Hockey-Bundestrainer Markus Weise. Insbesondere fordert er mehr finanzielle Unterstützung für den Spitzensport. Sind Sie mit ihm auf einer Linie?
Vesper: Selbstverständlich. Der Spitzensport in Deutschland wird zum großen Teil von den Steuerzahlern finanziert, und wir wissen, dass die Menschen sich freuen, wenn deutsche Athleten erfolgreich sind, dass sie sogar glücklich sind, wenn es Erfolge gibt. Deswegen brauchen wir die gesellschaftliche Diskussion über den Wert des Spitzensports. Da bin ich mit Markus Weise völlig einig.

Schaffen sie sich den Freiraum, selbst Sport zu treiben? Als DOSB-Generaldirektor predigen sie ja den Leuten, man müsse Sport zu treiben, um gesund zu bleiben?
Vesper: Ich versuche, so viel wie möglich zu joggen. Ich fahre gerne Rad und spiele vor allem mit meinen Söhnen Tischtennis.

Der moderne Spitzensport ist leider untrennbar mit der Dopingproblematik verknüpft. Eine ernstzunehmende Bekämpfung muss unabhängig sein. In diesem Zusammenhang sehen Kritiker Ihre Mitgliedschaft im NADA-Aufsichtsrat als Indiz dafür, dass es mit der Unabhängigkeit im Anti-Doping-Kampf in Deutschland nicht so weit her ist. Was entgegnen Sie?
Vesper: Dass Unabhängigkeit sich nicht in Distanz erschöpfen kann. Distanz heißt ja auch, mangelndes Interesse und fehlende Passion. Reine Unabhängigkeit in abstrakter Form gibt es nicht. Unabhängigkeit bedeutet letztlich, dass sich keine der beteiligten Kräfte alleine durchsetzen kann. Deshalb haben die NADA-Gründer das so genannte Stakeholder-Modell mit den drei Säulen Politik, Sport sowie Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen. Keiner kann sich allein durchsetzen, das ist das Modell der Unabhängigkeit.

Auf einer gleichmäßigen Beteiligung dieser drei Kräfte fußt auch das Finanzierungsmodell der NADA als maßgeblicher Instanz für die Dopingbekämpfung in Deutschland. Sehen Sie dieses Modell angesichts nicht endender Finanzierungsprobleme der NADA in Gefahr oder sogar als gescheitert an?
Vesper: Der Bund und der Sport haben ihre Hausaufgaben gemacht, sie tragen jeweils etwa zwei Millionen Euro zum operativen Geschäft bei. Nicht gemacht haben sie die Länder. Die Landesregierungen schmücken sich zwar immer gerne mit erfolgreichen Sportlern...

... und ihre Vertreter geben sich bei Olympischen Spielen im Deutschen Haus die Klinke in die Hand.
Vesper: Das stimmt. Aber eine Verantwortung für die Dopingbekämpfung im Spitzensport lehnen sie ab. Das passt nicht zusammen. Und selbstverständlich sind wir auch enttäuscht, dass die Wirtschaft im elften Jahr des Bestehens der NADA immer noch keine entscheidenden Beiträge leistet.

Die Problematik zieht sich durch die vergangenen Jahre wie ein roter Faden. Warum kommt die NADA auch 2013 nicht ohne Nachtragshaushalt aus?
Vesper: Die Finanzierung ist erst einmal gesichert. Der Bund hat eine Million Euro zusätzlich bewilligt, übrigens zu Lasten der Mittel für die Leistungssport-Förderung. Aber es wäre wichtig, dass auch aus der Wirtschaft die Bereitschaft käme, den gleichen Betrag wie Sport und Politik aufzuwenden. Das strukturelle Defizit der NADA liegt bei einer bis eineinhalb Millionen Euro pro Jahr. Das ist wahrlich keine Herausforderung, die nicht zu bestehen wäre.

Welche Alternative sehen Sie? Muss man aufgrund der Erfahrungen mit der Wirtschaft nicht Abstand von dem Drei-Säulen-Modell nehmen?
Vesper: Im Ausland gibt es unterschiedliche Modelle. In den meisten Fällen wird die Dopingbekämpfung staatlich getragen und finanziert.

Wäre das nicht auch das Modell für Deutschland?
Vesper: Ich bin keiner, der so schnell aufgibt. Ich würde gerne unser Modell, das wir damals bereits zu meiner Zeit als Sportminister Nordrhein-Westfalens auf den Weg gebracht haben, zum Erfolg führen. Ich finde es von der Konstruktion her positiv und sage deshalb: Lasst uns versuchen, es im zweiten Jahrzehnt endlich auf solide Beine zu stellen.

Sie gelten als Gegner eines Anti-Doping-Gesetzes: Könnte der Ausgang des derzeit in Stuttgart laufenden Prozess gegen den überführten Dopingsünder Stefan Schumacher Ihre Einschätzung ändern?
Vesper: Ich bin nicht gegen ein Anti-Doping-Gesetz. Es kommt nicht auf die Hülle, sondern auf den Inhalt an. Deshalb bin ich aus gutem Grund dagegen, dass die Strafbarkeit des Besitzes auch geringer Mengen verbotener Substanzen in die staatliche Strafgerichtsbarkeit überführt wird.

Warum?
Vesper: Weil das für den Anti-Doping-Kampf ein Bärendienst wäre. Mit dem dopenden Sportler würden sich dann zwei Systeme beschäftigen. Einerseits der Sport, der Stefan Schumacher damals sofort nach der positiven Cera-Probe für zwei Jahre gesperrt hat, was für ihn zwei Jahre Berufsverbot bedeutet hat; andererseits das staatliche System, in dem im Unterschied zum Sport die Unschuldsvermutung gilt. Hier muss der Staat die Schuld nachweisen; der Sportler könnte sich mit nicht nachprüfbaren Ausreden herausreden – etwa der, dass ihm ein Unbekannter etwas in die Zahnpasta gespritzt hat. Dies würde die Sportgerichtsbarkeit schwächen, es käme zu Schadensersatz-Prozessen, zu unterschiedlichen Ausgängen der Verfahren, Sperre beim Sport, Freispruch vor Gericht. Eine solche Bestimmung würde nach meiner Überzeugung nicht zu einer Verschärfung, sondern zu einer Schwächung des Anti-Doping-Kampfes führen.

Auf der anderen Seite würde den staatlichen Ermittlungsbehörden eine bessere Handhabe eingeräumt bei der Ermittlung in Verdachtsfällen?
Vesper (resolut): Nein, diese Handhabe hat der Staat nach der Verschärfung von 2007 auch jetzt schon. Jede Staatsanwaltschaft kann einen positiven Dopingfall, den der Sport sanktioniert, zum Anlass nehmen, Ermittlungen gegen das Umfeld einzuleiten.

Warum passiert das dann häufig nicht?
Vesper: Weil nur die Hälfte der Staatsanwaltschaften diese Auffassung tragen. Das hat der Evaluationsbericht ergeben. Die andere Hälfte sagt, das reiche noch nicht. Die aktive Hälfte beweist jedoch, dass es funktionieren kann.

In einem aktuellen Gesetzentwurf aus Baden-Württemberg geht es darum, Dopingbetrug als  Straftatbestand einzuführen. In dieser Hinsicht kann der Stuttgarter Prozess gegen Stefan Schumacher richtungsweisend werden.
Vesper: Aber der Gesetzentwurf distanziert sich ausdrücklich von der Forderung, den Besitz einer geringen Menge von Dopingsubstanzen strafbar zu machen. Die eigenverantwortliche Selbstschädigung ist nach deutschem Recht grundsätzlich nicht strafbar. Von daher sagt selbst baden-württembergische Justizminister, dass die Besitzstrafbarkeit nichts bringt. Es muss endlich mal in die Köpfe rein, dass diese erhoffte Verschärfung zu einer tatsächlichen Schwächung des Anti-Doping-Kampfes führen würde.

Anderes Thema: Derzeit wird die politische Diskussion über Frauenquoten in Unternehmen geführt. Der Sport ist eine Männergesellschaft. Wäre eine ernsthafte Diskussion über mehr Frauen in Führungspositionen nicht auch im Sport an der Zeit?
Vesper: Wenn ich in die Mitgliederversammlung des DOSB schaue, dann sind mir viel zu wenige Frauen dabei. Wir führen diese Diskussion, seitdem es den DOSB gibt und ich hier tätig bin. Da bin ich geprägt von meiner politischen Tätigkeit als Grüner, wo es eine fifty-fifty-Quote gibt. Man muss allerdings erst die Voraussetzungen dafür schaffen, wenn man die Mitarbeit von Frauen in Führungspositionen steigern will. Das versuchen wir mit Programmen für mehr Chancengerechtigkeit für Frauen. Die Aufgabe lautet, die vielen Frauen an der Basis des Sports auch in Führungspositionen zu bringen. Im Präsidium des DOSB versuchen wir mit gutem Beispiel voranzugehen. Vier der zehn Mitglieder sind Frauen.

Woran scheitern die Bemühungen?
Vesper: Anders als bei Aufsichtsräten in Unternehmen oder bei Mandaten, geht es hier um Ehrenämter, die nicht vergütet werden und oft auch nicht mit anderen Benefits verbunden sind. Im Gegenteil: Oft bekommt man dafür auch noch Nackenschläge. Deshalb müssen wir generell das Ehrenamt fördern und zeigen, dass es auch den Menschen, die diese Ämter ausüben, etwas bringt, nicht zuletzt gesellschaftliche Wertschätzung.

Noch einmal zurück zu den staatlichen Investitionen in den Sport: Wird an der falschen Stelle gespart? Wo besteht der größte Bedarf?
Vesper: Der Sport wird immer internationaler und die Qualifikationen zu den internationalen Wettbewerben immer aufwändiger und teurer. In vielen Sportarten muss man beispielsweise an Weltcups teilnehmen, um sich für Olympia zu qualifizieren. Es werden immer mehr Wettbewerbe in jeder Sportart, und die finden dann auch noch in immer entfernteren Orten, häufig in östlichen Gefilden statt. Das kostet deutlich mehr. Das muss finanziert werden.

Also gibt es einen erhöhten Investitionsbedarf aufgrund in die Höhe geschnellter Kosten …
Vesper: Richtig, und der zweite Grund für einen Mehrbedarf an Mitteln ist, dass der Trainerberuf in Deutschland nicht genügend Anerkennung findet. Das hängt auch damit zusammen, dass den Menschen als Trainer immer die Fußballtrainer vor Augen sind. Zudem werden die Trainer in den olympischen Sportarten schlecht bezahlt.

Ordnen Sie den Profifußball noch unter Sport ein?
Vesper: Ja, selbstverständlich.

Welche Gründe gibt es dafür noch?
Vesper: Das ist Sport, und Fußball ist in der Tat ein erfolgreicher Sport, ist Volkssport Nummer eins. Zudem fühlt sich der Profisport der großen Sportfamilie zugehörig. Die Deutsche Fußball Liga beispielsweise respektiert und unterstützt den Sport in seiner Breite. Die DFL weiß genau, dass sie den Amateurfußball braucht. Auch die anderen Profiligen brauchen einen soliden Unterbau im Amateurbereich. Deshalb gibt es da ein gutes Miteinander.

Abschließende Frage: was tun Sie am 27. Mai?
Vesper: Ich gehe ins Stadion, weil ich hoffe, dass die Kölner den Relegationsplatz schaffen. Aber der Gegner wird, wie gesagt, nicht Düsseldorf heißen.

Zur Person:
Michael Vesper wurde am 6. April 1952 in Köln geboren. In Düsseldorf, wo sein Vater Ratsherr war, ging er zur Schule - und zur Fortuna ins Stadion. Spielte Tischtennis zur Zeit von Eberhard Schöler.

1979 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Vom Vater (CDU-Mann und Jurist) grenzte er sich als erklärter Vertreter der 68er Generation ab, studierte Mathematik und Soziologie in Köln und Bielefeld, wo er 1982 promovierte.

1995 bis 2005 Mitglied der Landesregierung, bis 2000 NRW-Minister für Bauen und Wohnen, danach auch für Kultur und Sport.

Als er am 1. Oktober 2006 Generaldirektor des DOSB wurde, legte er sein Landtagsmandat nieder.