Interview mit dem Leiter des LAZ Puma Rhein-Sieg

Thomas Eickmann: „Die Leichtathletik schafft sich ab“

Trainer Thomas Eickmann und einer seiner Musterschüler, 400-Meter-Hürdenläufer Christian Heimann, der inzwischen für Bayer Leverkusen startet.

Trainer Thomas Eickmann und einer seiner Musterschüler, 400-Meter-Hürdenläufer Christian Heimann, der inzwischen für Bayer Leverkusen startet.

Bonn. Thomas Eickmann, Leiter des LAZ Puma Rhein-Sieg, urteilt vernichtend über den Zustand seiner Sportart in Deutschland. Der frühere Topläufer unterstellt den Funktionären, Titelkämpfe für sich und nicht für die Sportler auszurichten.

Als „Hans Dampf in allen Gassen“ kennen ihn die Leichtathleten der Region: Thomas Eickmann leitet das LAZ Puma Rhein-Sieg. Immerhin rund 30 Leistungssportler trainieren in den LAZ-Clubs TV Kaldauen, TV Neunkirchen und TV Ruppicheroth. Ambitioniert, und viele von ihnen täglich. Dennoch hat kein Athlet eines Vereins aus dem Kreis Bonn/Rhein-Sieg sich für die deutschen Meisterschaften der Männer und Frauen in Erfurt an diesem Wochenende qualifiziert. Der frühere Marathon-Profi Eickmann erläutert GA-Redakteur Berthold Mertes die Hintergründe des Tiefs – und kommt zu einem vernichtenden Urteil über den Zustand der Leichtathletik hierzulande. Was überrascht, weil Deutschland erst vor zwei Wochen Mannschafts-Europameister wurde.

Herr Eickmann, 1500-Meter-Titelverteidigerin Konstanze Klosterhalfen aus Bockeroth und Christian Heimann aus Sankt Augustin, den Sie beim LAZ zum 400-Meter-Hürdenläufer ausbildeten, starten bei der DM für Bayer 04 Leverkusen. Kein Verein aus der Region Bonn/Rhein-Sieg ist vertreten. Liegt hier die Leichtathletik am Boden?

Thomas Eickmann: Meine Mittelstreckler Dennis Gerhardt, Thorben Juschka und Florian Herr hatten wirklich Pech, dass sie die DM-Norm über 800 Meter nur hauchdünn verpasst haben. Sie haben eine schöne Leistungsentwicklung und auch persönliche Bestzeiten realisiert, aber die Normen sind einfach zu hoch. Das Ergebnis davon wird man in Erfurt sehen: In etlichen Disziplinen fallen die Vorläufe aus und es kommt direkt zum Finale. In den Wurf- und Sprungdisziplinen ist das noch schlimmer.

Bei den hohen Qualifikationshürden hat sich der Deutsche Leichtathletik-Verband etwas gedacht: Er will talentierte Athleten fordern, um sie näher an das internationale Niveau zu führen. Was ist falsch daran?

Eickmann: Der Effekt ist gegenteilig: Die Vereine bluten aus, vor allem die kleineren. Und in den populären Laufdisziplinen kommen nur noch extreme Talente wie Klosterhalfen oben an. Früher war die DM-Teilnahme eine riesige Motivation für die Sportler, sich im Training für ein großes Ziel zu quälen. Bei der DM gab es in den Sprints Vor-, Zwischen- und Endlauf. Die ersten beiden Runden waren für die Topathleten zum Aufwärmen und somit kein Problem.

Sie sprechen von Zeiten, in denen deutsche Meisterschaften Familienfeste waren – mit doppelt so vielen Teilnehmern wie die knapp 600 Einzelstarter in Erfurt.

Eickmann: Diese goldenen Zeiten der Sportart sind schon lange vorbei. Titelkämpfe machen die Funktionäre in erster Linie für sich, nicht für die Sportler: Die Hauptsache ist doch, dass alle Fürsten aus den 20 Landesverbänden dabei sind.

Der Ablaufplan ist auch gestrafft worden, um die Sportart für die Fernsehübertragung attraktiver zu gestalten, oder?

Eickmann: Das ist ein Trugschluss. Das Fernsehen schaltet sich doch so oder so nur zu den Höhepunkten zu, also zu den Finalläufen. Ein paar Vor- und Zwischenläufe mehr würden niemandem schaden.

Liegt die geringere Beteiligung an den „Deutschen“ nicht am Zeitgeist? An fehlender Bereitschaft, sich zu quälen, weil es als uncool gilt? Und daran, dass es wegen Bewegungsmangels der Kinder weniger Talente gibt?

Eickmann: Selbstverständlich spielen die gesellschaftlichen Veränderungen eine große Rolle. Aber die momentane Strategie verschärft die Misere, so dass die Schere zwischen Spitze und Breite immer weiter auseinander geht. Die Leichtathletik schafft sich ab. Und der Verband versteht es nicht, gegenzusteuern, sondern sonnt sich in einzelnen Zufallserfolgen.

Wie sehen Sie als ehemaliger Marathon-Spitzenmann die Entwicklung im populären Straßenlauf?

Eickmann: Leider wird dieser Bereich in der Verbandspolitik völlig stiefmütterlich behandelt. Die Volkslaufabgaben von Veranstaltern werden gerne eingenommen, zur Förderung der Athleten aber wird nichts davon investiert. Ein Nachwuchskonzept für den Langstreckenlauf? Völlige Fehlanzeige! Dabei zählt der Marathon zu den beliebtesten Disziplinen im olympischen Leichtathletik-Programm.

Führende Funktionäre und auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière argumentieren, dass eine Konzentration auf die erfolgversprechendsten Disziplinen dazu dient, die deutsche Medaillenbilanz bei Olympia und WM aufzubessern. Was ist falsch daran?

Eickmann: Wenn das reiche Deutschland nicht schell umdenkt und unserer Sport-Jugend mit einem ausgefeilten Nachwuchsleistungskonzept unter die Arme greift, dann werden wir bald keine anderen Sportarten mehr haben außer Fußball. Der Fußball zeigt uns, wie es gehen kann! Herr de Maizière sollte mal auf einem Sportplatz zusehen, wie sich jugendliche Leistungssportler quälen, um an die Spitze zu kommen. Aber es ist halt leichter, zu den VIP-Empfängen des DOSB zu gehen. Wir haben kein Fördersystem, sondern ein schlechtes Belohnungssystem.

Sie sind kein Verbandstrainer, also in keiner Abhängigkeit. Fürchten Sie, dass Ihnen die wenigen Fördermittel nach derart kritischen Äußerungen gestrichen werden?

Eickmann: Fördermittel? Das LAZ und seine Athleten bekommen keinen Cent aus Leistungsportfördermitteln der Verbände – obwohl das LAZ Sportler wie Christian Heimann, Bennet Steudel und Caroline Klein zu internationalen Meisterschaften und zu DM-Medaillen gebracht hat.