Flüchtlinge in Sporthallen in Bonn

Sport und Politik arbeiten in Bonn nicht gut zusammen

Vielerorts sind Flüchtlinge noch in Sporthallen untergebracht (hier eine Halle in Neuwerk, NRW). Wo das nicht der Fall ist, profitieren die Neuankömmlinge vom vielfältigen Angebot der Sportvereine.

Vielerorts sind Flüchtlinge noch in Sporthallen untergebracht (hier eine Halle in Neuwerk, NRW). Wo das nicht der Fall ist, profitieren die Neuankömmlinge vom vielfältigen Angebot der Sportvereine.

10.02.2016 Bonn. Es könnte turbulent werden. Und laut. Und emotional. Denn die Situation ist ernst – und irgendwann vielleicht auch existenzbedrohend. Am Abend (19 Uhr) treffen sich die Bonner Sportvereine im Clubhaus des Bonner THV zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Stadtsportbundes (SSB).

Viele Vereine sind verunsichert: Was wird aus uns, wenn immer mehr Sporthallen mit Flüchtlingen belegt werden? Laufen bald die Mitglieder weg? Können wir in der nächsten Saison überhaupt noch den Spielbetrieb aufrechterhalten? Haben wir noch eine Funktion in dieser Stadt? Auf der SSB-Versammlung soll das weitere Vorgehen abgesprochen werden.

Ab Ende Februar wird die Duisdorfer Halle an der Schmittstraße nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine Woche später die Josef-Strunck-Halle in Endenich. Zwei Wochen später die Halle Wasserland. Drei Wochen später die Halle der Gesamtschule Beuel. Und kommt es tatsächlich so, wie es derzeit geplant ist, sind im Sommer sämtliche Wettkampfhallen im Bonner Stadtgebiet belegt. Inklusive Sportpark Nord, Pennenfeld und Hardtberghalle.

Vereine treffen sich im Clubhaus des Bonner THV

Beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen ist die Situation in Bonn bekannt. Als Extremfall bekannt. So extrem, dass LSB-Präsident Walter Schneeloch jetzt einen Brief an den Bonner Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan schrieb, in dem er seine Besorgnis ausdrückte „über den abrupten Kurswechsel und die überfallartige Ankündigung der Bonner Stadtverwaltung, 15 oder mehr Sporthallen kurzfristig mit Flüchtlingen belegen zu wollen“. Die Sportvereine würden auf diese Weise wie das fünfte Rad am Wagen behandelt. Das führe auch dazu, dass sie keinen Beitrag mehr zur Integration leisten könnten.

Auf Landesebene beobachtet der LSB die Problematik aufmerksam, aber gelassen. „Die Lage ist im Moment eher ruhig“, sagt Georg Westermann, der stellvertretende Geschäftsführer. „Natürlich gibt es in Städten wie Köln, Essen und Bochum ebenfalls Probleme, aber nicht so wie in Bonn.“ Von den rund 7000 Sporthallen in NRW waren im Oktober 2015 gut 400 belegt. Aktuellere Zahlen soll es demnächst geben.

In seiner Heimatstadt Wuppertal konnte Westermann beobachten, wie der Sport seinen Beitrag leistete, aber auch schnell wieder entlastet wurde. Drei große Hallen wurden dort im vergangenen Jahr mit Flüchtlingen belegt, nach den Weihnachtsferien standen sie dem Sport wieder zur Verfügung.

„Politik und Verwaltung kooperieren in Wuppertal gut mit dem Sport. Man hat gemeinsam geplant“, weiß Westermann. Und weil das so war, entstanden auch keine großen Renovierungskosten. „Als die Hallen wieder frei wurden, waren allenfalls ein paar Malerarbeiten notwendig. Weil Auslegeböden verlegt worden waren, konnte der Sport direkt loslegen.“

Wer nicht so so exakt plant oder keine Zeit dafür hat, auf den kommen unter Umständen gewaltige Kosten zu. Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete vom Beispiel der Rudolf-Harbig-Halle und des Korber-Zentrums in Berlin. Schon wenige Wochen, nachdem Flüchtlinge eingezogen waren, belief sich der Schaden in den beiden Sporthallen auf insgesamt 700 000 Euro.

In NRW registriert Westermann grundsätzlich viel Flexibilität und große Solidarität: „Die Vereine helfen sich. Aber wenn eine höherklassige Mannschaft umzieht, muss sie vielleicht auch Werbebanden ans andere Ende der Stadt schleppen. Das ist nicht immer leicht. Und warum soll der Malermeister aus Essen-Nord in Essen-Süd werben?“

„Viele Kommunen finden gute Lösungen“

Beim Deutschen Olympischen Sportbund in Frankfurt, der Dachorganisation des deutschen Sports, beurteilt man die Lage ähnlich wie auf Landesebene. Es gibt gute Beispiele – und besorgniserregende. „Viele Kommunen finden gute Lösungen“, weiß Karin Fehres, Vorstand Sportentwicklung beim DOSB.

„Hamburg und das Saarland belegen überhaupt keine Sporthallen. In Hessen werden alle Hallen, die als Notunterkünfte genutzt wurden, dem Sport bald wieder zur Verfügung stehen. Bremen dagegen setzt bei der Unterbringung von Flüchtlingen nach wie vor sehr stark auf Sporthallen.“ Bundesweit stünden aktuell rund 1000 Hallen dem Sport nicht zur Verfügung. Ungefähr 4000 Vereine seien davon betroffen.

„Sport integriert, das wissen wir aus vielen Analysen“, sagt Fehres. „Wenn Sportvereine aber keine Hallen haben, können sie nicht integrieren. Und so werden dann auch Flüchtlinge bestraft.“ Die Frau weiß, wovon sie redet, denn von 2000 bis 2006 leitete sie das Sportamt der Stadt Frankfurt. Sie kennt sich aus an der Basis. Ein Massensterben von Sportvereinen befürchtet Fehres derzeit zwar nicht, doch sie hat erfahren: „Mancherorts ist die Herdplatte sehr heiß.“

Weil ein immenser Sanierungsbedarf bestehen wird, sobald die Hallen wieder frei sind, spricht der DOSB bereits mit Berlin, konkret mit Barbara Hendricks (SPD), der Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit im Kabinett Merkel. „Ich gehe davon aus, dass der Bund Fördermittel auch für den Sport zur Verfügung stellen wird“, sagt Karin Fehres.

Hamburg wird diesen Topf nicht in Anspruch nehmen, nicht in Anspruch nehmen müssen. „Hier hat die Politik mitbekommen, dass der Sport viel für Flüchtlinge tut und deshalb von Beginn an keine Hallen belegt“, sagt Thomas Michael vom Hamburger Sportbund. Stattdessen wurden Container, Wohnungen und auch leerstehende Baumärkte genutzt.

Laut Michael gibt es eine klare Aussage des Senats, dass das auch so bleibt. Angesichts von 20.987 Flüchtlingen, die die Hansestadt 2015 laut hamburg.de unterbringen musste, ist das eine erstaunliche Aussage. Wie so etwas geht? Für Thomas Michael liegt das auf der Hand: „Indem Politik und Sport miteinander reden.“ (Gert auf der Heide)